Januarheft 1965, Merkur # 202

Krieg und Revolution

von Hannah Arendt
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Kriege und Revolutionen, so meinte Lenin vor etwa fünfzig Jahren, würden das Gesicht des zwanzigsten Jahrhunderts bestimmen. Seither ist es, als hätten die Ereignisse nichts Eiligeres zu tun gehabt, als diese Voraussage zu bestätigen. Und im Unterschied zu den Ideologien des 19. Jahrhunderts − Nationalismus und Internationalismus, Kapitalismus und Imperialismus oder Sozialismus und Kommunismus, die nur noch im rechtfertigenden Gerede eine Rolle spielen, aber ihre einstige substantielle Bezogenheit zu politischer Wirklichkeit verloren haben − stehen Krieg und Revolution immer noch im Zentrum politischen Geschehens. Sie haben alle ideologischen Rechtfertigungen überlebt. Politisch stehen wir in einer Konstellation, in der wir auf der einen Seite von einer totalen Vernichtung durch einen etwa ausbrechenden Krieg bedroht sind, und in der wir doch andererseits beinahe täglich erfahren, wie sich die Hoffnung auf eine Emanzipation der gesamten Menschheit durch Revolution erfüllt. Was die Amerikanische Revolution in der Unabhängigkeitserklärung vor bald zweihundert Jahren proklamierte: daß ein Volk nach dem anderen »unter den Mächten der Erde den unabhängigen und gleichen Rang erlangen werde, auf den ein jedes gemäß den Gesetzen der Natur und ihres Gottes Anspruch habe« − ist mit einer manchmal fast beängstigenden Geschwindigkeit wahr geworden. Und in einer solchen, sich über die ganze Erde erstreckenden Situation gibt es nichts mehr, worum es sich zu kämpfen lohnte als das, was das Älteste ist und von allem Anfang an, jedenfalls im Abendland, das eigentliche Wesen von Politik bestimmt hat − nämlich die Sache der Freiheit gegen das Unheil der Zwangsherrschaft jeglicher Art.

Dieser Tatbestand ist bemerkenswert und versteht sich keineswegs von selbst. Unter dem Kreuzfeuer jener Zweige der Psychologie und der Gesellschaftswissenschaften, deren Sinn und Ziel die Entlarvung ist, konnte es wohl scheinen, als sei dem Begriff der Freiheit nun wirklich der Garaus gemacht worden. Selbst die Revolutionäre, von denen man doch eigentlich hätte annehmen dürfen, daß sie unausrottbar in einer Tradition verwurzelt sind, von der man nicht einmal sprechen kann, ohne das Wort Freiheit in den Mund zu nehmen, sind bekanntlich nur zu bereit, Freiheit zu den »kleinbürgerlichen Vorurteilen zu rechnen; gerade sie haben vergessen, daß das Ziel der Revolution heute wie eh und je nichts anderes sein kann als eben Freiheit. Aber nicht weniger verblüffend als dies Verschwindender Freiheit aus dem revolutionären Vokabular dürfte anmuten, daß Wort und Begriff plötzlich wieder aufgetaucht sind, um die ernsteste aller gegenwärtigen politischen Diskussionen zu ordnen und zu artikulieren, nämlich die Debatte über die Kriegsfrage, d. h. über die Berechtigung der Gewalt in der Politik. Geschichtlich gesehen gehört der Krieg zu den ältesten Phänomenen der aufgezeichneten Vergangenheit, während es Revolutionen im eigentlichen Sinne vor der Neuzeit nicht gibt, die Revolution als politisches Phänomen also zu den modernsten Gegebenheiten gehört. Für die Modernität der Revolution ist vermutlich nichts so charakteristisch, als daß sie von vornherein beanspruchte, die Sache der Menschheit zu vertreten, und zwar gerade weil die Menschheit im achtzehnten Jahrhundert nicht mehr als eine »Idee« war.

