Dezemberheft 1996, Merkur # 573

Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland

von Jürgen Habermas
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Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland

Im Jahre 1916 hatte Kurt Hiller unter dem expressionistischen Titel Das Ziel. Aufrufe zu tätigem Geist eine Programmschrift herausgegeben, in der sich achtzehn Intellektuelle zum Fürsprecher von progressiven Forderungen machten. Der damals zweiunddreißigjährige Theodor Heuss nahm diese Publikation zum Anlaß für eine Kritik an der (in seinen Augen) fragwürdigen Politisierung von Schriftstellern. Er erinnert an Vorläufer wie Hutten und die Pamphlete schreibenden Humanisten, an Voltaire und die Enzyklopädisten, an Arndt und Görres, die Wortführer gegen Napoleon, schließlich an Börne, Heine und das Junge Deutschland. Heuss stellt fest, daß deren Auftreten in Perioden vor der Ausbildung eines parlamentarischen Betriebs und eines Parteiensystems fällt. Damals habe die politische Willensbildung noch nicht unter dem heilsam disziplinierenden Zwang von Taktik und Organisation gestanden. Noch die Intellektuellen des Vormärz konnten sich, ohne die Opportunitätserwägungen des politischen Tagesgeschäfts, einen gewissen Idealismus leisten. Der aber könne für die Zeitgenossen kein Modell mehr sein; sonst liefen sie eben Gefahr, »auf den verschobenen Realitäten auszurutschen«. Als Kerr etwa begann, seine Publizistik politisch zu färben, spürte man: er denkt an Heinrich Heine. Aber damit wird es nicht viel. Denn unsere breiter, umständlicher, handwerklich gewordene Tagespolitik würde auf Heines Publizistik und Pointen nur matt reagieren« (Zitiert nach Michael Stark (Hrsg.), Deutsche Intellektuelle 1910−1933. Heidelberg: Lambert Schneider 1984). Unverkennbar ist der Einfluß von Friedrich Naumann, auch von Max Weber, der ja drei Jahre später, in seinem berühmten Vortrag über Politik als Beruf, die »sterile Aufgeregtheit« der Intellektuellen der Sachlichkeit und Rationalität der Berufspolitiker gegenüber stellen wird. Dem Berufspolitiker schreibt Weber realitätsgerechte Distanz, Augenmaß, Kompetenz und Verantwortungsbereitschaft zu − dem politisch dilettierenden Schriftsteller und Philosophen hingegen »eine ins Leere laufende Romantik des intellektuell Interessanten ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl«. Ich werde auf diese von Schumpeter und Gehlen wieder aufgenommene Kritik an der Rolle des Intellektuellen zurückkommen. Zunächst aber geht es um die Frage, ob sich denn jene Intellektuellen, die der junge Heuss und Max Weber in der Periode des Ersten Weltkriegs vor Augen hatten, tatsächlich an Heine orientiert haben. Haben sie sich gar durch sein Vorbild, wie Heuss vermutet, irreführen lassen?

Richtig ist gewiß die Beobachtung, daß der Intellektuelle mit der Ausbildung eines parlamentarischen Betriebes eine andere Rolle übernimmt. Ja, er gewinnt seine spezifische Rolle sogar erst mit dem Adressaten einer durch die Presse und den Kampf politischer Parteien geformten öffentlichen Meinung. Die politische Öffentlichkeit wird erst im Verfassungsstaat zum Medium und Verstärker einer demokratischen Willensbildung. Hier findet der Intellektuelle seinen Platz. Auch das Wort »Intellektueller« wird erst im Frankreich der Dreyfus-Affäre geprägt. Im Januar 1898 publizierte Emile Zola einen offenen Brief an den Präsidenten der Republik mit schweren Beschuldigungen gegen Militär und Justiz; einen Tag darauf erscheint in derselben Zeitung ein Manifest, das ebenso gegen Rechtsverletzungen im Prozeß gegen den wegen Spionage verurteilten Hauptmann Dreyfus protestiert. Es trägt über hundert Unterschriften, darunter die von prominenten Schriftstellern und Wissenschaftlern. Bald darauf wird es in der Öffentlichkeit als »Manifest des Intellectuelles« bezeichnet. Anatole France spricht damals vom »Intellektuellen« als einem Gebildeten, der »ohne politischen Auftrag« handelt. Was bei Max Weber als Unverantwortlichkeit des politischen Dilettanten wiederkehren wird, gilt ihm noch als kompetenzfreie Verantwortlichkeit für das Ganze. Mit Revision und Freispruch des zu Unrecht verdächtigten jüdischen Hauptmanns erzielten die Dreyfusards einen handgreiflichen Erfolg. Mehr noch hat der indirekte Erfolg, die Bewahrung der Dritten Republik vor einem Abgleiten in erneuten Bonapartismus, jene Rolle des »allgemeinen Intellektuellen« (Foucault) festgelegt, wie sie auf der Pariser Szene immer wieder − von Zola bis Sartre − eindrucksvoll wahrgenommen worden ist. Die Definition ist klar: Die Intellektuellen wenden sich, wenn sie sich mit rhetorisch zugespitzten Argumenten für verletzte Rechte und unterdrückte Wahrheiten, für fällige Neuerungen und verzögerte Fortschritte einsetzen, an eine resonanzfähige, wache und informierte Öffentlichkeit; sie rechnen mit der Anerkennung universalistischer Werte, sie verlassen sich auf einen halbwegs funktionierenden Rechtsstaat und auf eine Demokratie, die ihrerseits nur durch das Engagement der ebenso mißtrauischen wie streitbaren Bürger am Leben bleibt. Nach seinem normativen Selbstverständnis gehört dieser Typus in eine Welt, in der Politik nicht auf Staatstätigkeit zusammenschrumpft; in der Welt des Intellektuellen ergänzt eine politische Kultur des Widerspruchs die Institutionen des Staates. Dieser Welt steht Heinrich Heine nah und fern zugleich. Die Distanz bemißt sich am Verhältnis des Pariser Emigranten zum Deutschland der vormärzlichen Restauration. Heine kann noch kein Intellektueller im Sinne der Dreyfus-Partei sein, weil er von der politischen Meinungsbildung in den deutschen Bundesstaaten auf doppelte Weise ferngehalten wird: physisch durch sein Exil und geistig durch die Zensur.

