Augustheft 2003, Merkur # 652

Geschichtskolumne. Der Untergang des alten Deutschland

von Gustav Seibt
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Ein Dilemma jeder Kriegsgeschichtsschreibung, ja überhaupt jeder Darstellung von Krieg ist es, daß sich die Leiden von Kämpfern und Opfern nur um den Preis des Mitfühlens in die Logik der Kriegsführung mit ihren strategischen Handlungsketten einfügen lassen. Schmerz, Tod und Trauer sind etwas Unmittelbares, das aus den Zusammenhängen der geschichtlichen Welt herausfällt. Je näher man an das Kriegsgeschehen herangeht, je mehr Blut und Schreie in den Blick kommen, um so unerträglicher und sinnloser erscheint es. Die traditionelle Brücke zwischen der Sphäre von Angriff und Verteidigung, von Kriegszielen und Strategien auf der einen Seite und den Schmerzen der Verwundeten und Gefallenen, der Trauer der Mütter und den Leiden der zivilen Opfer auf der anderen war der Heroismus. Diese Brücke, die schon immer einen Abgrund überspannen mußte, ist unter der modernen totalisierten Kriegsführung mit ihren Vernichtungstechniken, die auf die Infrastruktur ganzer Gesellschaften zielen und Hekatomben von Wehrlosen fordern, zusammengebrochen. Was bleibt, ist eine Ästhetik des Schreckens, die seit der Homerischen Ilias ein fester Bestandteil der literarischen Überlieferung ist und die einen zweideutigen Zug der menschlichen Natur enthüllt: Diese fürchtet den realen Schmerz, ist aber imstande, seiner Vergegenwärtigung in Literatur und Kunst mit kathartischer Lust zu folgen. Dem Luftkriegsbuch des Historikers Jörg Friedrich hat der Schriftsteller Martin Walser eine epische Standpunktlosigkeit nachgerühmt und dabei ausdrücklich an die Ilias erinnert! Das stimmt nicht ganz, denn Friedrichs Prosa vibriert von Zorn und Trauer über die vielen unschuldigen Opfer − Zehntausende von Kindern darunter − und über den Untergang der historischen deutschen Städtewelt. Aber literarisch hat Walser schon recht: Friedrich hat mit seinem Buch ein Werk der Nahsicht geschrieben, das sich einer übergreifenden strategischen Logik absichtsvoll entzieht. Der Brand ist ein pazifistisches Buch, dessen sprachliche Mittel von der Darstellung der Materialschlachten des Ersten Weltkriegs in Ernst Jüngers Stahlgewittern herkommen. Es nimmt den Luftkrieg konsequent und radikal leiblich, beschreibt mit beklemmender Eindringlichkeit die äußeren Abläufe, die lebensgefährlichen Anflüge der Bomberflotten, die Angst der in stickigen Kellern zusammengepferchten Zivilbevölkerung, die Mechanismen des Sprengens und Anzündens von Städten, die Flammenlohen und Feuerstürme, und am Ende sehen wir in Schutthalden zerstörter Kultur verkohlte Leichen und verzweifelte Obdachlose. Immer wieder arbeitet Friedrich die Sinnlosigkeit der Luftkriegsführung heraus, die ihre beiden Hauptziele − Zerstörung der deutschenRüstungsproduktion und des Durchhaltewillens der Bevölkerung − weitgehend verfehlte; gerade unter einem militärischen Gesichtspunkt standen Friedrich zufolge Aufwand und Erfolg des Bombenkriegs in keinerlei vertretbarem Verhältnis. [Jörg Friedrich, Der Brand. Bombenkrieg in Deutschland 1940-1945. München: Propyläen 2002. Die sich daran anknüpfende Diskussion in Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk vonOpfern? Reinbek: Rowohlt 2003.]

