Augustheft 1979, Merkur # 375

Knut Hamsuns »Pan«. Versuch einer Erfassung

von Werner Helwig
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Das war 1923. Ich floh Inflation und Grippe, die zuhause wüteten und trieb mich als Landstreicher an den nördlichen Rändern Europas herum, nachdem ich teils zu Fuß, teils per Anhalter − das war damals noch eine ergiebige Sache, (man wurde immer zum Essen eingeladen) − durch Dänemark und das unendlich langgestreckte Schweden nach Lappland gelangt war. Lappland, ich habe nie aufgehört, es zu lieben. Von dort aus gelangte ich nach Narvik, reiste mit einem Trawler nach Bergen, in den Süden Norwegens hinab. Nun hatte ich die Gepflogenheit angenommen, Schriftsteller, besonders solche, die mir wichtig waren, aufzusuchen. So kam es dazu, daß ich Knut Hamsun über Grimstad auf seinem frisch erworbenen Hof Nörholm besuchte. Aufs Geratewohl. Aber ich hatte Glück. An einem nieselnebligen Nachmittag trabte ich mit meinem kleinen Rucksack, in welchem sich mit anderen Büchern die deutsche Ausgabe des Romans »Pan« befand (nicht größer als ein Inselbuch, in der Erstausgabe des Albert Langen Verlags) auf das neunfensterbreite herrschaftliche Anwesen mit seinem weißen Säulenaufgang zu. In der Kaffeestube von Grimstad, wo ich mit meinem letzten Geld speiste, hatte man mir den Weg beschrieben und mich zugleich gewarnt: der zu dieser Zeit etwa 60jährige, frischgebackene Nobelpreisträger würde niemand empfangen. Doch war ich sicher, daß mir meine Begeisterung für »Pan« schon durchhelfen würde. Daß er Deutsch könne, oder doch ziemlich gut, hatte man mir versichert. Etwas zur Seite gedrückt, folgte ich der stolzen Auffahrt, ging aber nicht die Treppe zur Haustür empor, sondern folgte den Hammerschlägen, die ich linksseitlich hinter buschigen Bäumen vernahm. Gut beraten von meinem Instinkt, wie sich später herausstellen sollte. Denn dort war ein Mann, mittelgroß, hager, mit einer Gärtnerschürze umgetan und einem zerkniffenen Hut auf dem Kopf, anscheinend mit der Reparatur eines zerfallenen Stakets beschäftigt. Neue Zaunlatten lagen neben alten verrotteten im nassen Gras. Spaten, Kneifzange, Säge, − ein Arbeitsanblick, wie er typischer nicht sein kann. Der Mann wandte sich zu mir um, da ich ihn, aus lauter Verlegenheit, englisch begrüßte. Seine Miene verhieß nichts Gutes. Ein kleines schwarz gerandetes Pincenez hing ihm schräge über beiden Augen und ließ seinen Blick stechend, strenge, strafend erscheinen. »Engländer sind Sie nicht«, antwortete er, meinen Anzug musternd. »Nein, ein deutscher Handwerksbursche auf der Walze«, heuchelte ich.

