Augustheft 1968, Merkur # 244

Habermas

von Jürgen Habermas
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JÜRGEN HABERMASTechnik und Wissenschaft als »Ideologie«? (II)Klassenkampf und Ideologie heuteDie kapitalistische Gesellschaft hat sich infolge der beiden genannten Entwick-lungstendenzen — nämlich der staatlichen Regulierung des Wirtschaftssystemsund der Institutionalisierung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts — soverändert, daß zwei Schlüsselkategorien der Marxschen Theorie, nämlich Klas-senkampf und Ideologie, nicht mehr umstandslos angewendet werden können.Auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise hat sich der Kampfder sozialen Klassen als solcher erst konstituiert und damit eine objektive Lagegeschaffen, von der rückblickend die Klassenstruktur der unmittelbar politischverfaßten traditionalen Gesellschaft erkannt werden konnte. Der staatlich ge-regelte Kapitalismus, der aus einer Reaktion auf die durch den offenen Klassen-antagonismus erzeugten Systemgefährdungen hervorgegangen ist, stellt denKlassenkonflikt still. Das System des Spätkapitalismus ist durch eine, die Loyali-tät der lohnabhängigen Massen sichernden Entschädigungs-, und das heißt:Konfliktvermeidungspolitik so sehr definiert, daß der mit der privatwirtschaft-lichen Kapitalverwertung nach wie vor in die Struktur der Gesellschaft ein-gebaute Konflikt derjenige ist, der mit der relativ größten Wahrscheinlichkeitlatent bleibt. Er tritt hinter anderen Konflikten zurück, die zwar ebenfalls durchdie Produktionsweise bedingt sind, aber nicht mehr die Form von Klassenkon-flikten annehmen können. Claus Offe hat in seinem erwähnten Beitrag (»ZurKlassentheorie und Herrschaftsstruktur im staatlich regulierten Kapitalismus«)

den paradoxen Sachverhalt analysiert: daß sich offene Konflikte an gesellschaft-lichen Interessen um so wahrscheinlicher entzünden, je weniger ihre Verletzungsystemgefährdende Folgen hat. Konfliktträchtig sind die an der Peripherie desstaatlichen Aktionsbereiches liegenden Bedürfnisse, weil sie von dem latent ge-haltenen Zentralkonflikt entfernt sind und daher keine Priorität bei der Gefah-renabwehr genießen. An ihnen entzünden sich Konflikte in dem Maße, in demdie disproportional gestreuten staatlichen Interventionen zurückbleibende Ent-wicklungsbereiche und entsprechende Disparitätsspannungen erzeugen:»Die Disparität der Lebensbereiche wächst vor allem hinsichtlich des unterschiedlichenEntwicklungsstandes zwischen tatsächlich institutionalisiertem und möglichem Niveaudes technischen und gesellschaftlichen Fortschritts: das Mißverhältnis zwischen modern-sten Produktions- und Militärapparaten und der stagnierenden Organisation des Ver-kehrs-, Gesundheits- und Bildungssystems ist ein ebenso bekanntes Beispiel für dieseDisparität der Lebensbereiche wie der Widerspruch zwischen rationaler Planung undRegulierung der Steuer- und Finanzpolitik und der naturwüchsigen Entwicklung vonStädten und Regionen. Solche Widersprüche lassen sich nicht mehr triftig als Anta-gonismen zwischen Klassen, wohl aber als Resultate des nach wie vor dominantenProzesses privatwirtschaftlicher Kapitalverwertung und eines spezifisch kapitalistischenHerrschaftsverhältnisses interpretieren: in ihm sind diejenigen Interessen die herr-schenden, die ohne in eindeutiger Weise lokalisierbar zu sein, aufgrund der etabliertenMechanik kapitalistischen Wirtschaftens in der Lage sind, auf die Verletzung derStabilitätsbedingungen mit der Erzeugung relevanter Risiken zu reagieren.«Die an der Erhaltung der Produktionsweise haftenden Interessen sind im Ge-sellschaftssystem nicht mehr als Klasseninteressen »eindeutig lokalisierbar«.Denn das auf die Vermeidung von Systemgefährdungen gerichtete Herrschafts-system schließt gerade »Herrschaft« (im Sinne politischer oder ökonomisch ver-mittelter sozialer Herrschaft) aus, soweit sie in der Weise ausgeübt wird, daßein Klassensubjekt dem anderen als identifizierbare Gruppe gegenübertritt.Das bedeutet nicht eine Aufhebung, aber eine Latenz der Klassengegensätze.Immer noch bestehen die klassenspezifischen Unterschiede fort in Form subkul-tureller Überlieferungen und entsprechender Differenzen nicht nur des Lebens-niveaus und der Lebensgewohnheiten, sondern auch der politischen Einstellun-gen. Zudem ergibt sich die sozialstrukturell bedingte Wahrscheinlichkeit, daßdie Klasse der Lohnabhängigen von den gesellschaftlichen Disparitäten härtergetroffen wird als andere Gruppen. Und schließlich ist das verallgemeinerte In-teresse an der Erhaltung des Systems auf der Ebene unmittelbarer Lebens-chancen auch heute noch in einer Privilegienstruktur verankert: der Begriffeines gegenüber den lebendigen Subjekten vollständig verselbständigten Inter-esses müßte sich selbst aufheben. Aber die politische Herrschaft im staatlich ge-regelten Kapitalismus hat mit der Abwehr von Systemgefährdungen ein überdie latenten Klassengrenzen hinweggreifendes Interesse an der Aufrechterhal-tung der kompensatorischen Verteilerfassade in sich aufgenommen.