Es handelte sich nicht nur um Freiheit, sondern um Freiheit für alle, und dies mag der Grund sein, warum die Revolution selbst, im Unterschied zu den revolutionären Ideologien, um so moderner und zeitgemäßer geworden ist, je mehr die »Idee« der Menschheit sich durch die moderne Technik zu einer handgreiflichen Realität entwickelt hat. Will man dies auf eine Formel bringen, so kann man auch heute noch auf Thomas Paine zurückgreifen, der auf Grund seiner Erfahrungen in der Amerikanischen und Französischen Revolution meinte: »The Revolutions which formerly took place in the world had nothing in them that interested the bulk of mankind. They extended only to a change of persons and measures, but not of principles, and rose or fell among the common transactions of the moment.« (In The Rights of Man, 1791.) Was aber nun den Freiheitsbegriff anlangt, so ist er zwar mit dem Wesen der Revolution von Anfang an verbunden, hat aber ursprünglich mit Krieg und Kriegszielen kaum etwas zu tun. Daran ist auch nichts durch die Tatsache geändert, daß Befreiungskriege in der historischen Erinnerung der Völker oft mit einem besonderen Nimbus umgeben worden sind oder daß in der Kriegspropaganda, die von den »heiligsten Gütern der Nation« spricht, die Freiheit als Schlagwort immer wieder auftaucht. Denn all dies besagt keineswegs, daß darum die Befreiungskriege in Theorie und Praxis als die einzigen »gerechten Kriege« galten. Rechtfertigungen des Krieges auf dem Niveau politischer Theorie sind sehr alt, wiewohl natürlich nicht so alt wie die organisierte Kriegsführung. Sie setzen offenbar voraus, daß politische Beziehungen normalerweise nicht im Zeichen der Gewalt stehen, und diese Überzeugung von der wesentlichen Gewaltlosigkeit der Politik finden wir zum ersten Mal im griechischen Altertum. Die griechische Polis verstand sich ausdrücklich als eine Staats- und Gesellschaftsverfassung, die nicht auf der Gewalt, sondern auf dem gegenseitigen Sich-Überzeugen, dem πείδειν, beruht. Daß es sich bei diesem Selbstverständnis keineswegs um leeres Gerede oder Selbsttäuschung handelte, die man heute »entlarven« könnte, zeigt sich vielleicht am sinnfälligsten in dem athenischen Brauch, die zum Tode Verurteilten nicht hinzurichten, sondern sie zu »überreden«, den Schierlingsbecher selbst an die Lippen zu setzen; physische Gewaltanwendung war unter allen Umständen mit der Würde eines athenischen Bürgers unvereinbar. Da aber für die Griechen das Politische, nämlich die Polis, schon dem Wortsinn nach sich unter keinen Umständen über die Grenzen der Stadtmauer erstrecken konnte, bedurfte die Gewalt in dem Bereich, den wir heute Außenpolitik oder internationale Beziehungen nennen, auch gar keiner Rechtfertigung; obwohl griechische Außenpolitik (abgesehen von den Perserkriegen, in denen ganz Hellas vereint war) sich nur zwischengriechischen Stadt-Staaten abspielte, galt sie nicht als eigentlich politisch. Außerhalb der Stadtmauern, nämlich außerhalb des Bereichs des Politischen im griechischen Sinne, galt das Wort des Thukydides: »die Mächtigen tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen.« Die ersten Rechtfertigungen des Krieges und damit den ersten Unterschied zwischen gerechten und ungerechten Kriegen kennen wir aus dem römischen Altertum. Aber diese römischen Unterscheidungen und Rechtfertigungen handeln nicht von Freiheit, und wir finden in ihnen nirgends den Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg. »Denn gerecht ist ein Krieg für diejenigen, für die er notwendig ist, und heilig sind die Waffen, wo nur in den Waffen noch Hoffnung ist«, meint Livius. Seit den Tagen Livius’ und durch die Jahrhunderte hat man die Notwendigkeit für vieles angerufen, das uns heute sehr viel mehr für einen ungerechten als für einen gerechten Krieg zu sprechen scheint. Der Drang nach Eroberung und Expansion, die Verteidigung bestimmter Interessensphären, die Erhaltung der Macht gegen neuen, bedrohlichen Machtzuwachs eines Nachbarn oder die Aufrechterhaltung eines bestimmten Mächtegleichgewichts − all diese nur zu bekannten Inventarstücke der Machtpolitik sind ja nicht nur die Ursachen der meisten uns bekannten Kriege in der Geschichte, sie wurden vor allem auch immer als »Notwendigkeiten« empfunden, welche den Ausbruch eines Krieges voll rechtfertigten.

