Märzheft 2001, Merkur # 623

Geschichte. Eine Kolumne – Generationen

von Gustav Seibt
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Die historistische Allgegenwart des Vergangenen ist, wie man oft bemerkt hat, nur die Rückseite der rapiden Verwandlung der modernen Welt. Die Industrialisierung brachte nicht umsonst den gotischen Bahnhof hervor und verkleidete Bankhäuser als Quattrocento-Paläste; Romantik ist das Korrelat des Verschwindens altständischer Lebensformen. Die zeitgenössische Version solcher Abrufbarkeit der Geschichte trägt aber deutlich radikalisierte Züge. Das historistische Bildungszitat weit entfernter Epochen hat etwas Folkloristisches angenommen, es zeigt sich in üppigen Geschichtsfilmen oder den beliebten reichhaltigen Epochenausstellungen. Neu dagegen ist das Gedrängel auf dem zeitgeschichtlichen Gedächtnistheater. Es hat seit 1989 noch einmal beträchtlich zugenommen, und man hat den Eindruck, daß nicht nur Auschwitz und der Nationalsozialismus eine Vergangenheit bezeichnen, die nicht mehr vergehen will, sondern mittlerweile alles und jedes mit Dauerpräsenz wie verzaubert und am Sterben gehindert wird. Das betrifft längst nicht nur die Aufarbeitung aller Diktaturen, Ideologien und ethnischen Verschiebungen, die Leidensgeschichten sämtlicher Opfergruppen, keineswegs bloß der Juden, sondern auch der Zigeuner, Zwangsarbeiter, Homosexuellen, Stalinismus-Opfer, Stasi-Geschädigten, Vertriebenen und Geflohenen; darüber hinaus zeigt es sich in den Revivals der Kunstrichtungen, Musikstile, Jahrzehnte und Moden: Alles kehrt nach nur kurzem Vergessen zurück, um dann dauerhaft in jenem Zeitgeschichtspark zu verbleiben, zu dem unsere gesamte Lebenswelt geworden ist. Es gibt kein Vergessen mehr, in einem Ausmaß, das sogar Nietzsches endlos zitierte Diagnose in den Schatten stellt: Der Historismus ist total geworden, er hat die Alltagskultur erreicht. Woran liegt diese, alle klischeehaften Diagnosen von der Schnellebigkeit der modernen Zeit Lügen strafende Hypertrophie der Erinnerung? An der Verbindung dieser Schnellebigkeit, also des beschleunigten Wandels, mit der gewachsenen Lebenserwartung in den westlichen Gesellschaften. Es ereignet sich immer mehr, und zugleich werden die Leute immer älter; sie bleiben länger jung und sterben immer später. So gibt es viel zu erinnern und für jede Erinnerung eine hinreichend große Zielgruppe. Immer mehr Generationen mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen leben im selben Zeitraum zusammen. Schon beginnen die Retroparties mit der Musik der neunziger Jahre; gleichzeitig erscheinen immer noch Bücher über die zwanziger Jahre, die die breite Öffentlichkeit zu bewegen vermögen wie so eben Sebastian Haffners Geschichte eines Deutschen. Wie überraschend das ist, lehrt ein einfaches Gedankenexperiment: Man stelle sich für das Jahr 1900 ein noch so glanzvolles Buch vor, das aus eigener Augenzeugenschaft von der Epoche zwischen dem Wiener Kongreß und der Julirevolution gehandelt hätte; es ist schwer vorstellbar, daß es eine Resonanz hätte hervorrufen können, die auch nur annähernd der geglichen hätte, wie sie Haffners Nachlaßwerk im Herbst 2000 mit so großem Recht zuteil wurde.

