Märzheft 2004, Merkur # 659

Geschichtskolumne. Universalhistorie

von Gustav Seibt
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Seit langem hat die zeitgenössische Politik universalhistorische Fragestellungen nicht mehr herausgefordert wie in diesen Jahren. Der 11. September und seine Folgen haben das Vertrauen in die selbstläufige, einer zivilisatorischen Funktionslogik folgende Globalisierung des westlichen Modells untergraben. Vom Ende der Geschichte redet niemand mehr, vom Kampf der Kulturen dagegen sprechen nicht wenige. Die Auseinandersetzung von Islam und westlicher Moderne hat den kulturvergleichenden Blick der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, also vor der geschichtsphilosophischen Ära des sogenannten Weltbürgerkriegs, wiederbelebt. Als weltgeschichtliche Betrachter leben wir heute eher im Kosmos von Max Webers Religionssoziologie oder der Kulturtypologie Oswald Spenglers als im Bannkreis des Marxismus oder der Systemtheorie. Ein polemisch gestimmter Gelehrter wie der Islamforscher Bernard Lewis fragt nach den Ursachen des Zurückfallens der arabisch-osmanischen Welt gegenüber dem Westen seit dem späten Mittelalter (Bernard Lewis, Der Untergang des Morgenlands. Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor. Bergisch Gladbach: Lübbe 2002; Die Wut der arabischen Welt. Frankfurt: Campus 2003). Er entwirft eine Geschichte verfehlter Rezeption technischer und zivilisatorischer Errungenschaften, unterscheidet zwischen Verwestlichung und Modernisierung, vergleicht die Rolle der Frauen und das Verhältnis von Staat und Religion in christlichen und muslimischen Gesellschaften; und wir alle haben das Gefühl, daß wir das wissen müssen, um die gegenwärtige Weltkrise zu verstehen! Auch die Frage, ob und in welcher Form die Türkei in die Europäische Union aufgenommen werden könnte, hat die sozialhistorischen Max-Weber-Anhänger, die bisher vor allem an dessen Herrschaftstypologie anknüpften, auf seine Religionssoziologie verwiesen. Das Christentum mit seiner Spannung von Kirche und Staat, das Fundament des laizistischen römischen Rechts, Reformation und Gewissen, Aufklärung und Säkularisierung werden so zu einem ganz praktisch verstandenen Kriterienkatalog für neue europäische Verträge. Wie spät und konfliktreich die Laisierung Europas war, das noch vor wenigen Jahrzehnten von christlichen Staatsmännern gegründet wurde, gerät bei dieser säkularistischen Teleologie zuweilen aus dem Blick. Das Beispiel Japans, das sich seit 1868 auf eigenen Grundlagen innerhalb weniger Jahrzehnte modernisierte, bleibt in diesem Zusammenhang noch zu entdecken. Wird die Demokratisierung der islamischen Welt nicht eine vergleichbar tiefgehende Kulturverwandlung bringen müssen wie die Verchristlichung der heidnischen Ökumene am Ende der Antike. Ähnlich geht es uns mit Amerika. Der Fall der Mauer hatte kurzfristig die Suggestion eines kurzen 20. Jahrhunderts − mit den Eckdaten Petrograd 1917 und Berlin 1989 − aufkommen lassen. Der vom Weltbürgerkrieg innerlich erstaunlich wenig berührte kontinuierliche Aufstieg der Vereinigten Staaten zu einzigartiger wirtschaftlicher, politischer und kultureller Vormacht geriet beinahe in den Hintergrund. Das Epochenjahr1945 verlor vorübergehend an Geltung. Doch die Reaktion auf die Terrorangriffe und die neue Sicherheitsdoktrin der USA ließ nach historischen Beispielen für die Übermacht dieses reizbaren Giganten suchen. Peter Benders großangelegter Vergleich von Amerika und Rom bezieht sich nicht zufällig vor allem auf die Jahrhunderte des römischen Aufstiegs in der Mittelmeerwelt; die altrömischen Sicherheitsbedürfnisse, die zu immer neuen Eroberungen führten, zeigen frappierende Parallelen zur amerikanischen Monroe-Doktrin und ihrer Abgrenzung einer Zone mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte (um es mit Carl Schmitt zu benennen). (Vgl. Peter Bender, Weltmacht Amerika. Das neue Rom. Stuttgart: Klett-Cotta 2003; Detlef Junker, Power and Mission. Was Amerika antreibt. Freiburg: Herder 2003).

