Augustheft 1999, Merkur # 604

Geschichte. Eine Kolumne − Das 20. Jahrhundert

von Gustav Seibt
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Was handelt man sich eigentlich mit der auf Anhieb so einleuchtenden Rede vom »kurzen 20. Jahrhundert« ein? Eine geschichtsphilosophische Großerzählung, deren Gegenstand der »Weltbürgerkrieg« ist. Die Eckdaten des kurzen 20. Jahrhunderts sind 1914/17 und 1989, die vom Ersten Weltkrieg ermöglichte russische Revolution und der Fall der Berliner Mauer. Das sieht aus wie Anfang und Ende, und geschichtsphilosophisch wirkt diese Geschichte schon deshalb, weil sie von einem Emanzipationsversuch handelt, von der Anstrengung, die unberechenbare Geschichte des Menschengeschlechts in planende Regie zu nehmen. Das Primärphänomen der so abgegrenzten Epoche ist der Kommunismus mit seiner Idee von Weltrevolution. Faschismus und Nationalsozialismus erscheinen demgegenüber entweder als nachahmend-überschießende Reaktionen aus der Mitte der angegriffenen bürgerlich-liberalen Welt (Ernst Nolte) oder als antibürgerliche Parallelphänomene zum Kommunismus (François Furet und die Totalitarismustheorie): kein Marsch auf Rom, keine Machtergreifung ohne die Oktoberrevolution, ja kein Holocaust (und Unternehmen Barbarossa) ohne den Gulag. 1989 siegte dann eine weltanschauliche Partei über die andere, die Freiheit über die Gleichheit. Plausibel scheint die Weltbürgerkriegsthese schon deshalb, weil sie ein Strukturmerkmal der Staatenpolitik des 20. Jahrhunderts zu fassen erlaubt: das Unterlaufen der traditionellen nationalen Interessenlagen durch länderübergreifende Parteiungen. Es gab nicht nur die Kommunistische Internationale, sondern auch die Affinität der rechtsgerichteten autoritären Regime. Nun agierte die Internationale schon bald in einem sowjetisch-großrussischen Sinn, beispielsweise durch ihr Stillhalten beim weltanschaulich paradoxen Hitler-Stalin-Pakt. Hitler und Mussolini waren sich umgekehrt jahrelang nicht besonders grün, uneins über Österreich und zunächst auch in der Judenfrage. Es ist das wichtigste Verdienst von Dan Diners »universalhistorischer Deutung« des 20. Jahrhunderts, diese Überlagerungen von machtpolitischen und weltanschaulichen Motiven in den Koalitions- und Parteibildungen der Epoche herauszuarbeiten (Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. München: Luchterhand 1999). Diner geht so weit, sogar den Kalten Krieg in die Nachfolge des überkommenen englisch-russischen Gegensatzes auf dem Balkan zu stellen; die Vereinigten Staaten hätten, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg Griechenland und die Türkei für den Westen retteten, das geopolitische Erbe Großbritanniens angetreten. Diner erörtert die Möglichkeit, daß Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in traditionelle »Interessensphären« zwischen den USA und der UdSSR aufgeteilt worden wäre, ohne die mörderische unmittelbare Blockkonfrontation entlang einem eisernen Vorhang. Warum war das nicht möglich? Wenn man Diners Überlegungen fortspinnt, liegt die Antwort nahe: Aus russisch-sowjetischer Sicht sprach alles dafür, den eigenen Teil Deutschlands direkt besetzt zu halten, denn erstens drohte ein vereintes Deutschland immer komplett zum Westen überzulaufen und zweitens war Deutschland voll von Millionen Ostvertriebener, die eine gefährliche Irredenta hätten darstellen können und so die Westverschiebung Polens in Fragegestellt hätten. Die Besatzung Mitteldeutschland aber war nur durch direkte Beherrschung Osteuropas aufrechtzuerhalten, ein traditionelles Bündnissystem wäre dazu nicht ausreichend gewesen. Die Legitimation für die faktische Okkupation Osteuropas durch die Russen vermochte aber nur der Kommunismus zu liefern, das Ziel der Weltrevolution; nur der Kommunismus konnte auch die dafür notwendigen Parteiapparate und Satellitenregime hervorbringen.