Märzheft 1998, Merkur # 588

Kann eine Biographie ein Werk zerstören? Bemerkungen zu de Man, Jauß, Schwerte und Hermlin

von Gustav Seibt
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Die Stunde Null des Jahres 1945 hat stattgefunden. Als das Morden und der Krieg zu Ende waren, mußten unzählige Menschen neu anfangen, die Vertriebenen und Gefangenen, die aus Lagern und Armeen Entlassenen, die aus dem Exil Heimkehrenden, die überlebenden Opfer und die schuldigen Täter, die mitschuldigen Mitläufer, auch ungezählte sehr junge Menschen, die, oft ohne recht zu wissen, wie ihnen geschehen war, sich am Ende des Krieges nicht nur besiegt, sondern auch stigmatisiert fühlen mußten. Die ersten Schlußstriche wurden schon damals gezogen, verhunzte Biographien abgestreift wie äußeres Gewand, Lebensläufe begradigt und verschönert. Schon am 2. Mai 1945 meldete sich in Lübeck ein gewisser Hans Schwertean, der seine Papiere im Osten verloren haben wollte. In Wahrheit handelte es sich um den 1909 geborenen Germanisten und SS-Offizier Dr. Hans Schneider, zuletzt Leiter des »Germanischen Wissenschaftseinsatzes« in Himmlers Stiftung »Ahnenerbe«, unter deren Obhut beispielsweise die medizinischen Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau abgewickelt worden waren. Als Schwerte begann Schneider ein neues, inzwischen oft erzähltes Leben, das ihn zu einem beliebten, gemäßigt liberalen Hochschullehrer und zu einem nicht ganz erfolglosen Literaturhistoriker machte, dessen Werk seit den sechziger Jahren für den modernisierten Geist seines Faches zeugte. Am 18. Oktober 1945 schrieb sich an der Universität Bonn der 1921 geborene Hans Robert Jauß zum Studium der Romanistik ein, mit einem Lebenslauf, der nicht nur seine militärische Laufbahn als dekorierter Offizier in den fremdvölkischen Divisionen der Waffen-SS verschwieg, sondern auch falsche Angaben über Wohnorte und Schulbesuch vor dem Krieg machte. Der leicht durchschaubare Schwindel des vom amerikanischen Geheimdienst gesuchten Studienanfängers flog schon wenige Wochen später auf, und Jauß wanderte in die Kriegsgefangenschaft. Erst 1948 konnte er sein Studium in Heidelberg wieder aufnehmen. Von seiner Bonner Episode hat er später nie mehr etwas verlauten lassen. Jauß wurde in den folgenden Jahrzehnten nicht nur der berühmteste Vertreter seines Fachs in Deutschland, sondern als theoretischer Neuerer eine der wenigen international sichtbaren und wirksamen Figuren der deutschen Geisteswissenschaften nach dem Krieg. Auch der junge belgische Literaturkritiker Paul de Man, geboren 1919, der 1941/42 Literaturchef der angesehenen, von den deutschen Besatzern auf regimetreuen Kurs gebrachten Brüsseler Zeitung Le Soir gewesen war, orientierte sich neu. Nach einem glücklosen Versuch, als Verleger Fuß zu fassen, wanderte er 1947 nach Amerika aus, wo er eine zu spätem, weltweitem Ruhm führende akademische Karriere begann. De Man wurde einer der einflußreichsten Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts.

Am 15. März 1946 füllte der 1915 geborene, als Jude aus Deutschland verjagte kommunistische Dichter Stephan Hermlin in Frankfurt am Main einen amerikanischen Fragebogen aus, in dem er seinen gehetzten Lebenslauf als politischer Flüchtling zwischen Palästina, Frankreich und der Schweiz mit einer unrichtigen Angabe weiter dramatisierte. Hermlin behauptete, im Konzentrationslager Sachsenhausen zu einem Zeitpunkt inhaftiert gewesen zu sein, als es noch gar nicht bestand. Diese Unwahrheit zog später viele weitere nach sich, in denen Hermlin seine Herkunft veredelte und sein politisches wie privates Leben mit allerlei neuen Ehrentiteln ausschmückte, die ihm nicht zustanden. 1947 zog Hermlin nach Ost-Berlin und wurde zum ersten geistigen Repräsentanten der jüngeren Generation in seinem überaus künstlichen Staat.

Diese vier Geschichten beschreiben sehr unterschiedliche, moralisch gewiß nicht gegeneinander abzuwägende Fälle. Gemeinsam ist ihnen ihre späte Aufdeckung. De Man, Jauß und Hermlin, in geringerem Maße auch Schwerte, hatten Ruhm und Ansehen bereits gewonnen und ihre Lebensleistung schon erbracht, als ihre wahren Lebensläufe mit den verborgenen Episoden ans Licht kamen. Ihre Werke hatten ihre Wirkung getan, als bekannt wurde, welche Schatten auf den Anfängen ihrer Autoren lagen. Das unterscheidet ihre Geschichten etwa von der Heideggers, dessen Rektoratsrede immer bekannt war, und von vielen anderen kompromittierter Wissenschaftler und Schriftsteller, deren Schriftenverzeichnisse durch Konzessionen an den Nationalsozialismus oder den Stalinismus verunziert sind. Carl Schmitts Werk ist lange Zeit fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt seiner nationalsozialistischen Verstrickung wahrgenommen worden, ohne daß dieser Umstand die Wirkung seiner Theorien auf Dauer hätte blockieren können.

