Januarheft 1969, Merkur # 249

Japanisches Skizzenbuch. Oberflächen

von Werner Helwig
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Jeder, der zum ersten mal in Japan war, glaubt Rechenschaft über seine Eindrücke ablegen zu müssen. Ich habe unzählige solcher Berichte gelesen. Heute, da ich selber Japan kennengelernt habe, scheint mir, daß in den meisten das Vordergründige fehlt. Wie erfasse ich es? Das Vordergründige, das In-die-Augen-Springende ist in Japan so dicht, daß man immer in Gefahr ist, daran vorbei zu schildern. Ich nehme mir vor, alles außer acht zu lassen, was ich, seit meinem Elternhaus mit Japankunst vertraut, mit Zen und No gesalbt, später berauscht von den Schriftzeugnissen, die ich mit japanischen Freunden zusammen in Europa übertrug, bisher für Japan gehalten habe. Japaner in Europa sind etwas anderes, als Japaner in Japan. Wir näherten uns auf einem holländischen Frachter, von Manila kommend, der drachenförmigen Insel, berührten sie zuerst an dem Punkt Yokohama. Per Funktelefon war uns schon einen Tag zuvor auferlegt worden, eine Stuhlgangprobe mit unsern Pässen zugleich parat zu halten. Wir kamen ja von Manila, einem Inselstaat, der in einer Art von halbgenialer Verlotterung dahinlebt und immer ein wenig choleraverdächtig scheint. Weit vor Yokohama war schon die japanische Behörde an Bord. Ein Schiffsarzt von eindeutig intelligentem Aussehen ließ uns früh aus den Betten holen, um unsere Verschlafenheit mit unseren Paßfotos zu vergleichen. Der Befund war zufriedenstellend. Wir durften weiterfahren, auf jene Dunstschicht los, die sich mit den industriellen Vorwerken der gewaltigen Stadt (mit dem noch zehnmal gewaltigeren Tokyo zusammen eine zunehmend ineinander übergehende Einheit) weit ins Meer hinaus lagert. Und stank. Schnell waren wir von einem gelblichen Jauchedunst umschlossen, keine Möglichkeit, die gute Seeluft wenigstens in der Kabine zu retten. Solange wir Japan von Hafen zu Hafen berührten, war dieser Gestank die gewohnte Luftkost. Das seien die Ölraffinerien, entschuldigte man den mißlichen Umstand. Wenn es nur das ist, muß in Japan unvorstellbar viel Öl raffiniert werden. Aber die allenthalben nach See hin in fieberhaftem Aufschwung begriffene Industrie (alles betreffend, was man sich darunter vorstellen will) mag diesen Bedarf erklären, der da anscheinend zu decken ist. Die zweite Sensation, nächst dem Gestank, ist die rauhe Häßlichkeit der Städte, soweit sie sich als Hafenzweckbauten darbieten. Graugelbe Betonklötze ohne auch nur den Versuch einer Irgendwie-Stilisierung, die sich doch vielleicht aus dem Gemenge von Lagerhallen, Warenbuildings, Mauerhöfen usw. ergeben könnte. Es fehlt sogar die Romantik der Scheußlichkeit, wie sie die Hafenbauten von Marseille oder Neapel kennzeichnet. Durch diesen Wall von Desillusion muß hindurch, wer sich, von See her, auf die Suche nach Japan begeben will. Übersteht er die Prüfung, findet er gleichwohl etwas ganz anderes, als ihm seine Erwartung vorgemalt hat. Was findet er? Schon die Hafenarbeiter unterscheiden sich von allen zuvor (etwa in Afrika oder Indien) gesehenen. Elegant bewegte junge Leute zwischen 20 und 30, adrett in gleichförmige Overalls gekleidet, mit bunten Arbeitshandschuhen und farbigen Schutzhelmen aus Aluminium. Sie tun ihre Pflicht wie eine Ballett-Gruppe. Mittags verzehren sie schnellstens einen kleinen Fix-Fertig-Lunch aus einer kleinen rechteckigen Pappschachtel und beeilen sich, um ihre Pause sportiv zu nützen. Kaum gespeist, verteilen sie sich über die Quais zu Dreiergruppen, die Baseball spielen. Einer hantiert die Schlagkeule, zwei andere werfen und fangen den Hartgummiball reihum. Trotzdem der Abstand von Mann zu Mann mindestens vierzig Meter mißt, ist der Ball selten am Boden. Und das Verrückte ist, daß der Spieler mit dem Schlagholz den ihm zugeworfenen Ball in der Luft erwischt und mit dem gleichen Hieb unfehlbar in die andere Richtung weiterleitet. Hat man sich an der Unzahl solcher Spielgruppen vorbeigedrückt (es gibt auch Einzelgänger, die mit weit ausholender Bewegung einen Ball mit dem Golfstock derart gegen eine Schuppenwand treiben, daß der Abprall ihnen den Ball genau wieder vor die Füße befördert), nähert man sich einer Vorstadt von Hafenverwaltungsgebäuden. Der Zufall will, daß ich höre, wie der Lautsprecher drinnen gerade eine kleine Gymnastikübung anberaumt. Alle erheben sich von ihren Schreibmaschinen und turnen in perfektem Gleichmaß nach den rhythmisch ertönenden Befehlen des unsichtbaren Sprechers. Zehn Minuten, dann sitzen sie wieder und tippen auf derselben Zeile weiter, die Gesichter von Fleiß und Ernst geprägt.