Das ist aber fast schon die einzige über die minutiöse psychophysische Veranschaulichung hinausreichende Erwägung, der Friedrich Zutritt in seinen memorialhaften Klagegesang gewährt. Alle weiteren Hintergründe bleiben raunendes Beiseite. Vor allem verweigert der Historiker sich jener Sinngebung des Sinnlosen, die den Bombenkrieg als gerechte Strafe für den Holocaust auffaßt. Schließlich haben die Alliierten nicht einmal die Gleise nach Auschwitz bombardiert; unter den Trümmerbergen der Städte verendeten sprachlose Säuglinge und zerbrachen mittelalterliche Statuen. Friedrich will Bilder schaffen, und das gelingt ihm in staunenswerter Weise. Der Kern seines Buches ist ein riesiger Nachruf in Form eines homerischen Städtekatalogs, der die verwinkelte Schönheit des alten Deutschland im Moment ihres Verglühens ein letztes Mal sichtbar macht. Wir erfahren, was wir durch das Hitlersche Abenteuer für immer verloren haben. Die eigentliche Zweideutigkeit von Friedrichs Unterfangen liegt nicht in einzelnen, von der Kritik sofort zu Recht gerügten sprachlichen Entgleisungen, wie der Bezeichnung der alliierten Bomberverbände als »Einsatzgruppen« oder der Bunker als »Krematorien«; anfechtbar ist schon die von ihm gewählte Darstellungsform selbst, die moralisch zunächst so einleuchtend wirkende Dekontextualisierung des entsetzlichen Leidens. Der Umstand, daß die Bomber über mehr als zwei Jahre die einzigeWaffe waren, über die das allein gegen Hitler ausharrende England überhaupt gebot, ist keine Nebentatsache; daß dieseWaffe militärisch unwirksam war und scheinbar zweckfreie Grausamkeit produzierte, daß sie dabei unzweifelhaft auch die Gegner Hitlers verrohen ließ, machte ihren Einsatz politisch nicht weniger zwingend. Noch böser könnte man sagen: Friedrich verkürzt sein Thema, gerade weil er nicht aufrechnet. Beim heutigen Stand der Dokumentation wäre es möglich, mit der Friedrichschen Darstellungsmethode der physischen und materiellen, weitgehend »standpunktlosen« Vergegenwärtigung einen einzelnen Tag des Zweiten Weltkriegs mit allen seinen Schrecken umfassend zu rekonstruieren: also das Geschehen an den Fronten, die Leiden der Okkupation, einen Feuersturm in Deutschland und die gleichzeitigen Vorgänge in den Vernichtungslagern. Was wäre aus einem solchen Kolossalgemälde des Schreckens zu lernen, außer, daß der Mensch eine Bestie ist? Sehr wenig, und so wäre es eine Monstrosität, die unter dem Deckmantel der Trauer wohl vor allem einer grausamen Schaulust dienen würde. Es ist wichtig zu wissen, was passiert ist, und, so weit das überhaupt möglich ist, wie es sich anfühlte − insofern hat Friedrichs Darstellung durchaus ihr begrenztes Recht. Aber Geschichtsschreibung kann nicht im Stupor vor dem Schrecken verharren; sie kommt nicht darum herum, am Ende doch Abstand zu nehmen und Bedingungen, Ursachen, Motive und Kausalketten scheinbar kühl ins Auge zu fassen. Wenn der Historiker dabei nicht zum mitleidlosen Weltenrichter werden will, muß er sich an die Zeugnisse der Zeitgenossen, der Handelnden wie der Leidenden, halten. Denn sie haben ja nicht nur in den ahistorischen Momenten des Schmerzes gelebt, sondern in den Zeithorizonten ihrer sozialen Existenz. Nicht der Tod ist der Gegenstand der Geschichtsschreibung, sondern das Sterben und das ganze Leben davor. Die beeindruckendste Darstellung des Untergangs von Dresden bleibt der Bericht inViktor Klemperers Tagebüchern mit ihren tausend Seiten Verfolgungsgeschichte vor diesem einen Tag. Das Urmeter der Geschichte bleibt der Mensch, auch wenn ihre Schrecken die menschliche Fassungskraft übersteigen. Schmerz und Tod sind große Gleichmacher, und so produziert Jörg Friedrichs Darstellungsform ganz unvermeidlich den Eindruck eines Kollektivvorgangs. Der systematische Aufbau seines Buches mit den wuchtigen Stichworten »Waffe«, »Strategie«, »Land«, »Schutz«, »Wir«, »Ich«, »Stein« entzeitlicht und typisiert das Geschehen. Dieser Aufbau hat seine Überzeugungskraft, weil die Flammenmeere und dieTrümmerberge ihre Opfer ohne Ansehendes Individuums erfaßten und weil sie auch die Überlebenden an ihrem unpersönlichsten Punkt ergriffen, bei ihrer nackten Angst. Aber die Unterschiedslosigkeit der Luftkriegsführung förderte eben auch etwas Geschichtliches, über den Krieg Hinausreichendes, wonach das nationalsozialistische Regime seit jeher mit eher zweifelhaftem Erfolg gestrebt hatte: die Volksgemeinschaft. Sie kam in den Kollektiven der Bunker, im Zwang zu Hilfe und Beistand, im Haß auf die Angreifer, im Verlust materieller Erinnerungen, nicht zuletzt in der Einebnung von Vermögensunterschieden machtvoll voran. Nicht nur die verwinkelte Bausubstanz des alten Deutschland verbrannte im Zweiten Weltkrieg, sondern ebenso viel von seiner altmodisch zerklüfteten Sozialstruktur. [WS, 13.09.2019]


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