Stephan Hermlin stellt in diesem Zusammenhang allerdings einen verwickelten Sonderfall dar: Er hatte neben seiner persönlichen biographischen Fälschungsgeschichte eine seit je bekannte Geschichte öffentlicher Kompromittierung in der stalinistischen Zeit der frühen DDR, die er nie verleugnet oder beschönigt hat. Sein großer Mut in den inneren Kämpfen der DDR seit den sechziger Jahren, den die soeben veröffentlichen Dokumente der Akademie der Künste ein weiteres Mal belegen, war aber nicht minder notorisch; um so befremdlicher mußte die Schminke auf seiner Lebensgeschichte wirken. Paul de Mans frühe Zeitungsartikel wurden vier Jahre nach seinem Tod 1987 bei biographischen Recherchen entdeckt. Die Mitgliedschaft von Hans Robert Jauß in der Waffen-SS war seit 1974 in der französischen Kriegsliteratur bezeugt und seither Gegenstand der akademischen Gerüchtebildung − wovon die Figur des Siegfried von Turpitz in David Lodges Campus-Romanze Small World Zeugnis ablegt −, untersucht und diskutiert wird sie erst seit 1995; der 1997 verstorbene Jauß hat nur zögernd, gequält und vornehmlich nicht öffentlich, in persönlichen Äußerungen und Briefen, dazu Stellung genommen. Hermlins hochstaplerische Überhöhung seiner Vita ist in ihrem sichtbar geworden; auch Hermlin, der wenige Wochen nach Jauß starb, sah sich noch genötigt, seinen verbitterten Stolz mit halbherzigen Eingeständnissen zu verteidigen. Schwertes jahrzehntelanger Betrug wurde 1995 aufgedeckt und sogleich zum Gegenstand vieler teils empörter, teils erstaunlich verständnisvoller Betrachtungen. Er ist mangels intellektueller Masse heute vornehmlich ein Exemplum, das dazu dienen soll, alle möglichen Fälle biographischer Belastung mit Vergangenheit zu illustrieren.

Die Aufdeckung aller vier Fälle löste in den Feuilletons und den zuständigen Fachwelten große, zuweilen etwas künstliche Überraschung aus. Auf die Differenz von bedeutender intellektueller Leistung und moralischer Fragwürdigkeit wurde mit einer am Ende des 20. Jahrhunderts nicht recht glaubwürdigen Jungfräulichkeit reagiert. Das gilt übrigens für die Verteidiger wie die Kritiker der vier unterschiedlichen Sünder; denn auch die Verteidiger wollten letztendlich die Möglichkeit ausschließen, daß ihre Helden trotz ihrer Verstrickungen geistig und künstlerisch Großes geleistet haben können − sie sollten rein bleiben. Umgekehrt wurde die Kritik, die an den gebrochenen Lebensläufen von de Man, Jauß oder Hermlin zu üben ist, oft genug umstandslos auf ihre Werke, ihre Argumente und ihren ästhetischen Rang ausgedehnt. Es gibt aber eine Eigengesetzlichkeit von Kunst und Theoriebildung, die die Frage nach biographischen Motiven und Hintergründen verblassen läßt. Die Herstellung eines literarischen Kunstwerks und einer längeren Argumentation unterwirft das Subjekt einer Disziplin, die es zwingt, persönliche Antriebe hintanzustellen; sie verblassen vor dem gelungenen Werk zu äußeren Anläßen. Von einem bestimmten Komplexitätsgrad an verfangen Argumente ad personam nicht mehr; sie können höchstens einen Anfangsverdacht begründen, der dazu führt, daß die Kritik sich der Sache selbst zuwendet. Im historischen Abstand wird dies übrigens seit langem zugestanden; die genaue Kenntnis von Wagners abscheulichem Antisemitismus, der seine Spuren bis in die Handlungen seiner Musikdramen hinterlassen hat, konnte dem Rang seiner Musik nichts nehmen. Wir haben allen Grund zu vermuten, daß Caravaggio ein Mörder war, und diese historisch verbürgte Gewaltsamkeit ist der Schätzung seiner Werke sogar zugute gekommen, weil sie nun auch als Ausdruck einer ungezügelten Leidenschaftlichkeit und eines zerrissenen Lebenslaufes verstanden werden. Nun ist besonders die Gelehrtenrepublik ohnehin ein undurchsichtiges Land. Jeder Forscher muß Hunderte von Aufsätzen, Büchern, Editionen, Kommentaren verwenden, deren Verfasser ihm nur dem Namen nach bekannt sind. Trotzdem verläßt er sich in aller Regel auf die Korrektheit ihrer Arbeit. Zuweilen erfährt er dann, der Verfasser einer geschätzten Poussin-Monographie sei sowjetischer Agent gewesen oder der bewährte Parzival-Übersetzer ein Spitzel der Staatssicherheit. Die Geltung von Poussin-Studie und Parzivalübersetzung beeinträchtigt das nicht, nur möchte man den betreffenden Kollegen auf Kongressen und in Fachbereichssitzungen vielleichtlieber nicht begegnen.


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