Maiheft 2012, Merkur # 756

Internetkolumne. Unsere Daten, unser Leben

von Kathrin Passig
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Auf Beipackzetteln von Medikamenten ist genau definiert, was der Hersteller mit »sehr häufig«, »häufig«, »gelegentlich«, »selten« und »sehr selten« auftretenden Nebenwirkungen meint. »Sehr häufig« sind Nebenwirkungen, die bei mehr als einem von zehn Behandelten auftreten, sehr seltene werden bei weniger als einem von 10.000 beobachtet. Im journalistischen Sprachgebrauch bedeuten diese Formulierungen nur, dass der Journalist keine Lust hatte, genauer zu recherchieren, und im privaten Umgang drückt das »Nie« in »Nie räumst du auf« etwa die gleiche Häufigkeit aus wie das »Täglich« in »Ich jogge täglich«. Aber der Abstand zwischen wissenschaftlicher und privater Präzision schrumpft. Der Ansatz, der das möglich macht, heißt Selftracking oder Selbstvermessung, »Self Knowledge Through Numbers« lautet der Untertitel der 2007 gegründeten Website quantified-self.com. Breitere Aufmerksamkeit wird dem Thema seit 2011 zuteil, im Mai fand die erste »Quantified Self«-Konferenz im kalifornischen Mountain View statt, im November die erste europäische in Amsterdam. Die gebräuchlichsten Geräte messen mit Hilfe eines Bewegungssensors, wann sich der Benutzer bewegt, und errechnen daraus etwa die zurückgelegte Strecke, den Kalorienverbrauch, die allgemeine Aktivität oder die Schlafqualität. EEG-Headsets zeichnen Hirnwellen auf, der »Lena Baby Monitor« erfasst, wie viele Wörter ein Kind pro Tag hört. Viele Tools haben bisher nur Softwareform angenommen und verlangen vom Nutzer die regelmäßige manuelle Dateneingabe.

Dank der diversen in Smartphones verbauten Sensoren ist der Weg aber auch für Software geebnet, auf diesem Weg automatisch Daten aufzuzeichnen, die der gadgetlose Nutzer noch von Hand erfassen musste. Die spärliche journalistische Auseinandersetzung mit dem Thema kreist bisher um Selbstdarstellung und Selbstentblößung. »Ist das die Emanzipation des Patienten von der Medizin oder nur eine extreme Form von Hypochondrie und Narzissmus?«, fragt Klaus Vogt in der Welt (11. Dezember 2011) unter der Überschrift Messen von Körperfunktionen kann süchtig machen und findet: »Manche Quantified-Self-Erkenntnisse sind banal bis lächerlich.« Meike Laaff beschreibt in einem Taz-Artikel vom 21. Januar 2012 den Sachverhalt an den dünnen Körpern, der Schüchternheit, der »praktischen Funktionskleidung« zweier deutscher Selbstvermesser entlang, »auf dem Boden liegt beiger Teppich, den man nicht mit Schuhen betreten darf«. Es ist die Frühphase der journalistischen Betrachtung eines neuen Gebiets, in der es kaum mehr festzustellen gibt, als dass es sich um eine kuriose Tätigkeit handelt, die keine Coolnesspunkte einbringt. Auch die Diskussionen der Praktizierenden drehen sich vor allem darum, was die anderen so für Geräte und Techniken bevorzugen. Mit Ausnahme einiger Beiträge der Wired-Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly, die den Begriff geprägt und die Plattform quantifiedself.com gegründet haben, ist über Hintergründe und Motivationen noch wenig zu finden.