Die den heutigen, von Jahrhunderten innerer Kriege zum Völkerrecht bekehrten Europäern fremde Verbindung von brutaler Schlagkraft mit selbstgewisser Tugend wird im altrömischen Spiegel erst richtig faßbar. Die amerikakritischen Kerneuropa-Anhänger beziehen sich bewußt oder unbewußt auf den europäischen Strukturgegensatz von Gleichgewicht und Hegemonie, wie ihn der deutsche Historiker Ludwig Dehio nach dem letzten innereuropäischen Vormachtkrieg 1948 klassisch beschrieb. Die viel längere Geschichte welthistorischer Hegemonialformen, die der Jurist Heinrich Triepel 1938 in seinem Band Die Hegemonie materialreich entworfen hatte, bleibt wiederzuentdecken und in die Gegenwartfort zusetzen. Erst dann bekämen die europäischen Ansprüche auf weltpolitische Balancierung Amerikas ihr historisches Fundament. Die Globalisierung, nach 1989 das Passepartout weltgeschichtlicher Deutung, erweist sich im Licht dieser Erfahrungen als keineswegs eindeutiger, wenn auch gewichtiger Teilprozeß mit Phasen unterschiedlicher Intensität. Der Begriff verknüpft so heterogene Vorgänge wie die Entdeckung der Welt durch die frühneuzeitliche Handelsschiffahrt, Kolonialismus und Imperialismus sowie den Aufbau einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft, deren erster Höhepunkt die Jahre vor 1914 waren. Das 20. Jahrhundert mit seinen Weltwirtschaftskrisen, den faschistischen und kommunistischen Autarkie-Ökonomien, dem Kalten Krieg bedeutete demgegenüber eine Phase jahrzehntelanger Rückschläge. Globalisierung, das lehrt der universal-historische Fernblick, ist weder umfassend noch unumkehrbar; sie zerfällt in technische, ökonomische und kulturelle Teilprozesse, die sich immer neu mischen können (Vgl. Jürgen Osterhammel/Niels P. Petersson, Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen. München: Beck 2003). Der Bedarf nach Universalgeschichte ist also unübersehbar, allein es fehlen neuere Weltgeschichten, jedenfalls in deutscher Sprache. Wir haben Nationalgeschichten im Übermaß und in jedem Format, auch europäische Geschichten werden immer wieder versucht. Doch die letzten ausführlichen Sammelwerke zur Weltgeschichte, die Reihe im Fischer-Taschenbuch und vor allem die Propyläen-Weltgeschichte, sind nun fast vierzig Jahre alt und müssen immer noch ihren Dienst tun. Sie tun es, zuweilen durchaus glänzend. Golo Mann hat in der Propyläen-Reihe, in der nicht nur Fachhistoriker schrieben, sondern auch Soziologen, Philosophen und Literaturhistoriker, der Weite und Vorurteilslosigkeit seines Geistes ein bis heute beeindruckendes Denkmal gesetzt. Es wäre längst an der Zeit gewesen, diesen Versuch mit heutigen Mitteln zu wiederholen. Stattdessen gewinnt man aus den Übersichten in einschlägigen Lehrbüchern den Eindruck, Universalgeschichte sei eine Art Teilgebiet, in dem Theorien der sozialen Evolution gewälzt werden, also Anregungen und Prolegomena für durchgeführte Weltgeschichten. Interessanter sind da Längsschnitte wie Stefan Breuers kompakte Studie Der Staat (1998) oder Rolf Peter Sieferles brillante ökologische Weltgeschichte Rückblick auf die Natur (1997). [WS, 13.09.2019] Reinhart Koselleck hat in seinerDankrede zum Münsteraner Historiker-preis (Süddeutsche Zeitung, 25. September2003) die Geschichte der Menschheitin ein Vor-Pferde-, Pferde- und Nach-Pferdezeitalter