Die Vorstellung, daß der Angriffskrieg ein Verbrechen ist und daß Kriege nur als Verteidigungs- oder Präventivkriege gerechtfertigt werden können, hat eine praktische und selbst theoretische Bedeutung überhaupt erst nach dem Ersten Weltkrieg gewonnen, als das furchtbare Vernichtungspotential moderner Waffen zum ersten Mal voll in Erscheinung getreten war. Vielleicht hängt damit, daß nicht Freiheit sondern Notwendigkeit der Rechtfertigung des Krieges in unserer Überlieferung diente, zusammen, daß uns unabweisbar ein Gefühl des Unbehagens überkommt, wenn das Argument der Freiheit heute in die Debatte der Kriegsfrage geworfen wird. Sich angesichts des unvergleichlichen und unvorstellbaren Vernichtungspotentials eines Atomkrieges auf das uralte »lieber tot als Sklave« zu berufen, ist nicht nur gefährlich, es ist auch grotesk. (Karl Jaspers’ Buch über Die Atombombe und die Zukunft der Menschheit enthält, soviel ich weiß, die einzige Diskussion der Kriegsfrage, die im Ernst sowohl die Vernichtung der gesamten Menschheit in einem Atomkrieg wie die prinzipielle Bedrohung der Freiheit auf der gesamten Erde durch einen totalen Herrschaftsapparat als Möglichkeiten in Rechnung stellt und also ganz frei ist von unausgesprochenen Vorbehalten dieser Art.) Daß es einen erheblichen Unterschied bedeutet, ob man sein eigenes Leben für Leben und Freiheit des Vaterlandes und der Nachkommen aufs Spiel setzt, oder ob man die Existenz des Menschengeschlechts im ganzen für die gleichen Zwecke riskiert, ist so offenbar, daß es schwer hält, den Verfechtern des Lieber-tot-als-rot auch nur den guten Glauben zuzubilligen. Was natürlich nicht besagt, daß die Umkehrung, das Lieber-rot-als-tot, weniger lächerlich wäre. Wenn eine alte Lebensweisheit den faktischen Verhältnissen nicht mehr entspricht, wird sie nicht dadurch wahrer, daß man sie auf den Kopf stellt. In Wirklichkeit hält es nicht schwer, beiden Seiten in dieser Diskussion einen geheimen Vorbehalt nachzuweisen. Diejenigen, die sagen: Lieber tot als rot, meinen in Wahrheit: es wird schon nicht so schlimm sein, und die Verluste, die man heute theoretisch errechnet, sind vermutlich übertrieben; während diejenigen, die sagen: Lieber rot als tot, in Wahrheit der Meinung sind, daß man die Unterdrückung des Menschen in den modernen Gewaltherrschaften sehr übertrieben hat, daß der Mensch seine Natur nicht ändern werde und daß Freiheit nicht für immer aus der Menschenwelt verschwinden könne. Dies aber besagt, daß beide Seiten sich schließlich vor den Konsequenzen der Alternative drücken, die sie selbstvorgeschlagen haben. Nun darf man nicht vergessen, daß der Freiheitsbegriff sich in der Debatte der Kriegsfrage überhaupt erst gemeldet hat, nachdem ganz offenbar ein Stadium in der technischen Entwicklung erreicht war, in welchem ein zweckmäßiger Einsatz der Gewalt- und Vernichtungsmittel nicht mehr möglich ist. Auf diese Weise erscheint das Freiheitsargument wie ein deus ex machina in die Kriegsdebatte geworfen, um zu rechtfertigen, was rational nicht mehr zu rechtfertigen ist. Vielleicht ist es nicht zu gewagt, in dieser derzeitigen hoffnungslosen Verwirrung der Fragen und Argumente ein erstes Anzeichen dafür zu erblicken, daß sich eine außerordentlich tiefgreifende, prinzipielle Veränderung aller Außenpolitik vorbereitet: nämlich das allmähliche Verschwinden des Krieges überhaupt von der Bühne der Politik, und zwar ohne eine zwangsläufige radikale Wandlung im internationalen Verhalten der Mächte zueinander oder eine innere Wandlung des Menschen. Könnte es nicht sein, daß unsere gegenwärtige Unfähigkeit, mit der Kriegsfrage fertig zu werden, nur besagt, daß wir auf Grund unserer Überlieferung noch schlechterdings außerstande sind, außenpolitisch