Im Wintermärchen vergleicht Heine die Zensur mit dem Zollverein, der das zersplitterte Vaterland wirtschaftlich eint: »Er (der Zollverein) gibt die äußere Einheit uns, / Die sogenannte materielle; / Die geistige Einheit gibt uns die Zensur, / Die wahrhaft ideelle − / Sie gibt die innere Einheit uns, / Die Einheit im Denken und Sinnen«.

Die vereinheitlichenden Definitionen der Zensur, mit denen der Frankfurter Bundestag 1835 französischen Zuständen vorbeugen wollte, verwandelten »das zersplitterte Vaterland« tatsächlich in ein Negativ jener, dem künftigen Intellektuellen zugleich vorenthaltenen und vorbehaltenen Arena der öffentlichen Meinung. Den Intellektuellen gibt es schon − aber erst in der vorgreifenden Wahrnehmung der Zensurbehörden. Als potentieller Geburtshelfer einer politischen Öffentlichkeit, die aus der literarischen hervorgehen wird, wirft er seinen Schatten voraus. Dort wird er seine Funktionen freilich erst ausüben können, nachdem der Geist der öffentlichen Meinung der Macht des Staates inkorporiert sein wird − eben über den parlamentarischen Betrieb. Bis dahin muß sich dem potentiellen Intellektuellen, Heine und seinen Zeitgenossen, die Macht als ein bloßes Gegenüber darstellen − als eine Instanz, die sich jeden Sitte und Religion zersetzenden Geist durch Zensur vom Leibe hält. Erst nach 1848 setzt sich auch in Deutschland das Prinzip der freien Meinungsäußerung wenigstens schrittweise durch. Parallel zu Veränderungen im Bildungssystem vollzieht sich ein Strukturwandel von der bürgerlichen, noch im Literaturbetrieb zentrierten Öffentlichkeit zu einer politisch fungierenden Öffentlichkeit, in der mit Massenpresse und Massenpublikum neue, von Bismarck sofort genutzte Möglichkeiten der Manipulation entstehen. Peter Uwe Hohendahl (Literarische Kultur im Zeitalter des Liberalismus 1830−1870) hat diesen Wandel der »Institution Literatur« beschrieben. Aber auch unter den veränderten Bedingungen wird Heine, der Protointellektuelle, nicht heimgeholt ins preußisch geeinte Reich – weder als überragender Schriftsteller noch gar als intellektueller Typus. Die Spuren einer negativen Wirkungsgeschichte vertiefen sich; eine Tradition bildet Heine nicht. Anders in Frankreich. Hier war Heines Texten eine andere Wirkungsgeschichte beschieden. Aus jener Vorläufergestalt, die Heine in einer sehr deutschen Variante verkörperte, hat sich hier der Intellektuelle zu einem anerkannten Bestandteil der politischen Kultur entwickelt − »Voltaire verhaftet man nicht«. Die Dreyfus-Affäre bringt es ans Licht: Heine hätte sich in der Intellektuellenrolle, die erst ein halbes Jahrhundert später ihren Namen und ihre spezifische Funktion erhält, wiedererkennen können. Diese Affinitäten spiegeln sich in den Reaktionen der jeweiligen Gegner. 1898 besetzen die autoritären, nationalistischen und antisemitischen Gegner innerhalb weniger Wochen die Figur und den Namen des Intellektuellen mit einem Kranz pejorativer Bedeutungen. Dabei tut sich Maurice Barres, der Wortführer der Action française, hervor. Dietz Bering (Die Intellektuellen) hat das damals entstehende Feindbild des Intellektuellen untersucht: das Instinktlose und Entwurzelte des abstrakt allgemein denkenden Intellektuellen verbindet sich mit einem Mangel an patriotischer Gesinnung und Loyalität, mit bodenloser Dekadenz und fehlender Charakterfestigkeit, mit der zersetzenden Kritiksucht des »Fremdstämmigen«, des Juden, dem nichts heilig ist.