»Und da wollen Sie hier vielleicht mit zupacken«, prüfte er mich, ohne den Hammer aus der Hand zu lassen, den er wie eine Waffe trug. »Warum nicht«, sagte ich, ließ den Rucksack fallen und sah mich um nach Dingen, die zu tun wären. − »Wissen Sie was«, sagte er und deutete auf ein Bündel rostiger Nägel, die er aus den alten Latten herausgezogen hatte, »Sie könnten diese Nägel gerade hämmern. Wollen Sie?« − Statt zu antworten, kniete ich mich hin, rückte mir einen Stein zurecht, ergriff die Kneifzange und einen kleinen Meißel und begann. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß ich meine Sache richtig machte, wandte er sich wieder seinem Staket zu und verwendete tatsächlich die alten Nägel, die ich ihm zureichte, anstelle der blanken neuen. »Perfider Geiz«, dachte es in mir, und ich betrachtete zwischendurch den Mann genauer, der nun also »Pan« geschrieben hatte. Mit seinem stramm aufwärts gebürsteten Schnurrbart sah er nicht gerade wie der Held des Buches, Leutnant Glahn, aus. Oder doch? Er trug Gummischaftstiefel, die ich bis dahin nur an Fischern gesehen hatte. Alles an ihm wirkte abgetragen. Ich fiel in meinem Aufzug neben ihm gar nicht auf. »Ja so«, sagte er, ohne Lächeln, »Sie sind also Vagabund, ein deutscher Vagabund«, dem folgten ein paar Hammerschläge. Dann, nachdem ich bejaht hatte: »Und Sie treiben sich hier so herum, während Ihr Vaterland verendet.« − »Mit mir wäre nur ein Esser mehr«, verteidigte ich mich. »Und wann haben Sie zuletzt gegessen?« fragte er. »Heute morgen in Grimstad«, antwortete ich wahrheitsgemäß. »Warten Sie, ich will Ihnen was holen.« Damit ging er zum Haus, dessen Flanke weiß und schweigend im Dämmern stand. Und ich schämte mich sehr, als er mit einem Tablett voll belegter Brote und zwei Tassen Tee zurückkam, die er auf einem Hauklotz abstellte. Mich hinein zuladen, das kam ihm also nicht in den Sinn. Vielleicht wäre ihm das als Zumutung für seine Frau erschienen. Ich aber wagte nicht, meine Tarnung zu durchbrechen und mich ihm als Verehrer seiner Kunst und werdender Schriftsteller vorzustellen. Ich bin sicher, er hätte augenblicklich nach einer Zaunlatte gegriffen. Nachdem wir also zusammen gevespert hatten, ich ihm einige schwärmerische Andeutungen über die lappländische Landschaft gemacht hatte, die von ihm wiederum spürbar mißtrauisch aufgenommen wurden − »Ich weiß, was das ist, Vagabund sein...« − räumte er Handwerkszeug und das leergespeiste Tablett zusammen, um alles in einen winzigen Schuppen zu tragen, denn aus dem Nieselnebel hatte sich mit dem sinkenden Abend ein kleiner Dauerregen entwickelt. Er reichte mir die Hand, eine knochige, trockene, mit bebendem Druck. Ich sah mich verabschiedet, schwang mir den Rucksack auf den Buckel und wollte gerade gehen, als ich seinen Ruf hörte: »Einen Moment«, sagte er mit sonderbar brüchiger Stimme, − »hier ist noch etwas, damit Sie sich ein Nachtlager bezahlen können.« Er brachte einen Zwanzigkronenschein – ein großes Stück Geld damals − zum Vorschein und ich nahm ihn, was blieb mir übrig, an, über und über errötend. Er merkte das wohl, seine Züge verwandelten sich ganz ins Väterliche. »Farewell«, rief er mir nach. Ich winkte, er winkte, − ein großes Bedauern blieb, wie mir schien auf beiden Seiten, zurück. Es ließ mir keine Ruhe, daß ich ihn so zum Besten gehabt hatte mit dem »reisenden Handwerksburschen«, und ich schrieb ihm später − als ich mit meinen Landstreicherballaden aus Norwegen in der Zeitschrift »Der Querschnitt« erste Erfolge vorweisen konnte −, um ihn über den wahren Sachverhalt meines Besuches aufzuklären. Er erinnerte sich merkwürdigerweise der winzigen Begebenheit und antwortete, wenn auch barsch und offensichtlich nicht auf Fortsetzung erpicht, er hätte sich sowas schon gedacht, ja, er habe gemeint, daß ich ein Ausreißer sei, und er hätte nicht gerne Geschichten mit der Polizei. Eine Aufforderung, den Besuch bei besserer Gelegenheit zu wiederholen, erfolgte nicht. Immerhin beantwortete er meine Frage nach dem Sinn des Titels »Pan«. Er habe, erklärte er, keine besondere Beziehung zur griechischen Mythologie. Aber bei seinen Aufenthalten in München sei er auf Gemälde von Arnold Böcklin gestroßen, deren eines, »Pan im Schilf« ihm wegen des darin erreichten völligen Zusammenspiels von Gestalt und Natur maßgeblich geblieben sei. Zum Beweis dessen war dem Brief ein herausgerissenes Blatt (wieder der Geiz; anstatt das ganze Heft zu schicken) beigefügt, mit einem Gedicht in norwegischem Text, »Bocklins Dod«. Das Beben seiner Hand beim Abschied war übrigens nicht, wie ich gemeint hatte, Ausdruck einer momentanen Gefühlswallung gewesen, sondern er hatte sich beim dauernden Schreiben mit Bleistiften (die meisten seiner großen Romane entstanden so) einen »Tatterich« zugezogen, der ihn zwang, die rechte Hand beim Arbeiten mit der Linken festzuhalten. [WS, 15.09.2019] Wir ließen nie wieder voneinander hören, aber für mich blieb die Begeg-nung mit dem spröden Mann verbindlich. Ich begriff, daß er ein ihn gefähr-dendes Übermaß an Zartgefühl, Feinnervigkeit, und tierhaftem Witterungs-vermögen hinter einer Vielzahl von Masken — jede Maske einer seiner »Hel-den« — verbarg.*»Schenk uns ein ausgewachsenes Verbrechen«, hatte er, Nietzsche mißverste-hend, in seinem chef d’euvre »Mysterien« (1892) zu dem »unbekanntenGotte« gebetet, »eine hervorragende Sünde, ... die seltene und haarsträu-bende Ausschweifung, die delikate Ruchlosigkeit, die Königssünde, voll derrohen Herrlichkeit der Hölle«, ohne zu ahnen, wie sich dieser unfromme

