Dezemberheft 2011, Merkur # 751

Internetkolumne. Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause

von Kathrin Passig
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Wenn dieser Text erscheint, wird man ihn zwar im Netz lesen, aber nicht kommentieren können. Sie können sich darüber bei mir beklagen, ich sage dann: »Das ist eben so beim Merkur, ich würde es auch gern ändern.« Das ist gelogen. Ich finde es insgeheim ganz gut so. Wenn jemand nach dem Grund fragt, gebe ich gern an, bei Printerzeugnissen stecke man in einer unangenehmen Übergangszeit. Es gebe zwar schon allerlei Feedbackkanäle, Gedrucktes sei aber nun mal schwer bis gar nicht zu korrigieren. Das berechtige den Autor quasi dazu, die Augen zuzukneifen, denn wenn ich schon nichts ändern kann, dann will ich auch keine Kritik hören. Aber auch das ist nur eine Ausrede. In Wirklichkeit will ich einfach keine Kritik hören, Punkt. Gleichzeitig verlange ich seit gut fünfzehn Jahren, dass die Welt die neuen Möglichkeiten des Internets nutzen soll, Unternehmen sich dem Dialog mit Kunden stellen und Autoren ihre Texte nicht einfach an der Autobahnraststätte aussetzen. Wenn sich Theorie und Praxis schon in meinem Kopf nur grußlos begegnen, dann tun sie das vermutlich auch in den Köpfen anderer, und tatsächlich ist das Phänomen in einigen Bereichen zu beobachten, nicht nur in der Textbranche: Unternehmen sträuben sich gegen die Wünsche nach mehr Transparenz und Kundenkontakt, die von Berater- wie Verbraucherseite an sie herangetragen werden. Der Staat war beim Versuch, im Netz den »Dialog mit dem Bürger« aufzunehmen, bisher ungefähr so erfolgreich wie ein durchschnittlich gesprächiger Stein.

Dass man grundsätzlich »im Internet« zu sein hat, ist inzwischen nicht mehr strittig. Der Selbständige verweist darauf, er sei ja schließlich jetzt auch bei Facebook; Unternehmen, Redaktionen und Institutionen deuten auf ihre teuer eingerichteten Kommentarforen. Es geht aber nicht nur darum, eine Kommentarmöglichkeit anzubieten und auf diese Kommentare vielleicht sogar hin und wieder zu reagieren, womöglich sogar nach Feierabend. Es ginge darum, auch einmal anderswo auf Beiträge und Fragen zu antworten, an Diskussionen außerhalb des eigenen Blogs oder Facebookstreams teilzunehmen, generell im Netz ansprechbar und anwesend zu sein, anstatt nur Statements abzusondern. Man kann als Unternehmen wie als Einzelperson im Netz aktiv sein, ohne in irgendeinen produktiven Austausch mitanderen einzutreten. Die Grenze verläuft nicht zwischen Offline- und Netzkultur, zwischen analog und digital oder zwischen Journalisten und Bloggern, sondern zwischen Durchsage und Dialog. Schon die Vorstellung, in diesen Dialog einzutreten, ist unbeliebt. Die Feedbackkanäle, die das Internet eröffnet, werden vielfach geradezu mit Stolz ignoriert. Die Amazonrezensenten hätten ja gar nicht Literaturwissenschaft studiert wie ordentliche Kritiker, Leserkommentare stammten ganz offensichtlich von Neider- oder Narrenhand, und bei Twitter und Facebook trieben sich Querulanten mit zu viel Freizeit herum. Privat gern vorgebrachte Einwände sind: »Ich will mich nicht verkaufen, ich bin doch kein Staubsaugervertreter«, »Wenn ich so was machen wollte, wäre ich nicht Autor/ Journalist geworden, sondern gleich ins Marketing gegangen«, »Zeit für Selbstvermarktung ist Zeit, die mir beim Schreiben fehlt«, »Ich finde das, was mich interessiert, doch auch nicht über Twitter oder Facebook, und das geht immer noch den meisten Lesern genauso«, »Ich will nicht den ganzen Tag im Internet rumhängen, ich habe auch noch ein Leben«, »Ich habe noch kein Blog gefunden, in dem ich auch nur lesen will, geschweige denn kommentieren«. Der Journalist Christian Jakubetz schreibt in seinem Blog (blog-cj.de): »Immer, wenn ich auf Seminaren und Veranstaltungen wie ein Staubsaugervertreter mit diesen Geschichten von den neuen Geisteshaltungen hausieren gehe, kann ich die Gegenargumente und Einwände auswendig aufsagen: Das sei kein Journalismus. Da stehe ja doch nur Unsinn drin. Journalismus sei eine ernsthafte Sache und kein unverbindliches Geschnatter. Es sind seit Jahren die gleichen ermüdenden Debatten – und manchmal wünscht man sich, jemand wäre so ehrlich und würde einfach mal sagen, dass er schlichtweg keine Lust auf das ganze neue Zeug hat.«


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