auch nur zu denken, ohne das Hilfsmittel einer »Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln« als die ultima ratio allen Handelns in Betracht zu ziehen? Ganz abgesehen von der Gefahr totaler Vernichtung, die sich prinzipiell durch neue technische Erfindungen wie die »saubere« Bombe oder eine Verteidigung gegen Raketenbeschuß auch wieder ändern könnte, lassen sich dafür immerhin einige Anzeichen geltend machen. Da ist erstens die Tatsache, daß die totale Kriegsführung praktisch mit dem Ersten Weltkrieg begann, insofern damals bereits die Unterscheidung von Militär und Zivilbevölkerung nicht mehr respektiert wurde, und zwar nur aus technischen, nicht aus ideologischen Gründen. Nun ist dieser Unterschied selbst relativ modern, und seine Aufhebung besagt nicht mehr, aber auch nichtweniger, als daß wir nun glücklich wieder da angelangt sind, wo Rom Karthago dem Erdboden gleich machte. Aber unter modernen Verhältnissen kommt dieser Wiederkehr des totalen Krieges, wie wir ihn aus dem Altertum kennen, doch eine erhebliche politische Bedeutung zu; sie steht nämlich in offenbarem Widerspruch zu der Grundannahme, auf der in allen modernen Staaten das Verhältnis von Armee und zivilem Staatsapparat beruht: daß es nämlich die Aufgabe der Armee ist, die Zivilbevölkerung zu schützen und zu verteidigen. Innenpolitisch gesehen könnte man durchaus die Geschichte des Krieges in unserem Jahrhundert als die immer deutlicher in Erscheinung tretende Unfähigkeit der Armee darstellen, diese ihr ursprünglich zukommende Funktion zu erfüllen. Jedermann weiß, daß in einem künftigen Kriege die Wehrmacht vermutlich weniger Verluste erleiden wird als die Bevölkerung, und die Strategie der Abschreckung setzt ganz offen voraus, daß das Militär nicht so sehr die Aufgabe hat, das Land gegen den Feind zu schützen, als sich an ihm für die bereits stattgehabte Vernichtung zu rächen. Eng verwandt mit dieser Perversion im Verhältnis von Zivil und Militär ist zweitens die kaum beachtete, aber sehr bemerkenswerte Tatsache, daß wir es eigentlich bereits seit dem Ende des Ersten Weltkrieges für selbstverständlich halten, daß keine Regierung und keine Staatsform stark genug sind, eine Niederlage im Kriege zu überleben. Man könnte diese Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, bis zu dem Augenblick jedenfalls, als der Deutsch-Französische Krieg in Frankreich die Transformation des Zweiten Kaiserreiches in die Dritte Republik erzwang; und die Russische Revolution von 1905, die unmittelbar auf die Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg folgte, war sicher nicht geeignet, die Staaten in der Zuversicht in die eigene Lebensfähigkeit im Falle einer Niederlage zu stärken. Jedenfalls dürfte heute feststehen, daß revolutionäre Umwälzungen, sei es von innen wie nach dem Ersten Weltkrieg, sei es von außen wie nach dem Zweiten Weltkrieg, nebst Forderungen nach bedingungsloser Kapitulation und der Errichtung von Kriegsgerichten durch den Sieger die sicherste Konsequenz jeder militärischen Niederlage sind, die nicht mit völliger Zerstörung geendet hat. Dabei dürfen wir hier die Frage außer Betracht lassen, ob dieser unheimliche Tatbestand einer so entscheidenden Schwächung des Staates dem allgemeinen Autoritätsverlust der Neuzeit geschuldet ist, oder ob es eben keinen Staat und keine Regierung geben kann, und seien sie noch so fest in dem Vertrauen der Bürger verankert, die dem furchtbaren Gewaltstrom einer modernen Kriegsführung standzuhalten vermögen. Auf jeden Fall lohnt sich festzuhalten, daß es in Kriegen politisch bereits um die nackte Existenz ging, als noch niemand etwas von den neuen entsetzlichen Entwicklungen des Atomkrieges ahnte, die auch das biologische Leben in Frage stellen.