Dabei laufen im Selftracking verschiedene Entwicklungslinien zusammen, die eigentlich nicht im Verdacht der Albernheit stehen. Zum einen dringen Techniken in den Privatbereich vor, die sich in den empirischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten. Philipp Felsch zeichnet in Laborlandschaften die Geschichte der »graphischen Methode« nach: »Hermann von Helmholtz’ Myograph, Karl Vierordts Sphygmograph, Etienne-Jules Mareys Pneumograph und andere Instrumente erlaubten es, eine wachsende Anzahl von Körperfunktionen in Linien und damit in den physikalischen Horizont von Kraft, Weg und Zeit zu übersetzen.« (Philipp Felsch, Laborlandschaften. Physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert. Göttingen:Wallstein 2007) [WS, 15.09.2019]Felsch nennt alszwei wesentliche Differenzen, durchdie Wissenschaftler ihre Forschung vonAmateurarbeit abgrenzten, die promi-nente Rolle von Aufschreibeverfahrenund den Einsatz mechanischer, im Ideal-fall selbstregistrierender Messinstru-mente. (Für Laien ist die Selbstaufzeich-nung aus anderen Gründen wichtig, alssie es in der Wissenschaft war: nicht pri-mär wegen ihrer geringeren Fehleranfäl-ligkeit und besseren Standardisierung,sondern weil nicht zwanghaft veranlagteMenschen sich nur begrenzte Zeit dazuaufraffen können, Daten in Tabellen oderApps einzutragen.) Die Ergebnisse die-ser Entwicklung der Wissenschaft sindseither allgegenwärtig — außer im Pri-vatleben. Was in Forschung und Indus-trie als selbstverständlich anerkannt war,hätte nach Feierabend absurd gewirkt(und tut es, wie der faz- Artikel durchbli-cken lässt, auch weiterhin).Mit einer Ausnahme allerdings: demSport. Im Sport gehört das Messen,Nachzählen und Vergleichbarmachenlängst zur Normalität. Seit den sechzigerJahren verbreitet sich außerdem — ausge-hend vom US-Baseball mit seinen »Sa-bermetrics« — die Ansicht, dass die Er-fassung der unsichtbaren Elemente desSpiels nicht nur die Erfolgsaussichtender Sportler, sondern auch das Vergnü-gen der Zuschauer vermehrt, anstatt eszu verringern: »For (the game’s statisti-cians), plumbing the meaning of num-bers is not mere accounting; to bring thehidden game of baseball into the open isan act of imagination, an apprehensionand approximation of truth, and perhapseven a pursuit of beauty and justice.«?Daher ist es auch naheliegend, dass dieersten selbstaufzeichnenden Geräte — be-ginnend 2008 mit dem »Fitbit« — ausdem Sportsektor stammen, dem Punkt,in dem Datenerfassung und Freizeit be-reits zusammengefunden haben.Eine dritte Entwicklungslinie ist dieder verwissenschaftlichten Selbstbeob-achtung als eigentlich überfälligemSchritt beim Verlagern externer Kon-trollmechanismen in den privaten Auf-gabenbereich. Es gibt historische Vor-läufer wie Benjamin Franklin mit seinenTabellen, in denen er täglich seine Ver-stöße gegen dreizehn selbstaufgestellteTugendregeln kartierte, und auch dieEinführung des Haushaltsbuchs im19. Jahrhundert als Instrument derSelbstregulierung gehört hierher. Aberdas Auftauchen spezifischer Hard- undSoftware, die wenigstens teilweise auto-matische Aufzeichnung, die Veröffent-lichung der erhobenen Daten und deröffentliche Austausch über sie sindneu.Warum aber gerade jetzt, und warumerst jetzt? Gary Wolf benennt vier Fak-toren: Die Sensoren sind kleiner undleistungsfähiger geworden. Das Herum-tragen von Computern, vor allem in Mo-biltelefonform, wird üblicher. Seit demAufkommen von Social Media löst dasVeröffentlichen privater Informationenweniger Irritationen aus. Und schließ-lich »erahnen wir das Aufkommen derglobalen Superintelligenz, die wir die»Cloud« nennen«.! Philipp Felsch, Laborlandschaften. Physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert. Göttingen:Wallstein 2007.? John Thorn / Pete Palmer, The Hidden Game of Baseball. New York: Doubleday 1984, zitiertnach Tobias Werron, Die zwei Wirklichkeiten des modernen Sports. In: Andrea Mennicken / Hen-drik Vollmer (Hrsg.), Zahlenwerk. Kalkulation, Organisation und Gesellschaft. Wiesbaden: VS2007.


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