Juniheft 1998, Merkur # 591

Geschichte. Eine Kolumne − Res publica perplexa oder Roosevelt ist die Zarin Hitlers

von Gustav Seibt
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»Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden«, sagt Marx im Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon. »Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789−1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nicht besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793−95 zu parodieren.« Die Schrift von Marx galt dem Nachweis, daß Louis Napoleon zu Unrecht die Maske seines Onkels trug, daß der Neffe nur die Farce der ursprünglichen Tragödie aufführte. Er bestritt dem bonapartistischen Usurpator jenes Charisma, das im Wunderglauben des französischen Landvolks gründete, »daß ein Mann namens Napoleon alle Herrlichkeit wiederbringen sollte«.

Der humanistisch gebildete Marx vermochte die mehrstufige Abgeleitetheit der römisch-napoleonischen Schemata zu entziffern. Schon mit seinem Zug nach Ägypten hatte Napoleon I. jenen Cäsar zitiert, der sich auf den Spuren Alexanders des Großen aufmachte, den Orient zu erobern − so wie Alexander zu Beginn seines Persienkrieges am Hügel von Troia das Grab des Achilleus besucht haben soll. Auch Napoleons Kaiserkrönung im Jahre 1804 war das Zitat eines Zitats, der Wiederaufnahme des weströmischen Imperatorentitels durch Karl den Großen im Jahre 800. Und der Zitatcharakter ließ die entscheidende Abweichung überdeutlich werden: 1804 war der Papst nicht der Handelnde, sondern ein Zuschauer, der ohnmächtig seinen Segen geben mußte. Noch Napoleons Fluchtgepäck von Waterloo enthielt den Stoff für einen solchen magischen Analogismus: eine Biographie des Rienzo, jenes spätmittelalterlichen römischen Diktators, der wie Napoleon zweimal die Macht am selben Orteroberte.


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