Dann an der Wasserkante entlang. Der Saum zur Stadt hin ist durch Grünanlagen gekennzeichnet. Innerhalb ihrer hat sich zu dieser Frist eine Gartenbauausstellung etabliert. Titel etwa: »Was kann man mit acht Quadratmeter Boden anfangen.« Und da beginnt das Japanische. Der Japaner liebt das Eigenheim, und wenn es nicht größer ist als zwei übereinander gestellte Autotransportkisten. Zwischen Kobe und Osaka stehen tausende solcher Schachtelhäuschen an der Bahnlinie entlang. Klar, daß bei den überaus teuren Bodenpreisen oft nur wenig Platz für den Hausgarten bleibt. Die Gartenausstellung demonstriert, was man damit machen kann. Wir zählten mehr als 40 Modellgärtchen, deren keines dem andern ähnlich war. Da gab es Zwerggärten, Sand- und Steingartenarrangements, karierte Rasenflächen mit Kleinstteichen voll Wasserflora — alles ge-spart, erklügelt, nicht größer als bei uns ein Grabplatz. Sogar die Möglichkeiten einer Pop Art-Gartengestaltung waren versucht worden, mit knallig angestrichenen Straußeneiern, strukturierten Blechplastiken usw. Nur den Gartenzwerg, der sich in diesem Bild gut ausgenommen hätte, entdeckte ich nirgends. Im Hintergrund dieser dröhnend vom Verkehr begleiteten Gartenwelt japanische Schulkinder, klassenweise streunend. Sie hockten in bunten Gruppen um ein Rondell mit Wasserspielen in der Mitte und picknickten, so klein sie waren (Vierjährige), aus ähnlichen Schachteln, wie ich sie bei den Hafenarbeitern beobachtet hatte. Aber jedes Kind war anders versorgt. Mit den obligaten zwei Stäbchen gabelten sie geschickt ihre puppenküchenhaften Menus auf, tranken aus giftfarbenen Plastikthermosfläschchen und fotografierten sich dabei gruppenweise, die Art der Erwachsenen mit Anordnungsraffinessen, Zurechtwinken der »Außenseiter« nachahmend. Neben billigen Kodaks teure Canon-Kameras, sonderbar genug in diesen zierlich betätigten Händchen. Erwachsene, die zwischen diesem Völkchen von Liliputanern herumspazierten, wurden nicht beachtet. Unversehens löste sich diese zierliche Verflochtenheit aller mit allen auf, als von einem der in der Nähe liegenden Ausflugsdampfer Lautsprecherbefehle hohl herüberdröhnten.

Folgsam formierten sich die Kinder klassenweise nachdem Geheiß des unsichtbaren Lehrers, der, wie ich später feststellen konnte, bequem in einem Deckstuhl sitzend seine Befehle durch das Mikrophon übertrug. Neuerlicher Lautsprecherbefehl, und alles marschierte hinter dem Wimpel des Klassenältesten in schöner Ordnung zu dem immerhin verwirrend entfernt liegenden, zwischen vielen anderen Schiffen vertäuten Ausflugsdampfer zurück. Die Unzahl von Eßkartons, Papierservietten, Plastikhüllen war säuberlich in die großen Abfallkörbe am Wegrand befördert worden. Schon bald rückten neue Scharen von Ausflugskindern an, diesmal ältere: Die Mädchen in weißen Matrosenblusen mit blauen Plisseeröcken, weißen Söckchen und schwarzen Lackhalbschuhen. Eine Tracht, die mir von Kinderzeiten her geläufig ist, ebenso wie der obligate Bubikopf, der bei uns so um 1920 herumbeliebt war. Die Knaben gar, in dunkelblauen Kadettenuniformen, weckten früheste Erinnerungen an Kaisers Zeiten.

