Augustheft 2004, Merkur # 664

Geschichtskolumne. Lehrmeister Krieg: Remember Belgium!

von Gustav Seibt
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Der deutschen Führung war es im August 1914 durchaus bewußt, daß der Einmarsch ins Königreich Belgien ein schweres Unrecht bedeutete. »Wir sind jetzt in Notwehr«, rief Kanzler Bethmann Hollweg vor dem Reichstag aus, »und Not kennt kein Gebot! Unsere Truppen haben Luxemburg besetzt; vielleicht auch schon belgisches Gebiet betreten. Meine Herren, das widerspricht den Geboten des Völkerrechts. Das Unrecht − ich spreche offen −, das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wiedergutzumachen suchen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist. Wer so bedroht ist wie wir und um sein Höchstes kämpft, der darf nur daran denken, wie er sich durchhaut.« Im deutschen Heer allerdings herrschte der vom Reichskanzler formulierte Ausnahme-Alarmismus, kaum dessen moralische Bedenklichkeit. (Militärgeschichte bleibt eine britische Domäne: John Keegan, Der Erste Weltkrieg. Reinbek: Rowohlt 2000; Hew Strachan, Der Erste Weltkrieg. Eine neue illustrierte Geschichte. Gütersloh: Bertelsmann 2004; Michael Howard, Kurze Geschichte des Ersten Weltkriegs. München: Piper 2004.) Das neutrale Belgien sollte, der Logik des Schlieffenplans mit seinem selbsterzeugten Zeitdruck folgend, möglichst schnell überrannt werden. Gegenwehr hielt man teils für irrelevant, teils für illegitim. Mit den belgischen »Praline-Soldaten« hoffte man im Handumdrehen fertig zu werden.

Mit um so größerer Überraschung mußte man einen ebenso couragierten wie effizienten Widerstand des kleinen Landes feststellen. Die belgische Armee kämpfte tapfer; sie vermied die offene Feldschlacht, igelte sich in hochgerüstete Festungen ein und störte die Deutschen durch gezielte Nadelstiche von den Seiten; außerdem bedienten die Belgier sich der tief eingeschnittenen Flußtäler als Verteidigungslinien, vor allem der Maas, deren Brücken sogleich gesprengt worden waren. Das gefürchtete, gigantisch überlegene preußisch-deutsche Heer brauchte drei Wochen, um sich durch das kleine Land zu kämpfen. Die Wut der Deutschen war ungeheuer. Sie entlud sich in einer Serie von Greueltaten gegen die Zivilbevölkerung, die der deutschen Sache in diesem Krieg ein für allemal jegliche Sympathiebei Neutralen raubten. Vor allem der Ansehensverlust in den Vereinigten Staaten war kaum zu ermessen. In den ersten Augustwochen 1914 erschossen deutsche Einheiten über 6500 belgische und nordfranzösische Zivilisten, darunter zahllose Greise, Frauen und Kinder; sie zerstörten Zehntausende von Behausungen und brannten ein Dutzend Ortschaften nieder. Innerhalb weniger Tage war die Armee eines weltweit respektierten Kulturstaates zu einer Horde von »Hunnen« geworden, und von dieser moralischen Niederlage hat sich das Deutsche Reich bis zum Kriegsende nicht mehr erholt − zumal es, vor allem im unbeschränkten U-Boot-Krieg, die Serie seiner Kriegsvölkerrechtsverletzungen fortsetzte. Diese, die damalige Weltöffentlichkeit schockierende Raserei ist heute außerhalb Belgiens weitgehend aus dem historischen Bewußtsein verschwunden. Lediglich die Zerstörung Löwens, vor allem das planvolle Niederbrennen seiner Bibliothek samt ihren mittelalterlichen Handschriften ist durch Wolfgang Schivelbuschs bewegendes Buch Die Bibliothek von Löwen 1988 ins Gedächtnis zurückgekehrt. Im übrigen aber wurden die belgischen Greuel unter einer zweifachen Last begraben: erstens unter den ungleich höheren Blutopfern der nachfolgenden Materialschlachten, zweitens aber durch die