Dies aber heißt, daß der Krieg überhaupt die Existenz aller Staaten und aller Regierungen in Frage stellt. Ein dritter Punkt betrifft die radikale Veränderung im Wesen des Krieges selbst, die sich daraus ergibt, daß das Prinzip der Abschreckung maßgebend für das Wettrüsten geworden ist. Denn es ist in der Tat richtig, daß die Abschreckungsstrategie »im Effekt darauf hinausläuft, den Krieg, den sie vorzubereiten vorgibt, zu verhindern, nicht ihn zu gewinnen. Sie tendiert dahin, ihre Ziele durch nie vollzogene Drohungen, nicht aber durch den Akt selbst zu erreichen.« Und dies ist keineswegs eine Konsequenz, die sich nur dem Theoretiker aufdrängt, sondern eine Einsicht, der sich die militärischen Instanzen voll bewußt sind. So meinte etwa ein höherer Offizier der amerikanischen Luftwaffe angesichts der großen Anzahl von Soldaten im aktiven Dienst, daß »ein jeder von ihnen seine eigentliche Aufgabe nur erfüllen kann, wenn er niemals wirklich tut, wozu man ihn ausgebildet hat«. Zwar ist die Einsicht, daß der Friede das dem Kriege inhärente Ziel ist, und daß daher jeder Krieg der Vorbereitung des Friedens dient, zum mindesten so alt wie Aristoteles, und die Vorgabe, daß im Wettrüsten die beste Garantie des Friedens liege, ist vermutlich sogar älter, nämlich so alt wie die Propagandalüge. Aber hier liegt die Sache noch anders. Heute nämlich ist die Vermeidung des Krieges nicht nur das ehrliche oder lügenhaft behauptete Ziel einer gesamtpolitischen Konzeption, sondern das maßgebliche Prinzip der militärischen Veranstaltungen und Vorbereitungen selbst. Das Militär bereitet sich nicht mehr auf einen Krieg vor, von dem eine staatsmännisch geleitete Regierung hofft, daß er nie ausbrechen wird: ihr eigenes Ziel ist vielmehr die Entwicklung von Waffen, die den Krieg unmöglich machen sollen. Sie selber arbeiten unter dem Motto: » Peace is our profession.« Es ist fernerhin ganz im Einklang mit diesen gleichsam paradoxen Kriegsvorbereitungen, daß sich am Horizont internationaler Politik eine ernsthafte Möglichkeit abzeichnet, »heiße« Kriege durch »kalte« zu ersetzen. Natürlich handelt es sich bei dem Wettrüsten der großen Mächte im Wesentlichen um die Erfindung neuer technischer »Verbesserungen« des Waffenarsenals, während nur die Herstellung von Atombomben in Ländern, die nicht oder noch nicht zu den Großmächten zählen, primär politisch motiviert ist. [WS, 25.09.2019] Dennoch scheint es mir nahezu unleugbar, daß sich indem Rüstungswettrennen der Großmächte neuerdings eine ausgesprochenpolitische Tendenz geltend gemacht hat; es ist, als handele es sich hier umeine ganz neue Art von Friedensmanövern, deren Abhaltung nicht das vor-gebliche Feindespaar normaler Manöver in Friedenszeiten involviert, son-dern diejenigen, zwischen denen der Krieg möglicherweise wirklich aus-brechen kann. Hierfür spricht auch, daß die alte Politik der Geheimhaltungaller militärischen Entwicklungen sich in den letzten Jahren wesentlich ge-ändert hat. »Indem wir unsere militärische Stärke konkret darlegen, kön-nen wir nach Ansicht unserer Politiker dazu beitragen, einen möglichenGegner von einem unüberlegten Angriff zurückzuhalten. ... Sicherheit undGeheimhaltung pflegten synonyme Begriffe zu sein, während heute umge-kehrt die Sicherheit in Formen offener Kommunikation gesucht wird.