Die Traditionstreue des Japaners neben supermodernen Gestaltungen ist augenfällig. So sieht man auch wiederum die kühnsten Mini-Jupes aus wasserflüssig anschmiegsamem Kunststoff. Aber das Weibliche an sich? Man weiß, es gilt hier nur als Arbeitsgerät oder Unterhaltungsspielzeug des Mannes. Frage: Was machen eigentlich die alten Frauen in Japan, wenn sie nicht im Hintergrund eines wohlhabenden Clans verschwinden können? Antwort: Sie verdienen sich als Straßenfegerinnen ihr Brot. Was sah ich für vornehm verwitterte Greisinnen in verblichener Tracht, mit dem altjapanischen kreisrunden Strohhut: Sie hantierten am Rinnstein entlang mit Besen und Schaufel, füllten ihren Abfallkarren, hockten sich, wenn sie pausierten, mitten im Gehsteig auf die Hacken. Aber sie waren heiter, und wenn man sie grüßte, lachten sie fröhlich und zuvorkommend. Erstaunliche Wesen, an die alte Adele Sandrock erinnernd. (Übrigens bemerkte ich mehr als häufig auch alte Herren mit ausdrucksvollen Gesichtern in untergeordneten Tätigkeiten; in bürgerlicher Kleidung würde man sie bei uns für Richter, Advokaten, Regierungssekretäre halten. Kaum gibt es Greise, die nicht auf gute, oft auch amüsante Art gealtert sind.) Verblüffend war’s, als ich zum ersten Mal Formen einer uns unbekannten Devotion beobachten mußte. Ich schämte mich, so schien es mir, für die andern; oder weil ich dreist genug war, den Blick nicht abzuwenden. Es geschah in dem von prächtigen Shopping-Arkaden durchzogenen Silk-Center Yokohamas – ein Monumentalbuilding, der das Silk-Museum und in den oberen Stockwerken das Silk-Hotel birgt. Rechts und links von den Liftanlagen, die zum Hotel hinaufführen, Reihen unwahrscheinlich hübscher junger Damen in schwarzen Jupes und weißen Blusen, eine Tracht, die sie als Sekretärinnen auswies. Nun nahten sich − das ist im Straßenbild Japans nichts Ungewöhnliches – mehrere Herren im Frack. Sie schienen frostkalt ergraut. Die jungen Damen bildeten eine Bereitwilligkeitsgasse und verbeugten sich anhaltend, und immer wieder von neuem, bis die noble Fracht im Lift verschwunden war. Diese Demonstration der Untertänigkeit, mitten im strömenden Fußgängerverkehr, wurde von den gebieterischen Herren mit einem so schwachen Nicken quittiert, daß man meinte, sie hätten lediglich das straffe Kinn ein wenig gerückt. Großindustrielle des Seidenhandels auf dem Weg zur Tagung, wie ich in einem Puppenladen unter den Arkaden erfuhr.

Praxis und Theorie des »Verlorenen Gesichts«: Ist das Wort bei uns schon ein abgegriffener Bestandteil des politischen Vokabulars, so beherrscht es in Japan den Alltag der Nation und des Einzelnen gleichermaßen. Zur Theorie das folgende: Täglich verliere ich − vor mir selbst − das Gesicht, ohne daß dies jemand wahrnimmt; trotzdem trifft mich das. Aber es gibt Mittel, Schliche, Heimtückeunternehmungen, um es wiederzugewinnen – für mich selbst; ohne daß es jemand wahrnimmt. Verliere ich es offiziell, muß ich die Anstrengung, es wieder herzustellen, wahrnehmbar vollziehen. Dies scheint Gesetz zu sein. Wird es verletzt, indem ich mich selbst darum zu betrügen versuche, kann mich das psychisch bis physisch krank machen. Der Zustand kann sich derart zuspitzen, daß er nur mehr durch Selbstmord heilbar ist. Offiziellen oder heimlichen, je nach Fall.


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