Noch krasser fällt der Vergleich aus, wenn man ein Jahrhundert weiter zurückgeht: Es ist völlig ausgeschlossen, daß im Jahre 1800, als Schiller seinen berühmten Prolog auf die neue Zeit schrieb, eine Erinnerung an den Spanischen Erbfolgekrieg oder die Pragmatische Sanktion irgendeine größere öffentliche Bedeutung hätte gewinnen können. Und dabei haben auch wir unseren 89er-Umbruch erlebt! Haffners Erinnerungen an die Jahre zwischen 1914 und 1933 sind allerdings ungewöhnlich genug. Man darf sie ohne Zögern unmittelbar neben die bedeutendsten klassischen Werke der Historiographie aus eigener Erfahrung stellen, neben Sallusts Verschwörung des Cati-lina, Saint-Simons Erinnerungen an dieVersailler Hofgesellschaft oder Tocquevilles Memoiren; Scharfsinn, Anschaulichkeit und stilistischer Glanz Haffners sind nicht geringer. Ebenso überragend ist die Erkenntnisleistung dieses vergleichsweise knappen Textes. Hier stehen lauter geschichtliche Tatsachen und Zusammenhänge, von denen man bisher wenig oder noch nie gehört hatte, die aber in Haffners Darlegung eine unwiderlegliche Evidenz gewinnen - und das in einem Gebiet, auf dem, wie man meinte, inzwischen jeder Stein umgedreht worden ist. Haffner schrieb aus der Distanz des Exils, aber noch unter dem Eindruck unmittelbaren Erlebens, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Diese Nahferne sichert seinen Beobachtungen beides: ihre brennende Intensität und die kalte analytische Schärfe, die die Dinge schon von außen sieht und verfremdet. Die einzige Grundlage für das, was Haffner seiner gedachten englischen Leserschaft - sein Text blieb damals unpubliziert - darstellen wollte, war seine persönliche Erfahrung, die Erfahrung eines durchschnittlichen bürgerlichen Deutschen, der keinerlei Zugang zu irgendeinem Geheimwissen hatte, sondern sich wie jeder seiner Zeitgenossen an die Oberflächen des Daseins halten mußte. Haffner liefert das, was Lucien Febvreschon in den dreißiger Jahren forderte, eine Analyse der nationalsozialistischen Mentalität, allerdings entwickelt er sie aus den Erfahrungen eines Kindes und Halbwüchsigen in der Zeit des Ersten Weltkrieges und der Wirren danach. Diese Erfahrungen fanden an der Heimatfront statt, nicht in den Stahlgewittern, ihr Inhalt waren die Erregungender Eltern, der Lehrer und der Zeitungen; ihr Kern ein unbedrohter Alltag im aufregenden Ausnahmezustand. Das erzeugte jene Atmosphäre von extremer Spannung und höchster spielerischer Leidenschaft, die für diese Generation der bürgerlichen Normalität jeglichen Reiz und jegliche Glaubwürdigkeit ein für allemal raubte. Haffner und seine jugendlichen Altersgenossen erlebten den Ersten Weltkrieg nicht im Dreck und Elend der Schützengräben, sondern als einen Vorgang, den man sich wie eine Fußballweltmeisterschaft, nur hundertmal aufregender vorstellen muß. Nationen kämpften mit ihren Millionen Soldaten, Tausenden von Panzern, Hunderten Schiffen gegeneinander; jeden Tag berichtete die Zeitung vom Spielstand: hiereine Schlacht gewonnen, dort ein paarhunderttausend gefallen oder gefangengenommen. Landkarten hielten mit Frontverläufen die Lage fest, Statistiken zählten die Kräfte, Leitartikel feuerten an, die Erwachsenen fieberten mit, Verwandte waren bei den kämpfenden Mannschaften. Der Krieg erreichte zwar den Alltag, als Versorgungsengpaß, Nahrungsmangel, durch Kälte in Wohnungen und Klassenzimmern. Da ansonsten aber erst einmal alles beim alten blieb, steigerte das nur den Reality-Show-Charakter des Krieges für die Daheimgebliebenen. Und das Großartige war: Es blieb spannend bis zum Finale. Zunächst hatten Deutschland und die Mittelmächte Rußland ausgeschaltet, nun erst kam das Endspiel an der Westfront. Denkbar knapp verlor Deutschland die Weltmeisterschaft, betrogen um seinen Sieg, nicht bereit, die Niederlage zu akzeptieren.

Haffner rekonstruiert die Erfahrungenvon Halbwüchsigen, die zu jung waren, um eingezogen zu werden, aber alt genug, um von dem großen Geschehen erreicht zu werden. Sie waren am empfänglichsten für jenen »Fusel des Krieges«, die agonale Aufgeputschtheit, die die damit einmal Infizierten unfähig sowohl für die Reize des privaten Glücks wie fürs mühsame Geschäft der Demokratiemächte. Der Krieg und das Marschieren gingen weiter, erst in der Novemberrevolution, der Freikorpszeit, dann in den politischen Verbänden der Weimarer Zeit, aber auch auf einem ganz anderen, zunächst unschuldig wirkenden Feld: der in den zwanziger Jahren aufkommenden Sportmanie mit ihrer Rekordversessenheit und ihrer kämpferischen Exaltiertheit. In der Inflation folgte der nächste, ebenso erschreckende wie von vielen lustvoll erlebte Ausnahmezustand: Hier wurde nicht nur Geld vernichtet, sondern auch die Geltung von Erfahrungen und bürgerlichen Werten. Der Sparsame war der Dumme, der Zocker gewann, junge Leute gründeten Banken, während Richter und Professoren am Hungertuchnagten. Der krasse Gegensatz von Elend und phantastischem Reichtum ließ mit einem Mal die moderne Vergnügungsindustrie hervorschießen. Die roaring twenties waren so schön, weil sie so unlangweilig waren. Die nervlich aufgeputschte, dabei gekränkte und materiell verunsicherte deutsche Gesellschaft war langweilbar in höchstem Grad geworden, bereit, sich ihren Affekten im Exzeß hinzugeben, im Grunde nicht mehr fähig, irgend etwas unterhalb von Götterdämmerung, Menschheitsdämmerung, Stahlgewitter, Untergang des Abendlands, Weltrevolution ernst zu nehmen. Das war die psychohistorische Kulisse, vor der das erste deutsche Experiment mit Republik und parlamentarischer Regierung scheiterte.


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