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Kommunismus also zur realpolitischen Lebensbedingung des großrussischen Reiches geworden. Die Erschöpfung des sowjetischen Imperiums in den achtziger Jahren war materiell und ideologisch, und beides verstärkte sich wechselseitig. Als der Glaube verblaßt war, war auch niemand in den Apparaten mehr bereit, das Reich zu verteidigen. Mit solchen Erwägungen aber hat man die reine Ideologiegeschichte längst verlassen und ist in den materiellen Sphären der Mächtepolitik, von Wirtschafts- und Ereignisgeschichte angekommen. Gegen die These von einem die Epoche übergreifenden Weltbürgerkrieg spricht schon das Zurücktreten des ideologischen Motivs spätestens seit den siebziger Jahren, seit der friedlichen Koexistenz von Helsinki; der Religionskrieg des 20. Jahrhunderts war faktisch 1975 beendet worden. Er lebte in schattenhafter Form weiter als Menschenrechtsforderung von westlicher Seite und dem Nichteinmischungsgebot auf der östlichen. Aber war die heißeste Phase der ideologischen Konfrontation nicht bereits von Stalins Außenpolitik überwunden worden, erst im Pakt mit dem Erzfeind Hitler, dann im Bündnis mit den bürgerlich-kapitalistischen Mächten in der Anti-Hitler-Koalition? Jürgen Habermas hat gesagt, Sieg und Niederlage von 1945 hätten jene Mythen, »die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf breiter Front gegen das Erbe von 1789 mobilisiert worden sind, auf Dauer entwertet ... Allen Legitimationen, die nicht wenigstens verbal, wenigstens dem Wortlaut nach, dem universalistischen Geist der politischen Aufklärung huldigten, ist damals der Boden entzogen worden.« (Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation. Politische Essays. Frankfurt: Suhrkamp1998.) Das Bündnis Stalins mit den Westmächten, das realpolitisch zunächst nichts als ein Gebot des Überlebens war, wird in diesem Licht zu einer fundamentalen ideologischen Stellungnahme. Das bleibt fragwürdig, weil Stalin zuvor sein Bündnis mit Hitler ja in voller Kenntnis von dessen antiuniversalistischer Politik vor allem gegen die Juden eingegangen war, der europäische Faschismus war 1945 definitiv diskreditiert, aber nicht weil er besiegt worden war, sondern weil diese Niederlage den Holocaust ans Licht der Welt gebracht hatte. Ein Nationalsozialismus, der »nur« aus Nationalismus und Antibolschewismus bestanden hätte, wäre durch seine totale Niederlage nicht so vollständig aus der politischen Welt verschwunden, wie schon das relativ starke Nachleben des italienischen Faschismus in der Nachkriegszeit beweist. Im übrigen haben nichtuniversalistische Motive seit 1989 auf dem Balkan eine unerwartete Wirksamkeit erreicht und müssen derzeit erneut niedergekämpft werden. Der Westen, der sich dazu moralisch legitimiert fühlt, aber zunächst ohne völkerrechtliche Deckung vorging, steht ideologisch keineswegs unangefochten da. Die empirischen Motive der Akteure in dem geschichtsphilosophischen Drama zwischen 1917 und 1989 verlieren bei näherer Betrachtung also stark an Eindeutigkeit. Wer vom »Weltbürgerkrieg« spricht und die ihn bestimmenden ideologischen Fronten nachzeichnet, unterstellt leicht einen notwendigen Ablauf; die Gegenüberstellungen von Liberalismus und Totalitarismus, von Freiheit und Gleichheit, von