Auf der anderen Seite bedeutet die Verschiebung der Konfliktzone von derKlassengrenze auf die unterprivilegierten Lebensbereiche keineswegs die Besei-tigung von schwerwiegendem Konfliktpotential. Wie der Rassenkonflikt in denUSA als extremes Beispiel zeigt, können sich in bestimmten Gebieten und Grup-pen soviele Disparitätsfolgen kumulieren, daß es zu bürgerkriegsähnlichen Ex-plosionen kommt. Ohne Verbindung mit Protestpotentialen anderer Herkunftsind aber alle aus solchen Unterprivilegierungen hervorgehenden Konflikte da-durch ausgezeichnet, daß sie das System womöglich zu scharfen, mit formalerDemokratie nicht mehr zu vereinbarenden Reaktionen herausfordern, aber nichteigentlich umwälzen können. Denn unterprivilegierte Gruppen sind keine sozia-len Klassen. Sie stellen auch potentiell niemals die Masse der Bevölkerung dar.Ihre Entrechtung und ihre Pauperisierung fällt nicht mehr zusammen mit Aus-beutung, weil das System nicht von ihrer Arbeit lebt. Sie können allenfalls einevergangene Phase der Ausbeutung repräsentieren. Aber die Ansprüche, die sielegitimerweise vertreten, können sie nicht durch Kooperationsentzug erzwin-gen: deshalb behalten sie appellativen Charakter. Auf die langfristige Nicht-beachtung ihrer legitimen Ansprüche können unterprivilegierte Gruppen im Ex-tremfall mit desparater Zerstörung und Selbstzerstörung reagieren: Einem sol-chen Bürgerkrieg fehlen jedoch die Erfolgschancen des Klassenkampfes, solangekeine Koalitionen mit privilegierten Gruppen zustande kommen.Mit einer Reihe von Einschränkungen scheint dieses Modell sogar auf dieBeziehungen zwischen den industriell fortgeschrittenen Gesellschaften und denehemaligen Kolonialgebieten der Dritten Welt anwendbar zu sein. Auch hierfolgt aus einer wachsenden Disparität eine Form der Unterprivilegierung, diein Zukunft wohl immer weniger in Kategorien der Ausbeutung begriffen wer-den kann. Freilich treten anstelle der ökonomischen Interessen auf dieser Ebeneunmittelbar militärische.Wie dem auch sei, in der spätkapitalistischen Gesellschaft treten sich diedepravierten Gruppen und die privilegierten, soweit die Grenzen der Unter-privilegierungen überhaupt noch gruppenspezifisch und nicht quer durch Be-völkerungskategorien verlaufen, nicht mehr als sozioökonomische Klassen gegen-über. Damit wird das fundamentale Verhältnis, das in allen traditionalen Gesell-schaften bestanden hat und im liberalen Kapitalismus als solches hervorgetretenist, mediatisiert: der Klassengegensatz zwischen Partnern, die in einem institu-tionalisierten Verhältnis der Gewalt, der ökonomischen Ausbeutung und derpolitischen Unterdrückung stehen, wobei die Kommunikation so weit entstelltund beschränkt ist, daß die ideologisch verdeckenden Legitimationen nicht inFrage gestellt werden können. Hegels sittliche Totalität eines Lebenszusammen-hangs, der dadurch zerrissen wird, daß ein Subjekt die Bedürfnisse des anderennicht reziprok befriedigt, ist kein angemessenes Modell mehr für das mediati-sierte Klassenverhältnis im organisierten Spätkapitalismus. Die stillgestellteDialektik des Sittlichen erzeugt den eigentümlichen Schein der Post-Histoire.

