Januarheft 1993, Merkur # 526

Historien der Deutschen. Ein Literaturbericht − Geschichte der Geschichtsschreibung

von Gustav Seibt
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Im Sommer 1985 erschien im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel der DDR eine vielsagende Äußerung über ein ehrgeiziges Verlagsunternehmen in der Bundesrepublik. Das ostdeutsche Organ lobte das im Siedler-Verlag in West-Berlin erscheinende Sammelwerk Die Deutschen und ihre Nation. Hierliege nun endlich, so hieß es, die Nationalgeschichte der BRD vor, so wie im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften mit der Deutschen Geschichte in zwölf Bänden die Nationalgeschichte der DDR in Angriff genommen worden sei. Die Buchhändlerzeitschrift berief sich auf den Direktor des Zentralinstituts für Geschichte bei der Akademie der Wissenschaften der DDR, Professor Walter Schmidt. Professor Schmidt habe festgestellt, was die deutsche Geschichte bis 1945 betreffe, so reflektiere das jeweilige Geschichtsbild der beiden deutschen Staaten »gleiche objektive historische Prozesse« und sei einem »gemeinsamen historischen Erbe entnommen«. Deshalb sei es realistisch, »jede sektiererische Verengung abzulehnen, wonach es niemals eine als Ganzheit zu begreifende deutsche Geschichte gegeben habe«. Es stehe außer Frage, daß beide deutsche Staaten »ihre jeweils eigene deutsche Nationalgeschichte ausbilden«.

Das Werk des Siedler-Verlags − so immer noch Professor Schmidt − münde in der Erkenntnis, »daß die nationale Einheit in der Form des Nationalstaats als ein Zwischenspiel in der deutschen Geschichte anzusehen ist«, und bringe gleichzeitig zum Ausdruck, »daß der Begriff der »Geschichtsnation« das Verbindende zwischen beiden deutschen Staaten sein sollte«. Man sollte die komplizierte, in ihren logischen und methodischen Implikationen nicht leicht zu durchschauende Äußerung von Professor Schmidt nach Gebühr würdigen. Sie bezeugt ein Vertrauen in die Wichtigkeit von Geschichtswissenschaft und historischer Darstellung, das der posthistorischer schlafften Geistigkeit des Westens eher fremd ist. Schmidts Lösungsvorschlag für die deutsche Frage − ein objektiver historischer Prozeß, eine Geschichtsnation, zwei Staaten, zwei Nationalgeschichten − spiegelt gerade in seiner Widersprüchlichkeit die »objektive Lage« (um im Jargon zu bleiben) der beiden deutschen Staaten in den achtziger Jahren. Beide Staaten waren dabei, den Zustand des Provisorischen und Transitorischen abzustreifen. In der DDR hatte sich schon in den siebziger Jahren die Einsicht durchgesetzt, daß der sozialistische Menschheitsglaube eine zu schmale Legitimitätsgrundlage für das eigene Staatswesen darstelle. Man kreierte den ziemlich unlogischen Begriff der »sozialistischen Nation« und versuchte, den auf sowjetische Panzer und kommunistische Naherwartung gegründeten Staat in der Tiefe der deutschen Geschichte zu verankern.

In der Bundesrepublik überlagerten sich Reaktionen auf die Anmaßungen der DDR mit eigenwüchsigen Ansätzen zur Ausbildung einer westdeutschen Identität. Man trat den ostdeutschen Usurpationen Preußens, Friedrichs des Großen und Luthers offiziös entgegen. Die Frage, wem die deutsche Geschichte gehöre, wurde Kongreßthema machtnaher Historiker. Politiker wie der regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, verkündeten vielsagend: »Die deutsche Geschichte geht weiter.« In parteinahen Stiftungen, evangelischen und katholischen Akademien, Kulturkreisen der Industrie und dem Gemeinwohl verpflichteten Zeitschriften entstand eine ruhelose Identitätsdebatte. Die Bundesregierung legte ehrgeizige Museumspläne vor. Im geschichtslosen Land wurde plötzlich wieder die Frage gestellt, was Geschichte wiege. Schon auf dieser offiziösen Ebene zeigte sich ein merkwürdiger Zwiespalt zwischen dem Festhalten an gesamtdeutschen Erinnerungen und Ansprüchen einerseits und deutlichen Tendenzen einer partikularen westdeutschen Identitätsbildung andererseits: Nicht umsonst umfaßten die Kohlʼschen Museumspläne ein deutsches Geschichtsmuseum in Berlin und ein Museum der Bundesrepublik für Bonn. Die Bonner Hauptstadtausstellung vom Frühjahr 1989 machte eine eigenständige westdeutsche Ikonographie und Staatssymbolik sichtbar, die eher als Fortsetzung des reichsständischen, kurfürstlich-rheinischen Deutschland denn als Bewahrung der Idee eines Nationalstaates erschien. In anderer Weise lief auch das Resultat des Historikerstreits auf die Befestigung einer westdeutschen Sonderidentität hinaus. Mit der metahistorischen Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen wurde auch die Sonderrolle einer geteilten Nation sanktioniert, der der naive Rückgriff über das Epochenjahr 1945 verwehrt bleiben sollte. Die westdeutsche Geschichtslosigkeit war in dieser Sicht die notwendige Antwort auf die alle historische Erfahrung sprengende Dimension von Auschwitz. Unterdes hatte sich durch die Integration der Generation von 1968 in die deutsche Politik, durch die aktive Partizipation breiter Schichten an den Friedens- und Protestbewegungen der achtziger Jahre ein fast entspannter Umgang mit dem demokratischen Staat entwickelt. Der neue Bundespräsident Weizsäcker, nominell dem konservativen Lager entstammend, zugleich aber die sensible Gewissensethik der liberalen zweiten Generation der Republik ansprechend, symbolisierte einen fast unglaubwürdigen Grad politischer und kultureller Homogenität. Am Vorabend von 1989 war die Bundesrepublik, daran ist im Rückblick kaum ein Zweifel möglich, dabei, ein Staatswesen mit eigener Geschichte und eigenen Traditionen zu werden. Es ist notwendig, an diese wie jede Nächstvergangenheit vom Vergessen besonders bedrohten Umstände zu erinnern, um den Zusammenhang für die nationalgeschichtlichen Sammelwerke herzustellen, die heute ihrer Vollendung entgegengehen. Sie wurden fast durchweg vor Mitte der achtziger Jahre konzipiert; sie reagierten sowohl auf das damals sprunghaft anwachsende allgemeine historische Interesse des Publikums, seinen Hunger nach umfassender historischer Erzählung als auch auf die konsolidierte Zweistaatlichkeit nach der faktischen Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik.

