Aprilheft 2005, Merkur # 672

Geschichtskolumne. Wie Geschichte geschieht

von Gustav Seibt
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Es ist die Definition von Geschichte, daß ständig etwas passiert, alles sich bewegt und nichts gleich bleibt. Die Generationen kommen und gehen, sie arbeiten und handeln, sie machen Erfahrungen und haben Ziele, sie reagieren auf Bedingungen und wollen diese verändern. Das Gesamtgewusel von Voraussetzungen, Taten und Folgen aber bleibt unberechenbar; es schließt sich erst im Rückblick zu jenen großen Ereignissen und Prozessen zusammen, die Historiker durchschauen und erklären wollen. Zwar lassen sich präzise Ursachenzurechnungen schon deshalb nicht vornehmen, weil kein historischer Vorgang isolierbar und wiederholbar ist, eine experimentelle Faktorenanalyse also ausgeschlossen bleibt. Selbst der Blick der pragmatischen Klugheit − hätte die Französische Revolution vermieden werden können, wenn Ludwig XVI. den Staatshaushalt rechtzeitig saniert hätte −, bleibt unsicher. Im Rückblick stellen sich gerade solche dramatischen Großereignisse wie etwas fast Unvermeidliches dar: Unter der politischen Oberfläche des Ancien regime hatte sich sozial, ökonomisch, mentalitätsgeschichtlich so viel verändert, nicht zuletzt durch die absolutistisch vereinheitlichende Kraft eben dieses Regimes, daß die Revolution wie ein Erdbeben wirkt, das nur lange sich anbahnenden tektonischen Verschiebungen zu ihrem plötzlichen Ausbruch verhalf. Eine Kruste brach, und tiefere Kräfte räumten den Überbau ab. Im Grunde laufen die meisten Erklärungen großer Ereignisse auf eine solche Zweistöckigkeit hinaus − seit Thukydides nach den Ursprüngen des Peloponnesischen Kriegs fragte und dabei zwischen Ursachen und Anlässen unterschied. Langfristige Veränderungen in grundlegenden Bedingungen bereiten in aller Stille das Gewitter der Ereignisse mit seiner Plötzlichkeit vor. Dann folgen jene »Krisen«, in denen alles flüssig wird, zur Disposition steht und zum Plasma in den Händen von Massen und Führern wird. Für dramatische historische Minuten regiert der Zufall. Das discrimen rerum, der exponierte Moment der Entscheidung, hat so immer eine strukturelle Unterlage, und diese verändert sich nicht revolutionär, sondern evolutionär, schrittweise, kumulativ. Seit dem späten 18. Jahrhundert wird nun nicht nur nach den Ursachen von Ereignissen und Wendepunkten gefragt, sondern geraten langfristige und kollektive Prozesse in den Blick der Historiker. Wie kam es zur Renaissance, zu dieser Verbindung aus Rückwendung zur Antike, Öffnung zur Welt und dem Menschen, diesseitiger Politik, freier Kunst, Individualismus? Das Problem solcher Fragen besteht schon darin, daß das zu erklärende Phänomen selbst abgrenzungsbedürftig und umstritten ist. »Mittelalter« und »Renaissance« erscheinen den Historikern heute viel undeutlicher voneinander geschieden als den Zeitgenossen Jacob Burckhardts. Die Erklärung des Phänomens verschwimmt mit seiner begrifflichen Konstitution. Die ehrgeizigste Frage heutigen historischen Denkens hat Max Weber vor fast hundert Jahren formuliert, und eine faszinierende neue Studie preßt sie in zwei Wörter: Warum Europa? (Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. München: Beck 2003) Der Wiener Historiker Michael Mitterauer zitiert ausdrücklich Webers berühmte Vorbemerkung zu seinen Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie: »Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch − wie wenigstens wir uns gern vorstellen − in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?«