eingeteilt und damiteinen Blickpunkt gefunden, der Kom-munikations- und Kriegstechnik, Herr-schaftssoziologie, Raum- und Zeitöko-nomie in großen Linien sichtbar werdenläßt.Kosellecks Feststellung, daß das Pfer-dezeitalter erst nach dem Zweiten Welt-krieg endete, deckt sich mit der neuenumwelthistorischen Diskussion über das»1950er Syndrom«: Hier geht es um dieUmstellung der gesamten Wirtschafts-weise auf den fossilen Energieträger Erd-öl, das, nicht zuletzt durch die massen-hafte Automobilisierung, erst jene bei-spiellose Wohlstandsexplosion ermög-licht haben soll, die in den fünfziger Jah-ren einsetzte. Sie wurde die materielleBasis für die seither eingetretene Verän-derung der Erdoberfläche: ein dichtesNetz glatter Asphaltbahnen, die weit indie Landschaften hinausgestreute Sied-lungen miteinander verbinden, in denenMenschen leben, die lange Wege zwi-schen Arbeit, Familienleben und Urlaubzurücklegen, in merkwürdigen Blech-kästen.°Vor diesem Hintergrund verschie-denster, aber zusammenklingenderpolitisch-zivilisatorischer Grundfragenmacht die Kleine Weltgeschichte AlexanderDemandts auf sich aufmerksam. Es istdas erste Mal seit Jahrzehnten, daß einernstzunehmender deutscher Fachhisto-riker das Ganze der Geschichte, von derEntstehung des Kosmos bis zur jüngstenPolitik, im Zusammenhang behandelt.Man muß bis zu den Werken Veit Valen-tins und Hans Delbrücks zurückgehen,um Vergleichbares zu finden.° Valentinszwei Bände waren eine Brotarbeit desExils - mit ihren 1200 Seiten haben sieden vierfachen Umfang von DemandtsKurzabriß. Delbrücks fünfbändige Rei-he geht auf Vorlesungen des berühmtenKriegshistorikers an der Universität Ber-lin von 1896 bis 1920 zurück; sie ist über4000 Seiten lang. Beide sind in ihrer Artmeisterhaft, nicht zuletzt stilistisch; bei-de bestechen durch ihren freien Ton, sindaber in der Substanz loyale Spiegelbilderdes Kenntnisstandes und der Begriffe derdeutschen Geschichtswissenschaft ihrerZeit. So recht anerkannt wurden sienicht, denn das spezialisierte Fach wolltedie Möglichkeit einer Gesamtsichtdurch einzelne nicht zugeben.Demandts Büchlein gleicht im Um-fang eher der berühmten Geschichte unse-rer Welt, die H.G. Wells 1923 erscheinenließ, doch ist diese immer noch doppeltso lang; annähernd dieselbe Textmengewie Demandt hat Ernst H. Gombrichsschätzenswerte Kurze Weltgeschichte fürKinder von 1935. Der Umfang ist nichtgleichgültig. Er entscheidet mit über dieideelle Anlage eines solchen Unterneh-mens. Denn je kürzer eine Weltgeschich-te ist, desto größer ist die Versuchung,sie auf wenige Thesen oder einen einzel-nen Aspekt zu bringen. Dann rückt etwadie Auseinandersetzung mit der Natur,also Wirtschaft und Ressourcenver-brauch, in den Vordergrund, währendder Mensch als metaphysisches Wesenim Schatten bleibt; oder die Weltge-schichte wird zur Machtgeschichte, zurHistorie des immer weiter gespanntenKampfs um den Erdball. DelbrücksWerk beispielsweise ist es bei aller Aus-führlichkeit anzumerken, daß es parallel4 Vgl. Michael Maurer (Hrsg.), Aufriß der Historischen Wissenschaften. Band 2 (Stuttgart:Reclam 2001) mit Wolfgang E. J. Webers Beitrag »Universalgeschichte«.> Vgl. Wolfgang Siemann (Hrsg.), Umweltgeschichte. München: Beck 2003.6° Alexander Demandt, Kleine Weltgeschichte. München: Beck 2003.


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