Wer dieses Bedeutungssyndrom mit den bekannten Topoi der zeitgenössischen Heine-Kritik vergleicht, ist von den Konvergenzen überrascht: In den polemischen Kennzeichnungen der Dreyfus-Partei scheinen sich jene Prädikate, die seinerzeit entrüstete Kritiker auf Heines Person bezogen hatten, nun zum anonymen Rollenstereotyp zu verdichten. Aber in Deutschland, wo man die Dreyfus-Affäre sorgfältig registrierte, entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg keine mit Heine wahlverwandte Intellektuellenschicht. Hier ist nicht die Intellektuellenrolle, sondern allein das negativ besetzte Rollenstereotyp der Gegner rezipiert worden. Bering hat nachgewiesen, daß nicht einmal jene Handvoll einflußreicher Literaten und Wissenschaftler, die bis 1933 den ohnmächtigen Versuch gemacht haben, radikaldemokratischen Humanismus Heineʼscher Prägung zu öffentlicher Wirkung zu bringen, daß nicht einmal Intellektuelle wie Heinrich Mann, Ernst Troeltsch oder Alfred Döblin es gewagt haben, das Wort »Intellektueller« in einem unverfänglich positiven Sinne zu verwenden. Karl Mannheim hat allerdings eine Soziologie des freischwebenden Intellektuellen begründet. Wer mit den Intellektuellen etwas Positives im Sinne hatte, bediente sich jedoch im deutschen Milieu lieber einer Ableitung des im Grimmʼschen Wörterbuch so großartig kodifizierten Stichworts »Geist«; er sprach lieber von »geistigen Menschen« oder kurz von den »Geistigen« − denn dann ließen sich leicht die »Geistesmenschen« assoziieren, die geistig Schaffenden, ja der »Geistesadel«. Dem entsprachen auf der Linken die »geistigen Arbeiter«. Eine der wenigen prominenten Ausnahmen bildet Siegfried Kracauers heute noch lesenswerte Auseinandersetzung mit Döblin, derer den Titel gab Minimalforderungen an die Intellektuellen. Adorno, der uns doch aufforderte, »der Hetze gegen die Intellektuellen, wie immer sie auch sich tarnt, zu widerstehen«, und der aus dem Ausdruck »geistiger Mensch« sehr genau den Anklang an die »elitären Herrschaftswünsche« deutscher Akademiker heraushörte, selbst er sprach lieber von geistigen Menschen als von Intellektuellen − und erklärte dann mit schlechtem Gewissen: »Das Wort ›geistiger Mensch‹ mag abscheulich sein, aber daß es so etwas gibt, merkt man erst an dem Abscheulicheren, daß einer kein geistiger Mensch ist.« Noch in Adornos zögerndem Widerspruch gegen den objektiven Geist setzt dieser sich durch. Vor dem Ersten Weltkrieg ist in Deutschland eine Intellektuellenkritik ohne Intellektuelle entstanden. Zwischen den Kriegen hat sie geradezu normative Kraft entfalten können. Thomas Mann hat 1918 in seinen (später korrigierten) Betrachtungen eines Unpolitischen das Ergebnis von Ausgrenzungsprozessen festgehalten, die den Intellektuellen mit dem äußeren Feind, mit dem »Barrikadenheroismus einer anderen Rasse« (Otto Flake), also mit der Zivilisation des Westens assoziiert und ihm im Spannungsfeld zwischen Kultur und Zivilisation, Blut und Verstand, zwischen systematisch schöpferischer und methodisch beschränkter Geistesrichtung, Metaphysik und Dichtung einerseits, Asphaltliteratur andererseits den Platz draußen vor der Tür angewiesen haben. In erklärter Analogie zum Dreyfus-Prozeß heißt es bei Thomas Mann: »Ein Intellektueller ist, wer geistig auf Seiten der Zivilisations-Entente gegen den »Säbel«, gegen Deutschland ficht.«


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