Weber selbst legte Wert darauf, daß er mit seiner Religionssoziologie nur einen einzigen kausalen Strang aus einem viel größeren Zusammenhang herauslöste; darum die Formulierung »Verkettung von Umständen«. Was hat das kleinräumig zersplitterte Vorgebirge Asiens befähigt, Wirtschafts- und Lebensformen hervorzubringen, die in Gestalt von Kapitalismus und Demokratie den Erdball eroberten in einer Dynamik, deren Ende noch immer nicht abzusehen ist? Mitterauer beschränkt sich auf die mittelalterlichen Grundlagen dieses Sonderwegs, er sieht also gerade von Webers eigenem Untersuchungsfeld, dem frühneuzeitlichen Puritanismus, ab; doch macht er ernst wie wenige vor ihm mit Webers Forderung, die Verkettung von Umständen zu untersuchen, das Geflecht vielfältiger, sich wechselseitig bedingender Umstände mit ihrer historisch einzigartigen Entwicklungskraft. Mitterauers Untersuchungen sind kleinteilig und weitgespannt zugleich, was die Lektüre abwechslungsreich, ein Referat aber nicht leicht macht. Beispiele mögen zeigen, wie dieser virtuose Kausalkettenschmied vorgeht. Mitterauer beobachtet für das frühe Mittelalter eine eklatante agrarräumliche Schwerpunktverlagerung vom Mittelmeerraum ins römisch-germanische, später fränkisch-deutsche Grenz- und Kerngebiet zwischen Ile de France, Rhein und Nordsee. Hier ermöglichten neue Getreidesorten − Roggen und Hafer − und neue Anbauformen – der Fruchtwechsel in der Dreifelderwirtschaft − eine enorme Ertragssteigerung mit entsprechenden Nahrungsspielräumen für das Bevölkerungswachstum. Roggen und Hafer gediehen im kühl-feuchten Klima des Nordens, auf nassen oder schlechten Böden besser als der Weizen; sie ließen sich zudem länger in Vorräten lagern. Der Wechsel zwischen Roggen, Hafer und Grasweide erlaubte es, die Erschöpfung der Böden wirksamer zu vermeiden als in der mittelmeerischen Brandwirtschaft. Dazu kamen anbautechnische Innovationen: Die dauerhafter genutzten Böden wurden mit Zugtieren, also Pferden und Rindern, sowie dem tiefgreifenden Scharpflug bebaut (und mit Rinderfäkalien wirksam gedüngt). Die Rinderhaltung sicherte zudem eine fleisch- und milchreiche Ernährung, steuerte also der einseitigen Vergetreidung entgegen. Die dabei erzielten Erträge waren so hoch, daß sie nur durch rationelle Mahltechniken, also die typisch europäische vertikale Wassermühle, bewältigt werden konnten. Die Errichtung derart aufwendiger Mühlen war von einzelnen Landwirten nicht zu leisten, sondern bedurfte einer kollektiven Anstrengung; diese wurde im Zusammenhang der Villikationsverfassung oder besser: der zweigeteilten Grundherrschaft geleistet. Sie setzte sich aus einem großen Herrenhof mit unfreien Arbeitern und darum hausenden fronpflichtigen Bauern auf eigenen Hufen zusammen. Die Bauern wirtschafteten auf eigene Rechnung, bearbeiteten aber einen Teil des Herrenlandes mit und lieferten einen Teil der eigenen Erträge ab, wofür sie Mahlmöglichkeiten und militärischen Schutz erhielten. Zugpferde konnten auch zu Waffenpferden für Ritter werden − Pferde ernähren sich bestens vom Hafer, der in der neuen Fruchtfolge eine so große Rolle spielte. Die intensive Kleinräumigkeit dieserWirtschaftsweise – Rinder sind als Zugtiere von Transportwagen sehr gemächlich, also nur für kurze Distanzen einsetzbar – förderte die Entstehung vieler mittlerer Siedlungskerne. So überzog sich das in Herrengüter und Bauernhufen aufgeteilte Land mit zahlreichen Gewerbezentren, Burgen und Klöstern samt befahrbaren Wegen dazwischen. [WS, 13.09.2019] Den Sonderweg Europas erkennt Mit-terauer im Vergleich beispielsweise mitder