Universalismus und Antiuniversalismus haben etwas Zwangsläufiges. Im kurzen 20. Jahrhundert, mag man glauben, haben sich mit einer gewissen Logik die inneren Widersprüche der Moderne ausgerast. Mißtrauisch kann aber schon stimmen, daß die zentralen Ereignisse, die den Weltbürgerkrieg ermöglichten und seine Parteien in Stellung brachten, sich als ausgesprochen situationsabhängig, ja zufällig erweisen. Schon die Verknüpfung der marxistischen Arbeiterbewegung mit dem Erbe des autochthonen russischen Terrorismus durch Lenin war gewiß naheliegend, aber keineswegs notwendig; und die Oktoberrevolution hätte nicht stattgefunden, wenn der deutsche Generalstab die Revolutionäre nicht eingeschleust und unterstützt hätte. [WS, 13.09.2019] Auch Mussolinis »Marsch auf Rom« wä-re ohne das fahrige Agieren der bürger-lichen Regierung und ohne die Nerven-schwäche des Königs in letzter Minuteso kläglich gescheitert wie der Hitler-putsch in München 1923. Die Hitler-sche Machtergreifung 1933 war geradenicht Folge einer bedingungslosen ideo-logischen Konfrontation, sondern vor-bereitet durch das Zusammenspiel derKommunisten mit den Nationalsoziali-sten gegen die sturmreif geschossene Re-publik und dann durchgesetzt in einerbis zum Schluß vom Scheitern bedrohtenPalastintrige um den senilen Reichsprä-sidenten.Alle drei genannten Ereignisse warenunabsehbar folgenreich: Ohne die Okto-berrevolution, das Aufkommen des Fa-schismus und die nationalsozialistischeMachtergreifung hätte es das 20. Jahr-hundert, so wie wir es kennen, nicht ge-geben. Solcher Folgenreichtum sugge-riert leicht Zwangsläufigkeit; doch be-weist er nichts gegen das Zufällige derentscheidenden Ereignisse, sondern erzeigt nur, daß die europäischen Gesell-schaften nach dem Ersten Weltkrieg unddurch ihn in historisch beispielloserWeise aufgewühlt, instabil und formbargeworden waren. Diese extreme Weich-heit des geschichtlichen Terrains warübrigens vorübergehend; die Wirksam-keit des Zufälligen läßt sich situativ undstrukturell eingrenzen.Die Frage nach dem, was anders hättekommen können, bleibt jedoch reizvoll.Es ist eine unwissenschaftliche Frage, dieder Geschichtsphilosophie den Respektverweigert. Der Versuch des englischenHistorikers Niall Ferguson, seine Suchenach historischen Alternativen im20. Jahrhundert als »virtuelle Geschich-te« wissenschaftlich-modisch zu nobili-tieren, wirkt angestrengt.° Außerdemkneifen Ferguson und seine Mitarbeitervor den Ereignissen von 1917 und 1933;hier hätte man wirklich Phantasie, alsoeine vollkommen neue Geschichte ent-wickeln müssen. Vor zehn Jahren hatHugh R. Trevor-Roper im Merkur(Nr. 486, August 1989) dargestellt, daßdie alternativen, »ungeschehenen« Ge-schichten allzu leicht auf die Vorstellungdes Nichteintretens entscheidender Er-eignisse beschränkt werden; gegen einedramatische Realgeschichte - Spaltungder Niederlande, Ausbruch des ErstenWeltkriegs, Oktoberrevolution - setzteine schwächliche Einbildungskraft oftnur das Bild von Kontinuität und Stabi-lität eines vorangehenden Zustands.Eine solche reduzierte Imagination vonalternativer Geschichte bezeugt besten-falls das Leiden am Katastrophischen vonereignishafter Veränderung überhaupt.Nun scheint die einfache Fortsetzungder Vorkriegswelt von 1914 von heuteaus ganz unwahrscheinlich; auch ohne1914 oder 1917 wäre im 20. Jahrhundertirgend etwas Grundstürzendes zweifelloseingetreten. Das 19. Jahrhundert hatte3 Niall Ferguson (Hrsg.), Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert. Datm-stadt: Primus 1999.


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