Novemberheft 1994, Merkur # 548

Literatur. Kabarett 10.0 − Nahezu persönliche Anmerkungen zu einer recht obsoleten, ja ziemlich steindummen Gattung

von Eckhard Henscheid
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Dieses Gesocks, das sich für etwas Geld noch vor jede TV-Linse hockt und unter Namen wie Hans Scheibner, Helmut Ruge oder auch − unglaublich, aber noch eine Etage drunter − Gabi Lodermeier (jawohl, so heißt sie wirklich) sein verbales Gehampel, sein deprimierendes Doppelsinn- und Wortspielgekasper, seine kracherbsenscharfen Schüsse aus der Wortkanone (so eine einschlägige Kolumne des Stern), seinen linkisch namenlosen Stiefel abzufeuern, seine Mediokritäten bis Sklerositäten von W. Schneyder bis L. Lorentz, dies prototypisch kabarettistisch Knallköpfige und gleichzeitig Kotzbrockige, blindlingisch allzeit bejubelt von einem jämmerlichen, scheint’s noch mit jeder Zumutung zufriedenen Stammpublikum und emphatischer noch von sich selber und dem eigenen Stamm, diesen im steten Namenwechsel ewig gleichen Witz- und Abgreifer- und Absahnerfiguren eines gottverlassenen Gratisweltgeists und − Aber vielleicht gehe ich hier doch allzu schnell in medias res. − Ähnlich wie es zwischen Literatur und Theater wunderlicherweise so gut wie gar keinen Draht und keine Wellenlänge gibt, so wie auch diese beiden eigentlich zwei isolierte Gattungen sind, es nur recht scheinbar und jedenfalls äußerst brüchig einen gemeinsamen Dachverband, eine Verbindungsschiene, das Wort, hat: So auch letztlich keinen zwischen Dichtung/ Literatur und der zuweilen auch auf den Namen und Obernamen Kleinkunst hörenden Gattung Kabarett. Aus ihren Sprechtexten, vor allem aus den immer notorischer und mehrbändiger werdenden Memoiren ihrer Leitfiguren geht vor allem eins klar hervor: Sie wissen nichts, sie kennen nichts, sie haben nichts gelernt – selbst von Shakespeare, Goethe, Heine, Tucholsky, Polgar, Kraus haben sie eigentlich nur vom Hörensagen gelesen, Troglodyten in ihrem eigenen kleinen und finsteren oder vielmehr dämmrigen Reich − warum aber, um alles in der Welt, soll dann ich umgekehrt mich fürs deutsche Kabarett interessieren und seine bestenfalls hochbescheidenen Leistungen, wenn sich dieses Kabarett umgekehrt für mich und meine hochbedeutenden Leistungen nicht die Bohne erwärmen kann? Ja nicht einmal für sein eigenes und, neben Polt, einziges Säkulargenie der letzten Dezennien: den allerdings die beschaulich selbstzufriedenen Grenzen eben dieses Kabaretts ständig und inständig transzendierenden Heino Jaeger; den es, einen Star der siebziger Jahre, vielmehr inzwischen glatt vergessen hat; schlimmer, nachdrücklicher als seinerzeit von der Öffentlichkeit Mozart vergessen wurde; den man zwar anonym verscharrte, aber schon am nächsten Tag nicht nur dem Kulturbetrieb, sondern nolens volens dem Gedächtnis der Menschheit wieder einverleibte.