islamischen Mittelmeerkultur: Hierstand eine exportorientierte, von kom-plexen Bewässerungssystemen gestützteGarten- und Fruchtlandwirtschaft imMittelpunkt, deren Produkte nicht aufZugtieren und Wagen in nahe Zentrenund zu benachbarten Verbrauchern,sondern auf Reittieren, vor allem Kame-len, über weite Entfernungen auf schma-len Pfaden verbreitet wurden, was grö-Bere Städte mit einer vergleichsweiseluxurierenden Zivilisationsstufe begün-stigte.Die europäische Villikationsverfas-sung förderte zudem eine typisch euro-päische Familienverfassung, bei der dasZusammenwirken in einem Verband -der herrschaftlichen, aber auch genossen-schaftlichen familia - wichtiger war alsdie Blutsbande in einem Clan, was wie-derum der christlichen Konzeption vonGemeinde entsprach. Kleinfamilie, Ge-meinde, Genossenschaft und Grundherr-schaft harmonierten ausgezeichnet miteiner bestimmten Landwirtschaftsweise.Damit ist Mitterauer bereits tief in poli-tisch-sozialen Strukturen, in denenAdelsherrschaft, kommunale gemeind-liche Verfassung und geistlicher Indivi-dualismus der späteren Entwicklung zuStändestaat und Parlamentarismus vor-arbeiteten.Der Historiker hütet sich dabei pein-lich, von Kausalitäten im Sinne vonZwangsläufigkeiten zu sprechen; erbleibt bei dem Weberschen Begriff der»Wechselwirkung«. Das Netz, das er da-bei bis hinauf in den Überbau von Papst-kirche und universalen Orden als ge-meineuropäischen Organisationen oderbis zu den Kreuzzügen als Form desExpansionismus im Verbund mit demProtokolonialismus italienischer See-republiken entwirft, ist so dicht wie an-schaulich. Zwei von Mitterauers Wech-selwirkungen seien hier noch herausge-hoben. Die eine ist wirtschaftsgeschicht-lich. Die von der intensivierten Getrei-dewirtschaft erforderte Entwicklung derMühlentechnik arbeitete auch der vor al-lem spätmittelalterlichen Montanindu-strie, also dem Untertageabbau von Erz,vor. Denn mit Mühlenkraft ließ sich dasProblem der Entwässerung lösen, dasmit Handkraft nicht zu bewältigen ge-wesen wäre. Daß Mühlen auch dem Ein-satz von Wasserkraft zu anderen Zwek-ken - Walken, Sägen, Hämmern, Schlei-fen - dienten, förderte ein spezialisiertes,zunehmend technisiertes Gewerbe. EinBlick nach China lehrt die Besonderheit:Reis als Grundnahrungsmittel bedarfkeiner Mühlen. So wurde der frühmittel-alterliche Getreideanbau auch zu einerVoraussetzung der europäischen Indu-strialisierung.Eine andere Wechselwirkung reicht inden Überbau von Religion und Kunst.Das Christentum war eine antike Stadt-religion von magiefreiem, naturfernemZuschnitt. Mitterauer zitiert religions-geschichtliche Untersuchungen, diefeststellen, daß diese naturferne Formvon Religiosität in der landwirtschaft-lich geprägten Welt des Frühmittelalters- den Naturgewalten so ausgeliefert wiejede ländliche Gesellschaft - nicht aus-reichte. So entwickelte das Christentumfruchtbarkeitsreligiöse, magische, fast»heidnische« Züge in Heiligenvereh-rung und magischen Praktiken. In die-sem Zusammenhang kam eine Reli-quienverehrung auf, die nicht nur zueiner reichen Altar- und Goldschmiede-kunst führte, sondern auch auf dieAbendmahlslehre und den Fronleich-namskult ausstrahlte.So wie die Gebeine der Märtyrer fürSegen sorgen sollten, so verlangte diesemagische Religiosität nach »Realprä-senz« des Leibes Christi in der Hostie.Mitterauer sieht nun zwei zeitlich paral-lele Kulturerscheinungen als Folge sol-cher Realpräsenz: den Antisemitismusund den Realismus in der Kunst. DieRealpräsenz des Abendmahls als Wieder-holung von Christi Passion im Hier und


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