phantastische Propaganda, mit der die Alliierten − die Greuelimaginationen traumatisierter Bevölkerungen aufgreifend − auf die deutschen Ausschreitungen reagierten. Da war nicht nur von Mordbrennerei und summarischen Erschießungen die Rede, sondern darüber hinaus von Massenvergewaltigungen, dem Ausstechen der Augen wehrloser Verwundeter und – am einprägsamsten − vom Abhacken von Kinderhänden. Kinder ohne Hände wurden zum grausigsten und wirksamsten deutschfeindlichen Bildmotiv in diesem Krieg. Gerade dieser Vorwurf stellte sich allerdings bei näherer Betrachtung als unglaubwürdig heraus, ebenso wie die Anschuldigungen von Vergewaltigungen (die vereinzelt vorkamen und strengbestraft wurden) oder des Augenausstechens (für das es gar keine Belege gab). Sollten, vor dem Hintergrund solcher Übertreibungen, nicht auch die anderen Vorwürfe weit überzogen gewesen sein? Die Deutschen behaupteten nicht nur das, sondern rechtfertigten sich für ihr Vorgehen gegen Zivilisten mit der Behauptung, Belgien habe einen »völkerrechtswidrigen Volkskrieg« angezettelt, also »rechtlose Kombattanten« ohne Uniform oder sonstige Abzeichen eingesetzt, welche die regulären Truppen aus Hinterhalten, Wohnhäusern und von Kirchtürmen aus beschossen hätten. So senkte sich ein Nebel von moralisch schwerwiegenden wechselseitigen Anschuldigungen über die Faktenlage. Die Schuldparagraphen des Versailler Vertrags und die dort verlangte juristische Aufarbeitung sorgten dann in den zwanziger Jahren für ein Wiederaufleben des Streits und ein neues Hochwallen der Leidenschaften. Noch mehr als die furchtbaren Opfer des regulären Krieges trug dieser Gefühlsnebel − auch ein Effekt der völkerrechtlichen Moralisierung des Krieges durch die einander bekämpfenden öffentlichen Meinungen – dazu bei, die german atrocities von 1914 langfristig dem Vergessen zu überantworten (Vgl. Brigitte Hamann, Der Erste Weltkrieg. Wahrheit und Lüge in Texten und Bildern. München: Piper 2004. John Horne/Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit. Hamburg: Hamburger Edition 2004). Nun hat eine bewundernswürdige kriegshistorische Studie der beiden irischen Forscher John Horne und Alan Kramer den ganzen Komplex neu aufgerollt. Die ebenso mikroskopische wie weitgespannte Untersuchung − geschöpft aus den Archiven aller Kriegsparteien − nimmt dabei die realen Abläufe und ihre emotionalen Überformungen in den Blick; ihr Verdienst besteht einerseits in einer faktenhistorischen Ernüchterung, andererseits im einfühlsamen, methodisch kontrollierten Ernstnehmen der aufgeladenen Gefühlslagen beider Seiten. Die Greuel erscheinen so nicht als selbstverständliche Folge eines schrecklichen Krieges, sondern als erklärungsbedürftiges, auf besondere Umstände und Vorgeschichten zurückführbares Geschehen. Aus dieser Geschichte läßt sich also lernen. Wie kann es zu Kriegsgreueln auch bei zivilisierten Nationen kommen? Die Deutschen glaubten, so Horne und Kramer, tatsächlich an den belgischen Franc-tireur-Krieg. Dazu trug nicht nur der überraschend hartnäckige Widerstand Belgiens bei, sondern ebenso die Erinnerung des preußischen Heeres an den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Dieser schien nach wenigen Wochen militärisch gewonnen, doch dann setzte ein aufreibender, revolutionär-ideologisch befeuerter Freischärleraufstand ein, der die siegreiche Invasionsmacht monatelang beschäftigte und zu schweren Repressalien zwang. Ein solcher Volkskrieg war seither ein Schreckgespenst in der politisch reaktionären deutschen Generalstabswelt. Dazu kommt als zweite Vorgeschichte die deutsche Haltung