Juliheft 1991, Merkur # 508

Kleine Todesprosa

von Eckhard Henscheid
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Einem Mann war die Frau verstorben. Nach fast einem Jahr glaubte er, einer Verwechslung aufsitzend, sie auf der Straße wiederzusehen, fiel vor freudigem Schreck um und starb. Schon am nächsten Tag klärte sich das Mißverständnis. Ein Mann hatte zuerst seinen Vater und bald darauf die Mutter durch den Tod verloren, und er grämte sich also sehr. Ein wenig leid tat es ihm dabei um den Vater, denn naturgemäß bekam die Mutter dabei das Hauptquantum des Grämens ab; allein die beiden würden sich in der Ewigkeit schon einigen und einig werden. Einer schon älteren Tochter war unlängst die dankbar geliebte alte Mutter gestorben; wessen sie sich in den ersten beiden Trauerjahren stark gewärtig und jeden Augenblicks sehr eingedenk war, Tag und Nacht. Erst zu Beginn des dritten Trauerjahrs wandelte sich die Lage dergestalt, daß die Tochter eines frühlingsnahen Morgens plötzlich nicht mehr recht wußte, war die Mutter nun tot oder etwa gar noch am Leben. Erst nach etwa fünf Sekunden inständigen Nachgrübelns fiel ihr die Wahrheit wieder einigermaßen ein. Diese Sekunden waren aber durchaus wonnevoll.

Ein Vater und Witwer besaß ein Tonband, welches zwar leider nicht die Stimme seiner lang verstorbenen Frau, wohl aber die seiner Tochter und ihrer beiden Kinder barg. Als diese Tochter aber mitsamt den Kindern und ihrem Mann im Zuge eines Flugzeugunfalls gleichfalls verschieden war, hütete sich der gänzlich vereinsamte Vater gleichwohl, das Tonband ihm zum Troste anzuhören; sondern sparte es sich lieber für den äußersten Notfall auf. Einem nicht mehr ganz jungen Mann ging der Heimgang seiner hochbetagten Mutter nahe, und er ward vorübergehend sein Leben leid. Indem tröstete er sich im Lauf der nächsten drei, vier Wochen mit vorzüglich dem Gedanken, daß er die Verschiedene, insofern jene ihn ja einst auf die Welt befördert hatte, immerhin dadurch hatte kennenlernen dürfen. Aus diesem Gedanken gewann der sehr trostbedürftige Mann nicht geringe Zuversicht. Einem noch recht jungen Mann hinwieder geschah es und fügte es sich andererseits, daß innerhalb einer Woche der Vater starb, die Geliebte ihm ade sagte und sein Arbeitgeber ihm alsdann auch noch kündigte. Als jenem dann freilich auch noch bei Pertisau auf dem Rofan der Ski an der Spitze entzweibrach, da mußte er zuerst heftig lachen, sodann kraftvoll weinen, schließlich aber kündigte er aus Trotz auch noch seine angestammte Wohnung. Einem Mann in mittleren Jahren war die recht innig geliebte Mutter gestorben. Nicht so sehr dieses geleitete ihn unverzüglich in Trauer; trauriger vielmehr noch stimmte ihn die Erinnerung an die Verzweiflung, welche die Mutter zwei Tage vor ihrem Tod überfallen hatte, als sie von ihm, dem Sohn, auf Anfrage erfahren hatte müssen, daß ihre, der Mutter, Eltern schon praktisch seit einem Vierteljahrhundert tot seien; zumal ihre, der Mutter, vielgeliebte Mutter. Ein Mann überschlug, daß er mit seiner Frau − beide zählten gerade 39 Jahre − allenfalls und wenn alles gut ginge noch weitere 39 Jahre = lediglich 14.245 Tage, d.i. lachhafte 341.880 Stunden zusammen und miteinander verbringen würde, nicht eben viel angesichts der Ewigkeit und also der vermutbar definitiven Trennung und Absonderung, welche ja wohl mindestens 1.080.743.507 Stunden, vielleicht Tage währen würde, grübelte der Mann recht mutlos − aber so schlimm würde es dann am Ende vielleicht ja doch nicht kommen und alles, diese ganze Ewigkeit vor allem, ginge bald und möglichst rasch vorüber − schrecklicher wäre es ja vielmehr, sann der Mann, wenn seine Frau lang vor ihm stürbe und es ihm dann freilich nicht gelänge, um dies innig geliebte Wesen ausreichend ausgiebig zu trauern, ja daß er es mit der Zeit immer weniger vermöchte, so sann der Mann schon fast verzweifelt, daß er mithin keine Trauerkraft mit in die Ewigkeit brächte, diese, sann der Mann verzagt, hinreichend trauerkräftig zu überstehen und zu überdauern; denn darauf käme es ja an, nickte der Mann mit seinem Kopf und nahm sich vor, im entscheidenden Stadium alle Kraft zusammenzuraffen, um alledem gewachsen zu sein und es letztlich dann doch auch zu packen. Eine schon recht alte Frau verspürte, daß sie, zumal alle Kinder schon aus dem Haus und die sonst Anverwandten tot, jetzt plötzlich nichts mehr hatte als ihren Lieblingsweg, jenen, welcher sich praktisch von ihrer Stadtwohnung aus anmutig und lieblich bis ins nächste Dorf schlängelte; die kleinen Schlängelkurven waren an ihm das schönste. Schon jahrelang war die alte Frau den Weg mehr oder weniger täglich gegangen, hin und zurück; jetzt tat sie es weiter, gleichsam aber dem Weg noch anhänglicher, ja hingegebener. [WS, 15.09.2019] Täglich hin und zurück, hin und zurück.Als dann allerdings dieser Weg endlich im Zuge umfangreicher Neuord-nungen verbreitert und begradigt wurde und alle seine Kurven, seine so über-aus lieblichen Kurven einbüßte und verlor, da freilich zog es die Frau danndoch vor, sich lieber hinzulegen und 1990 endlich auch zu sterben.*Einem Mann war die Schwester verschieden, mit welcher er zuletzt lange Jah-re zusammengelebt hatte, aber deren Dackel noch verblieben. Alsbald legtesich dieser auf den Rücken und bat mit gebetsartig zusammengelegten Vor-derpfoten, daß der Mann und Schwesterwitwer ihn sogleich am Bauche krau-le. Damit er auf der Erde doch auch noch zu mancherlei gut und nütze sei,willfahrte der Mann alsbald dem Tier.*Sieben Jahre lang beweinte ein Mann seine verstorbene Frau und trug es,obgleich es ihm zuweilen das Herz zu sprengen drohte, mit Anstand undTreue, im achten Jahr war ihm gleichwohl so, als ob die Frau gar nicht verstor-ben sei, und der Mann ging hin und auf den Friedhof, das Grabkreuz zu über-prüfen und zu kontrollieren, und siehe, da stand doch wahrhaft der Name sei-ner Frau darauf, tatsächlich! Donnerwetter! Sapperlot! Sappradie! Das hätteder Mann fast nicht gedacht!*Einem schon alten, jahochbetagten Mann waren vor 32 Jahren die Eltern ver-storben, seither bedachte er und war am Überlegen, ob er nach diesen beideneher Herzweh oder vielmehr Heimweh verspürte und was das wohl sei, wasihm so die Brust beinah entzweiriß. Die Jahre gingen ins Land und fast spur-los über es hinweg, und der alte Mann wurde es schon leid und müde — undso entschied er sich denn endlich dahin, Vater und Mutter gleichermaßen zuehren und keinem unrecht zu tun und nach dem Vater zu Herzweh, für dieMutter aber Heimweh zu empfinden.


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