Insofern immerhin: ein Fortschritt, ein Segen für den ja trotzdem hoffentlich nicht gänzlich sterblichen Heino Jaeger. Die Wortspielhölle: »Carmina Urana«, »Rationaltheater«, »Pro Test«, »Marx und Murks«, »Kinder von Murks und Lola Lola«, »Tadel verpflichtet«, »Sattes Chaos I«, »Cassa Blanca«, »Die Niegelungen«, »Rot für die Welt«, »Stierisch ernst«, »D-Montage«, »Was gibt's Neuss«, »Münchner Lach- und Schießgesellschaft«, »statttheater fassungslos«, »Das Röcheln der Mona Lisa«, »Maden in Germany«, » Kabarett Linksru(h)m«, »Wipfelstürme«, »Die unsägliche Seichtigkeit des Seins«, »Eine kleine Machtmusik«, »Verschärft die Lachsamkeit«, »Warten auf Demo«, »Vorwiegend weiter«, »An der schönen lauen Donau«, »Energie, vorkommen« (diese Zusammenstellung z.T. mit Hilfe einer viel größeren Dokumentation in der Titanic 4192) − damit soll's erst mal genug sein mit nicht erfundenen einschlägigen Firmen- und Programmtiteln, seit ca. 187 Jahren haben wir sie zu erdulden, die nimmersatt inferioren, infernalischen, die Seichhaftigkeit des Seins überbrummenden Weltgeistflüge dieses grenzensprengenden Kalibers − dabei ist der alte Robert Gernhardtʼsche Seufzervorschlag » Kabarette sich, wer kann« von 1969 zwar nach einem Vierteljahrhundert scheint’s noch immer nicht realisiert, aber dafür wird die Kraft seiner Hilfsschreifassungslosigkeit immer uran-, ja plutoniumstierischer. [WS, 15.09.2019] Und noch ist ja nichts ver-loren, noch muß ja nach dem ViertenMurphyschen Gesetz jedeaberauchjedekleisterdumme Klebrigkeit durch denwürgenden Wortspielfleischwolf geman-gelt werden; doch, auch nach einer spä-ten Weisung Franz Kafkas muß man ja,um das Schlechte immer besser zu ertra-gen, erst einmal durch das Allerschlech-teste durch - ja, freilich, es ist wie ein Vi-rus, wie eine Epidemie, wie ein gesamt-gesellschaftlicher Alzheimer, der da dasneu-, aber letztlich vor allem sehr alt-deutsche Kabarett noch über die aller-dings sonst ärgstens verwandte Betrof-fenheitsquasselszene von Dorothee Altüber Carmen Böll bis zu Uta Höhler-Drewermann hinaushebt - ach, kann ichda, acht Jahre später, nur einem eigenenÄchzer zum Beschluß einer längerenStudie über den erbarmungslosesten al-ler neudeutschen Satiriker und Kabaret-tisten und Kleinkünstler, H.D. Hüsch,nochmals nachächzen, ach, wer gibt unsvor dem jammervollen Hintergrund alldes Unflats unseren alten Herbert Hieselwieder!*Nach der Veröffentlichung der besagtenHüsch & Co.-Studie 1985 rückte dermitverantwotrtliche »Verlag >»pläne«GmbH« Dortmund als Riposte einemich des Selbsttors bezichtigende An-zeige in die Titanic ein: Ich hätte, so dieAnzeige völlig korrekt, Schneyder be-zeichnet als »vollends lästig«, Hüsch als»den Unausstehlichsten«, Wecker alsden »unbedarftesten aller Blödmänner«,Heidenreich, Kittner, Ruge et. al. in totoals »Kraut- und Rübenquatschis allerCouleur« und gar als »Pack«, das sichverträgt und bestens wechselseitig trägt- naja, der recht elegische Witz istnur, daß mir selber, und mit mir einigenbegreifenden Nachzüglern, das allesnach acht Jahren gleich noch mehr ein-leuchtet - ich hätte es nur noch deutli-cher sagen können, ja müssen. Und auch,was ich im spotlightverkürzten Aufrißüber die Hintergrundskausalitäten alsVerdacht angedeutet hatte, bezeichnet janur zu richtig die richtige Richtung:»Die Erbärmlichkeit des deutschen Ka-barett- und Kleinkunst-Publikums ist inWahrheit das Thema. Ihr selbstgeschaf-fenes »Umfeld« ist es, welches der Bran-che ihre Unverschämtheiten nicht nurgestattet, sondern bestdotiert noch ab-kauft. Noch jeder Dreck und Rotz undSchleim geht hier als Kabarett und Satireund gar Aufklärung durch - Wortspiele,die keine Sau erträgt, Aphorismen, dienicht einmal sie selber ertrügen« - -


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