bei der Ausformulierung des Kriegsvölkerrechts in den Haager Konferenzen bis 1909. Zähneknirschend hatten die Deutschen die Haager Landkriegsordnung akzeptiert, doch nur mit inneren Vorbehalten. Vor allem die starke Rechtsstellung der Zivilisten und der Zivilverteidigung in angegriffenen Staaten, wie sie nicht zuletzt von den kleinen Ländern Schweiz und Belgien durchgesetzt worden war, stieß bei den Deutschen auf Widerstand. Horne und Kramer können zeigen, daß die entsprechenden Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung im deutschen Heer nicht ernsthaft eingeschärft worden waren. [WS, 14.09.2019] Bei Kriegsbeginn wurdedie Armee durch Tagesbefehle sogar aus-drücklich gegen belgische Freischärleralarmiert.Mit gläserner Präzision und wie inZeitlupe rekonstruieren die beiden Hi-storiker die Abläufe bei den einzelnenMassakern. Die Deutschen waren er-schöpft, oft betrunken; die Schallwir-kungen eigener und fremder Gewehrewaren ihnen noch unvertraut - oft trafendie Kugeln der regulären Feinde aus gro-Ber Entfernung noch vor dem Knallge-räusch ein; also glaubte man sich aus derNähe beschossen. Dazu kommt ein über-raschender kultureller Faktor: Abscheu,ja Furcht der überwiegend protestanti-schen Truppen vor den für tückisch ge-haltenen katholischen Geistlichen. » Ka-tholisch verhetzt« fand man die Belgier,man wähnte sich regelmäßig aus Kirch-türmen beschossen. Als letztes wichtigesElement nennen Horne und Kramer er-staunliche Disziplinlosigkeiten bei denDeutschen, Ungeschick, Irrtümer, Be-schuß eigener Einheiten. Etwa in derHälfte der rekonstruierten Fälle spielte»friendly fire« eine auslösende Rolle.Die beiden Historiker sprechen voneiner regelrechten »Großen Furcht«,nach dem Vorbild der von Georges Le-febvre erforschten Massenhysterie in derFranzösischen Revolution, einem Kreis-lauf von Gerüchten und Massakern, diesich auf deutscher Seite phasenweise zueinem wilden Wahn steigerten. Hierkönnen Horne und Kramer an scharf-sinnige zeitgenössische Beobachter undPioniere der Mentalitätengeschichteanknüpfen, wie den Historiker MarcBloch, Verfasser einer Abhandlung über»Falschmeldungen im Krieg«, und denBelgier Fernand van Langenhove.Das Kabinettstück des Buches ist dieminutiöse Rekonstruktion der Abläufein der Kleinstadt Dinant, wo die deut-schen Einheiten am 23. August 1914insgesamt 674 Zivilisten (ein Zehntelder Bevölkerung) töteten. Dinant liegtan einer Steilwand am östlichen Uferder Maas und war daher französischemBeschuß ungeschützt ausgesetzt. BeimEintreffen der Deutschen waren dieBrücken zerstört, die Bevölkerung hattesich in ihre Häuser, Fabriken und einKloster zurückgezogen. Verhängnisvollwirkten die Echoverhältnisse unter derSteilwand zusammen mit den beschrie-benen Schallwirkungen entfernterSchüsse. Die Deutschen glaubten sichvon der Rückseite angegriffen, obwohlnur reguläre französische Truppen auseinem Kilometer Entfernung vor ihnenfeuerten. Nun richtete sich ein unkon-trollierter Rachefuror gegen die Zivil-bevölkerung Dinants: Allein an der Gar-tenmauer eines dort ansässigen Staatsan-walts wurden Dutzende Zivilisten regel-recht hingerichtet, das mit Menschengefüllte Kloster der Stadt setzten dieDeutschen in Brand, der gesamte Ortwurde methodisch in Trümmer gelegt.So gelingt es den beiden unerschütter-lich gründlichen Forschern, aus lang-fristigen Dispositionen (Franc-tireur-Furcht), mittelfristigen Haltungen (Ge-ringschätzung des Kriegsvölkerrechts),kulturellen Obsessionen (Angst vorkatholischer Heimtücke) im Verein mitsituativen Umständen (Geographie und


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