Wunsch als Weltkrieg und »Tausendjähriges« Schreckensreich im Gegensinndessen, was er wirklich meinte, erfüllen sollte.Ja, eine Vielzahl von Masken. Dazu gehört auch sein Trotzen gegen jedeArt von zeitgenössischer, journalistischer Urteilsbildung. Als er 1905 zum er-stenmal durch einträgliche Bühnen- und Bucherfolge (»An des Reiches Pfor-ten«) in die Lage versetzt war, unabhängig zu reisen, nahm er, inzwischen 47geworden, in einer Artikelserie, »Unter dem Halbmond«, in Fischers »NeuerRundschau« (1906) für den damals wegen seiner Armenierausrottung allge-mein verabscheuten Gewaltherrscher der Türken, Abdul Hamid, in einerWeise Stellung, die man heute als Vorausdeutung auf seine Nazitoleranz deu-ten könnte.Aus derselben Zeit berichtet Franz Kafka, dem Hamsun teuer war, in sei-nen Tagebüchern, was der Zeichner Kubin über seine Begegnung in der Re-daktion von Albert Langen, München, mit dem Norweger erzählte: »Er feixtgrundlos. Während des Gesprächs, ohne daß er es unterbrochen hätte, hob erseinen Fuß aufs Knie, nahm vom Tisch eine große Papierschere und schnittrundherum die Fransen seiner Hose ab. Schäbig angezogen, mit irgendeinemwertvolleren Detail, zum Beispiel Krawatte.«Herausfordernd ungepflegt zu scheinen, war dem späteren Herrenhofbesit-zer, der sich mir gegenüber so soigniert und auf seinen Ruf bedacht zeigte,ein Bedürfnis. Boshafte berichteten, er röche derartig von den Füßen her,daß man seine Nähe mied. Nach dem Riesenerfolg des Romans »Segen derErde« von einem Reporter interviewt, äußerte er, daß er nicht verstünde,was die Deutschen an ihm fänden, die hätten doch ihren Hermann Stehr. BeiGelegenheit des Nobelpreises für dies Buch (1920) veranstaltete er einesolche Besäufnis, daß er, nicht mehr in der Lage, sich selbst zu kontrollieren,dem Kellner seine Brieftasche zur Regelung der Rechnung ausliefern mußte.»Und darin befand sich ja nun allerlei zum Herausnehmen, unter anderemder Scheck für den Nobelpreis«, erinnerte sich später Marie Hamsun, seineWitwe, in ihren Memoiren.Mit meisterhafter Feder beschönigte er in seinem letzten Buch »Auf über-wachsenen Pfaden« den Weltanschauungsunfall, der ihn auf einen Schlag umalle Sympathien in der Welt brachte. Zögernd haben sie sich mit den Jahrenund mit einer zunehmenden psychologischen Einsicht in seine charakterli-chen Absonderlichkeiten wieder hergestellt.Heute hat Hamsun neben Pound und Benn, denen Ähnliches widerfuhr,seinen Rang als Dichter zurückgewonnen. Seine Schmach, die sich darin wie-derum relativierte, daß er widerborstig auch gegen die Nazis war, ist verzie-hen. Seine Heimat setzte ihm ein Denkmal. Die Neuauflagen seiner Bücherhalten ihre Höhe.In dem Plädoyer nun, mit dem er sich am 16. Dezember 1947 stocktaubund fast blind vor Gericht rechtfertigte, steht ein Satz, der den ganzen Mann,


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