Oktoberheft 1956, Merkur # 104

Illusionen auf dem Heiratsmarkt

von Jürgen Habermas
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Woche für Woche, Seite um Seite lehnt sich Kolonne an Kolonne — jener merkwürdigen Inserate, von denen jedes durch reizkräftigen Umbruch, profilierten Rand oder großspurige Type ein besonders dringliches, originelles, persönliches Anliegen vor allen anderen behaupten möchte, den Wunsch nämlich: zu heiraten. Balkenüberschriften „Von Herz zu Herz ....“, „Habt Vertrauen zueinander !“, „Deine große Chance“, „Lebenswende“ oder auch schlicht „Eheanbahnung“ verraten die reißerische, mütterliche oder bürokratische Regie. Der Heiratsmarkt zeigt viele Gesichter: für den einen letzter, verzweifelter Ausweg aus echter Bedrängnis; für einen anderen eine Behörde, der man ein‚Heiratsgesuch‘ einreicht; für den dritten Börse, auf der man mit einigem Geschick im Spekulieren sein Glück machen kann; und für viele ein Versuchsfeld der Resignation mit unverbindlichem Einsatz für die „vorletzte“ Lösung; von den „Artisten“ zu schweigen, die sich der abenteuerlichen Pfade des Heiratsmarktes bedienen, so wie Kinder an den Automaten der Erwachsenen spielen. Und den Wochenend-Magazinen vom Typ „Soraya und der geheimnisvolle Bernstein“ machen die Tageszeitungen manierliche Konkurrenz.

Der heiratswillige Andrang der mittleren Jahrgänge wird durch jung und alt erstaunlich verstärkt. Hauptmotiv für die Witwen und Witwer, für die Junggesellen und

die jüngferliche Nachhut, die noch mit 70 Jahren und mehr nach einer Ehe oder, wenn nur so die Rente erhalten bleibt, nach einer gesetzlich nicht ausdrücklich sanktionierten Lebensgemeinschaft verlangen, ist die Furcht vor dem Alleinsein und die Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit. So spiegelt sich in dem hohen Altersindex des Heiratsmarktes ein Prozeß, der seit Generationen im Gang ist: der Zerfall der Großfamilie, der Sippe; denn in der Gattenfamilie der Eltern mit ihren unmündigen Kindern ist zumeist kein Platz mehr für Großeltern und alleinstehende Verwandte. Für die Alten verschärft sich die Situation oft zu der Alternative: Altersheim oder Heirat. Die Jungen hingegen, die ganz Jungen von 17 Jahren an aufwärts, die manchmal ein Mädchen zwischen 15 und 17, vielfach auch ältere Frauen suchen, haben andere Motive. Zunächst einmal liegt es im Zuge unserer industriegesellschaftlichen Entwicklung, daß die Heiratshäufigkeit steigt, während das Heiratsalter immer weiter sinkt. In den vorindustriellen Gesellschaften wurde der Umfang der Bevölkerung durch rechtliche, politische und moralisch-konventionelle Heiratsbeschränkung auf den gegebenen Nahrungsspielraum abgestimmt: man heiratete nicht, bevor man nicht Frau und Kinder ernähren konnte; heute erwartet jeder Erwachsene bereits in frühen Jahren eine Heiratschance, und wo es die gesellschaftliche oder wirtschaftliche Lage nicht zu gestatten scheinen, nimmt er sie einfach; denn der Druck von außen kann durch eine planmäßige Beschränkung der Kinderzahl ausbalanciert werden. So ist denn der Bundesbeamte, der mit seinen 21 Jahren „Ehegemeinschaft wünscht“, ebensowenig eine Ausnahme wie die 17 jährige Oberschülerin oder der 181/, Jahre alte Industriekaufmann, der noch sein Lebensalter nach Halbjahren taxiert. Dieses Bild wird ergänzt und bestätigt durch häufige Studentenehen, die ja nicht, wie man erst annahm, eine Verspätungserscheinung der Kriegsgeneration blieb. Dabei mag das angstvolle Bedürfnis mitspielen, den Weg aus dem Elternhaus zum eigenen Heim möglichst kurz und risikolos zu gestalten: eine frühe Ehe fängt dieses Bedürfnis institutionell auf. Im Universitätsleben spielen ja die Korporationen eine ähnliche Rolle.