Der Grund ist, daß eine relative Steigerung der Produktivkräfte nicht mehreo ipso ein überschießendes und emanzipatorisch folgenreiches Potential dar-stellt, an dem die Legitimationen einer bestehenden Herrschaftsordnung brü-chig werden. Denn nun ist die erste Produktivkraft, der in Regie genommenewissenschaftlich-technische Fortschritt, selber zur Legitimationsgrundlage ge-worden. Diese neue Legitimationsform hat die alte Gestalt von Ideologie verloren.Das technokratische Bewußtsein ist einerseits »weniger ideologisch« als allevorangegangenen Ideologien; denn es hat nicht die opake Gewalt einer Ver-blendung, welche Erfüllung von Interessen nur vorspiegelt. Andererseits ist dieheute dominante, eher gläserne Hintergrundideologie, welche die Wissenschaftzum Fetisch macht, unwiderstehlicher und weitreichender als Ideologien altenTyps, weil sie mit der Verschleierung praktischer Fragen nicht nur das partielleHerrschaftsinteresse einer bestimmten Klasse rechtfertigt und das partielle Be-dürfnis der Emanzipation auf seiten einer anderen Klasse unterdrückt, sonderndas emanzipatorische Gattungsinteresse als solches trifft.Das technokratische Bewußtsein ist keine rationalisierte Wunschphantasie,keine »Illusion« im Sinne Freuds, in der ein Zusammenhang von Interaktionensei es vorgestellt, oder konstruiert und begründet wird. Noch die bürgerlichenIdeologien ließen sich auf eine Grundfigur gerechter und herrschaftsfreier, fürbeide Seiten befriedigender Interaktion zurückführen. Gerade sie erfüllten dieKriterien von Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung auf der Grundlage einerdurch Repressionen derart eingeschränkten Kommunikation, daß das mit demKapitalverhältnis einst institutionalisierte Gewaltverhältnis nicht beim Namengenannt werden konnte. Die Kausalität abgespaltener Symbole und unbewuß-ter Motive, die falsches Bewußtsein ebenso erzeugt wie die Kraft der Reflexion,der sich die Ideologiekritik verdankt, liegt aber dem technokratischen Bewußt-sein nicht mehr in gleicher Weise zugrunde. Es ist durch Reflexion weniger an-greifbar, weil es nicht mehr nur Ideologie ist. Denn es drückt nicht mehr eineProjektion des »guten Lebens« aus, das mit der schlechten Wirklichkeit, wennnicht identifiziert, so wenigstens in einen virtuell befriedigenden Zusammen-hang gebracht werden kann. Gewiß dient auch die neue Ideologie wie die altedazu, die Thematisierung gesellschaftlicher Fundamente zu verhindern. Da-mals war es die soziale Gewalt, die der Beziehung zwischen Kapitalisten undLohnarbeitern unmittelbar zugrunde lag; heute sind es die strukturellen Be-dingungen, die die Aufgaben der Systemerhaltung vorgängig definieren: näm-lich die privatwirtschaftliche Form der Kapitalverwertung und eine die Massen-loyalität sichernde politische Form der Verteilung sozialer Entschädigungen.Allein, in zwei Hinsichten unterscheiden sich alte und neue Ideologie.Einmal begründet das Kapitalverhältnis heute wegen seiner Bindung an einenloyalitätsverbürgenden politischen Verteilermodus nicht mehr eine unkorrigierteAusbeutung und Unterdrückung. Die Virtualisierung des fortbestehenden Klas-sengegensatzes setzt voraus, daß die ihm zugrunde liegende Repression ge-


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