Januarheft 1960, Merkur # 143

Kirios Samsarellos. Neugriechisches Märchen

von Werner Helwig
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Ich heiße Manussi. Das ist nicht mein richtiger Name, aber er hat sich mir angeheftet und hat mich überwältigt. Und ich bin sicher, wenn man heute in Zagora nach Manussi fragt, wird ein bedauerndes Erinnern bei den Dorfleuten erwachen. Sie werden die Geschichte meines Lebens erzählen − die Geschichte meines Lebens, die die Geschichte meines Unheils war. Wann und bei wem wäre das etwa nicht so? Jeder ist verloren. Und wenn er Glück hat, weiß er es nicht. Ich wußte, daß ich verloren war. Deswegen ließ ich mir auch den Übernamen gefallen, um das Schicksal, um den Tod auf die falsche Fährte zu locken. Damit einer von uns übrig bliebe, der die Geschichte so erzählen könnte, wie sie war. Ins Leben gelangte ich wie jeder andere. Ich erfuhr die Ströme, die Flußläufe des Feuers. Mir wurden Kälte, Finsternis, Hemmung bekannt. Mein Körper wurde allmählich fest, mein Schädel hart, mein Herz undurchdringlich. Mein Sinn verbannte das Erbarmen von meinen Wegen. Ich fiel durch die Tage, durch die Nächte der Welt. Und obwohl Tage und Nächte unendlich waren, wurden sie von meinem wirbelnden Fall gemessen. Ich empfand jeden Augenblick einzeln in seiner Qual. Die Geschwindigkeit meines Sturzes ließ mich aufleuchten. Ich wurde an den Widerständen zum Stern. Das Licht, das ich verbreitete, war der Stolz. Unermüdlich mich mit den Dingen einrichtend, wurde ich geschmeidig, stark, lernte schwimmen, schlafen, mich an Taten erfrischen. Aber das Glück, nach dem ich unterwegs war, wich mir aus. Das Glück kam zu Herrn Samsarellos. Herr Samsarellos war gut und freundlich. Herr Samsarellos tat nicht viel. Er saß in seinem Haus und rauchte. Er winkte sitzend mit dem Zeigefinger, und das Glück kam. Er besaß ein Haus, er besaß ein Weib, er besaß Kinder, er besaß Herden, Weingärten, Wald, Äcker, Schiffe, Speicher. Und während er all dies besaß, erbte er noch dazu. Ich war Köhler. Ich lebte in einer Hütte aus Zweigen.

Ich lebte davon, daß ich den Bauern die Holzkohle für den Winter brannte. Ich aber fror, neben dem dampfenden Kohlenmeiler nächtigend. Mein Verdienst reichte für ein kleines Essen. Er reichte nicht für warme Decken. Bei Herrn Samsarellos häuften sich die warmen Decken im Speicher. Ich hatte gesehen, wie man die frisch gewebten Decken wusch, wie sie in der Sonne dick und flaumig aufquollen, wie sie zusammengelegt und in den Speicherversorgt wurden. »Solche Decke muß herbei«, dachte ich, »solche Decke, und wir werden nicht mehr frieren, ich und mein Leib.« Nachts ließ ich meinen dampfenden Meiler im Stich. Ich ging zu dem Speicher, der sich ans Wohnhaus lehnte. Ich sprengte das Schloß mit einem eisernen Haken. Drinnen in der Finsternis tauchte ich die Arme in die warmen weichen Decken. Ich bündelte sie mit einer Schnur, ich schulterte sie. Da kam ein Licht über den Hof geschlichen. Das Licht kam durch die Ritzen des Speichers und äderte meine Hände, stach mir ins Auge. Ich stand in der Tür. Beleuchtet von Herrn Samsarellos, der mich ruhig betrachtete. Er faßte nach dem Griff seines Messers, der ihm aus der Schärpe ragte. Ich faltete die Arme und stand ihm entgegen. »Das kann mir nur recht sein«, sagte ich, »daß ich die Decken nicht nach Hause tragen muß. Der Weg macht Mühe, und die Decken sind schwer.« So stand ich und bot seinem Messer die Brust. Er betrachtete mich ernst und ruhig. »Warum nimmst du dir nicht dein Recht«, fragte ich. »Dir kommt doch alles bequem, sogar der Dieb schmeichelt deinem Messer, und sein Tod ist dir so leicht geschenkt wie dein Glück.« »Bist du von der Art?«, fragte Herr Samsarellos. »Muß ich auch noch antworten, da du es siehst«, sagte ich. »Du gefällst mir in deinem Trotz«, sagte Herr Samsarellos, »dein Trotz verhehlt Zuverlässigkeit. Und ich brauche jemand, der zuverlässig ist. Tritt in meine Dienste.« »Da du mir das Leben schenkst, bin ich dir etwas schuldig. Aber ich warne dich. Es gibt unwillkommene Geschenke.« »Ist dir das Leben unwillkommen, bin ich deiner Ehrlichkeit gewiß. Tritt in meine Dienste, und ich will dich zum Verwalter meiner Güter machen« »Meine Zustimmung hast du nicht. Aber du zwingst mich in deinen Wunsch.« »Ist es also abgemacht?« »Es sei«, sagte ich. »Nimm dir Decken so viel du willst. Morgen werde ich dir eine Kammer in meinem Hause anweisen. »Ich ließ die Decken fallen und ging grußlos an ihm vorbei. Er sah mir nach, solange mich das Licht seiner Lampe erreichte. Er winkte mir nach und lächelte dabei, als er meinte, ich könne es nicht mehr sehen. Ich sah ihn lächeln, und etwas gefror in mir.


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