Allein, aus alledem ist nicht plausibel zu ersehen, warum dieses heiratslustige Volk, anscheinend zu großen Teilen, ausgerechnet auf dem Weg über die Heiratsanzeige sein Glück versucht, mag es auch für die erwähnten Gruppen der Alten und der ganz Jungen zutreffen, daß sie in ihrer Freizügigkeit empfindlich gehemmt sind. Immerhin ist eine solche Anzeige auch heute noch etwas, zu dem man sich nicht ohne Überwindung entschließt. Immerhin werden dem Leser gleich neben der Akademikerwitwe und dem Fabrikantensohn ein Boxerwelpe und ein Zwergbologneser, gleich neben dem flotten 60er und der gut aussehenden Dame mit Abitur ein neuwertiger Mercedes 180 D und ein VW-Kleinbus in Luxusausführung angeboten. Wir quittieren die also auffällige Tatsache, daß auch ein Heiratsmarkt Markt ist, im allgemeinen nüchtern, jedoch nicht ganz ohne die Hemmung eines intellektuell überspielten Gefühlsprotestes. Der Heiratsmarkt provoziert eine zwiespältige Reaktion — bleibt also die Frage, warum Menschen, viele Menschen gleichwohl ihre Person und ihre Lebensgeschichte in verkaufsfertiger Abkürzung zurichten und dem öffentlichen Spiel von Angebot und Nachfrage feilbieten.

Gewiß sind wir durch den kapitalistischen Arbeitsmarkt nicht nur an die Konkurrenz der Waren, sondern ebenso der warenförmigen Leistungen gewöhnt. Aber Leistungen erscheinen uns im Maße ihrer quantitativen Feststellbarkeit der Person selbst äußerlich — und darum eben veräußerbar. Leistungen sind im Prinzip nicht an diese Person mit dieser einmaligen Lebensgeschichte gebunden; in einem System vergleichbarer und das heißt meßbarer Leistungen ist die Person grundsätzlich auswechselbar. Und gerade diese Art „Entfremdung“ macht Leistungen marktfähig. Anders bei der Eheschließung, wo die Person unverwechselbar und mit ihrem ganzen Wesen auf dem Spiel steht. Wird sie daher durch Angebot und Nachfrage marktmäßig vermittelt, dann ist der Handel dem, was verhandelt werden soll, offensichtlich nicht ganz angemessen. Oder sind vielleicht die Partner so gut dressiert, daß sie ihr Persönlichstes erst in Warenform verschlüsseln und dann gegenseitig entziffern können? Die Möglichkeit wäre bei einem hochdifferenzierten Code und intakten gesellschaftlichen Konventionen nicht ganz von der Hand zu weisen.

In Wirklichkeit ist es anders: den Kern jeder Heiratsannonce bildet die Selbstdarstellung, und sie ist in den meisten Fällen hochgradig stereotyp und stark ideologisch. Der gute Ton verlangt gewisse Formeln; er verlangt, daß man für „alles Schöne und Edle“ schwärmt; daß man „Ideale“ hat, daß man „Natur und Musik“ liebt; daß man „vielseitig interessiert“ ist; daß man Sport treibt, möglichst „Tennis und Reiten‘ oder „Wasser- und Motorsport“ — manche Damen fühlen sich gar „motorsportlich veranlagt“, Fußball gilt nicht als gesellschaftsfähig. Modellfall: vielseitig interessierter Ingenieur, „dem das Erleben von Natur und Kunst kein Unterhaltungsstoff, sondern Lebensnotwendigkeit“ ist. Leitbild des guten Menschen ist nach wie vor die gemäß einem sozialisierten humanistischen Bildungsideal allseitig entfaltete Persönlichkeit. Schichtenspezifische Nuancen beschränken sich darauf, daß das gleiche Bildungsideal hier reit und dort motorsportlich aufgezäumt wird. Bemerkenswert ist die Selbstinterpretation nach dem angelsächsischen Hobbymuster; Hobbies hat man höchstens zwei oder drei, sonst sind es keine Hobbies mehr; hierzulande aber rechnet man zu seinen Hobbies alle pflichtgemäßen „schöngeistigen Neigungen“ und beendet die lange Liste mit einem vorsichtigen „usw.“, um nur nicht in den Verdacht zu kommen, da oder dort nicht mitzukönnen. Kurzum, der Charaktercode ist zu grob, um darin Wesentliches verschlüsseln zu können (vorausgesetzt, wir sind dazu überhaupt in der Lage). Wickelt sich doch das Geschäft auf dem Heiratsmarkt meistens so ab: wir finden in irgendeinem Magazin unter der ermunternden Schlagzeile „Nie mehr allein sein“ einen vorgedruckten Fragebogen. Den füllen wir aus und entscheiden uns für eine Standardgröße zwischen 5.— und 25.— Mark, einschließlich Chiffregebühr und Porto. Die Redaktion, genauer: die gefühlsbetonte Dame des Heiratsressorts schneidert sodann das Kostüm unsres Wesens und unserer Wünsche im bestellten Format zwischen 10 und 50 Worten. Nun ziehen wir ein in den Kreislauf der großen Börse, Masken unsrer selbst, zu Dingen und Dinglichem geronnen. Unsre Existenz hat sich hinter das, was meßbar ist, zurückgezogen: Körpergröße und Alter, Figur und Haarfarbe, Beruf und Konfession, Monatseinkommen, Barvermögen, Eigentum an Haus und Grund und Boden. Und dann kommt der Charakter nach Vorschrift. Übrigens gibt es Institute, die darauf grundsätzlich verzichten und ihre Inserate rigoros auf eindeutige Daten dieser Art beschränken: Wwe, 46/173 dbld., Wohnung, 800,— monatil., 80 000.— bar, wü. Wiederheirat.