Alle diese Darstellungen rechneten mit dem Fortbestand der Teilung; revisionistische Töne sind in ihnen nicht zu vernehmen, bestenfalls eine tragisch umflorte Geschichtstrauer, die Unwiederbringlichem nachhängt. Diente die staatlich gesteuerte Nationalgeschichtsschreibung in der DDR der unmittelbaren Legitimation des kommunistischen Staates, so erinnerte die Nationalhistorie in der Bundesrepublik an eine Vorgeschichte, von der man sich gerade definitiv abzunabeln schien. Über den Sperriegel des Dritten Reichs führte kein Weg zurück zum Bismarckstaat oder gar ins Römische Reich Deutscher Nation. Die Perspektive lag in Europa, die geschichtliche Heimat in regionalen Erinnerungen, die in landesfürstlich geförderten Ausstellungen über Staufer, Wittelsbacher und Preußen gepflegt wurden, die politische Identität im angenehmen Sozialstaat Bundesrepublik. Das erklärt auch, was einem fernen Rückblick einmal fast unwahrscheinlich erscheinen wird: Die Renaissance der Nationalhistorie in den achtziger Jahren hat die Wiedervereinigung nicht vorbereitet, ja sie blieb auch im Vereinigungsprozeß bis heute so gut wie folgenlos. Die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage durch Bismarck wäre ohne die Vorarbeit der borussischen Historiker wie Droysen, Sybel und Treitschke nicht möglich gewesen. Die symbolischen Formen der Vereinigung im Jahre 1871 zitierten ein differenziertes Repertoire historischer Erinnerungen aus dem Alten Reich, der preußischen Geschichte, aus dynastischen Traditionen-Erinnerungen, die mühsam homogenisiert werden mußten, um dem neuen Reich ein halbwegs plausibles Geschichtsbild zu verschaffen. Wer sich an die Einigungsumstände von 1871 noch erinnern konnte, für den war die historische Lakonie der Zeremonien am 3. Oktober 1990 von vielsagender Beredsamkeit.

Das einzige historische Datum, auf das auch im neu vereinten Deutschland spontan und unvermittelt reagiert wird, ist nach wie vor der Nationalsozialismus und Auschwitz. Auschwitz wurde bei vielen Intellektuellen zum Deckbegriff für die Angst vor einer wieder in Bewegung geratenen, potentiell immer mit dem Schlimmsten drohenden Geschichte überhaupt. Jede Unruhe, Unsicherheit und Streitfrage in deutschen Dingen lenkt den angstvoll vergleichenden Blick auf das Dritte Reich, ob Habermas nun die D-Mark mit den Stukas vergleicht, ob man die Umbettung Friedrichs nach Sanssouci zum »Tag von Potsdam« erklärt oder in der Jugoslawienpolitik an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Das im Historikerstreit aufgerichtete Vergleichstabu ist inzwischen von einer Omnipräsenz dieses einen Vergangenheitssegments ersetzt worden, die unsere gesamte gegenwärtige Erfahrung unter das Zeichen des historischen Ausnahmezustands zu bannen droht. Zu befürchten ist dabei nicht nur der endgültige Verschleiß der NS-Erinnerung zur stets verfügbaren Metapher, sondern vor allem das Verkennen neuer, ungewohnter Gefahren. Die historische Phantasie der Deutschen ist trotz der allgegenwärtigen Verfügbarkeit historischen Wissens noch immer blockiert. Die hysterischen Reaktionen großer Teile der deutschen Öffentlichkeit auf Symptome normaler geschichtlicher Krisenhaftigkeit, die nun auch unsere, bis gestern abgeschirmte Gesellschaft erreichen, lassen nichts Gutes ahnen. Daß Auschwitz einer humanen historischen Erfahrung schlechterdings unzugänglich bleiben muß, droht die Deutschen nun von historischer Erfahrung überhaupt abzuschneiden. Hier helfen nur vernünftige Unterscheidungen und größere Ehrfurcht vor dem Einmaligen und Historischen der Judenvernichtung. Wie wenig Geschichte bei uns nach wie vor wiegt, zeigt das größte Versäumnis im deutschen Einigungsprozeß. Der Kanzler hat es trotz aller Rhetorik der »historischen Momente« versäumt, die Bürger des Landes frühzeitig auf die historische Ausnahmesituation nach der staatlichen Integration vorzubereiten. Eine ganz zu Beginn gehaltene, mit der geschichtlichen Kausalität und nationaler Solidarität argumentierende Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede hätte der augenblicklichen, immer noch von Neid und Verteilungsmentalität geprägten Situation nach Ansicht vieler wirksam vorbeugen können.


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