Dabei bleibt es indes nicht. Man sträubt sich, die Person bei einem also ernsthaften Handel auf dingliche Attribute zu reduzieren, man revoltiert poetisch und sentimental: „Ich weiß nicht, in meinem Herzen ist ein sehnsuchtsvolles Ahnen und vielleicht ist dies die Veranlassung, daß ich dieses Inserat aufgebe. Bin 18 Jahre, habe braunes Haar und graugrüne Augen, sehe gut aus und soll, bei Zuneigung, meinen Zukünftigen im baldigen Schriftverkehr bald davon überzeugen...“ Man revoltiert und überlädt nun den eigenen Text mit der prätentiösen Fracht eines tausendjährigen, hochindividualistischen Liebesideals. Erwachsen aus der Vereinigung der christlichen Erlösungsreligion mit den Prinzipien strenger Monogamie, kultiviert im ästhetischen Raffinement von Troubadouren und Minnesängern, verklärt im autistisch stilisierten Liebesprogramm des romantischen Kreises und schließlich vom europäisch-amerikanischen Großbürgertum rezipiert und durch die erotischen Klischeemaschinen des 20. Jahrhunderts allen Schichten vermittelt, prägt dieses Liebesideal die Eheerwartung zur Erwartung eines individuellen, eines einzigartigen, an einen bestimmten Partner gebundenen Glücks, das mit kurzfristigen und beliebig reproduzierbaren Lusterlebnissen angefüllt ist. Die Heiratsanzeigen entgehen nicht dem Zusammenhang mit den Liebesromanen der gleichen Zeitungen, die mit kolorierten Reizschemen bebildert sind und die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen: animierende Konturen einer Umarmung, und daneben in groben Lettern der Kommentar: „Schräg fällt der Mondstrahl auf ihr Gesicht, als sie ihn küßt. Das ist die Liebe, das ist die Wirklichkeit.“ Ein Echo also eingepaukter Kernsätze sind die mit „Liebesheirat“, „Lebensbund aus inniger Zuneigung“, „Echte Neigungsehe“ und „Entscheidung des Herzens“ gezeichneten Aktien der Heiratsbörse. Die „inneren Werte“ und das „echte Frauentum“ zeigen wegen übergroßen Angebots inflationäre Tendenzen. Die Glück und Liebe Schenkenden und die mit viel Herz und Gemüt machen sich schlankweg stark für die „vollkommene Ehe“. Und durch die Stereotypen von „Er“ und „Sie“ wuchert immer wieder die illusionäre Erwartung der einzigartigen schicksalhaften Begegnung. Unübersehbar klafft der Widerspruch zwischen der vom geltenden Liebesideal zugespielten und zugemuteten Rolle auf der einen und der rationalisierten Praxis der Heiratsbörse auf der anderen Seite.


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