«? Eshandelt sich hier um einen neuen Sicherheitsbegriff.Es ist, als ob das atomare Wettrüsten in eine Art hypothetischer Kriegs-führung mündet, in der die Gegner einander das Zerstörungspotential ih-rer Waffen vorführen; und wiewohl es natürlich immer möglich ist, daßdies tödlich gefährliche Spiel im Hypothetischen plötzlich in die Wirklich-keit bricht, so ist es doch auch durchaus denkbar, daß ein »kalter« Krieg,nämlich ein Krieg, der de facto niemals ausgebrochen ist, eines Tagesdurch den Sieg des Einen und die Niederlage des Andern beendet wird.Sind dies Phantasien? Dagegen spricht, daß wir mit dieser Möglichkeit6. Ebenda.7. Ebenda.

hypothetischer Kriegsführung eigentlich bereits konfrontiert waren, alsdie erste Atombombe auf dem Kriegsschauplatz erschien. Damals meintenviele, was heute erwiesen ist: daß es völlig genügt hätte, die neue Waffevor einer ausgewählten Gruppe japanischer Wissenschaftler zu demon-strieren, um die japanische Regierung zur bedingungslosen Kapitulationzu veranlassen; denn für diejenigen, die Bescheid wußten, hätte die bloßeDemonstration eine absolute Überlegenheit jenseits des Kriegsglücks zwin-gend erwiesen.® Achtzehn Jahre nach Hiroshima hat die technische Ent-wicklung gerade auf dem Gebiet der Zerstörung eine Meisterschaft erreicht,bei der alle nicht-technischen Faktoren in der Kriegsführung wie Truppen-moral, Strategie, Tüchtigkeit und selbst das Schlachtenglück so sehr in denHintergrund treten, daß die Endresultate im vorhinein mit nahezu per-fekter Präzision errechnet werden können. Ist der Punkt perfekter Kal-kulation erst einmal erreicht, so dürften die Resultate von Versuchen undDemonstrationen für die Sachkundigen Sieg und Niederlage mit gleicherendgültiger Evidenz beweisen, wie ehedem das Schlachtfeld, die Erobe-rung und Besetzung von Gebieten, der Zusammenbruch des Nachrichten-und Versorgungsapparats, und was sonst für die militärischen Expertenausschlaggebend war.Es bleibt schließlich noch die Tatsache, die in unserem Zusammenhangbesonders bemerkenswert ist, daß die innere Beziehung von Krieg undRevolution, ihre gegenseitige Abhängigkeit und Wechselwirkung, ständiggewachsen ist und daß der Schwerpunkt in diesem Verhältnis sich mehrund mehr vom Kriege auf die Revolution verlagert hat. Zwar ist dieseWechselwirkung an sich kein neues Phänomen, sie ist sogar genau so altwie die Revolutionen selbst, denen entweder ein Befreiungskrieg vorangingund sie dann begleitete, wie in der Amerikanischen Revolution, oder diein Verteidigungs- und Angriffskriegen endeten wie die Französische Re-volution. Aber zu diesen Beispielen hat sich in unserem Jahrhundert einganz und gar anders gearteter Ereignistypus gesellt, bei dem selbst dieKriegswut nur ein Vorspiel zu sein scheint, ein vorbereitendes Stadiumfür den Terror, den die Revolution auslöst (so jedenfalls hat Pasternakden Zusammenhang von Krieg und Revolution im »Doktor Schiwago« in-terpretiert). Diese Beziehung kann sich auch umdrehen, wobei dann einWeltkrieg wie die Folge einer Revolution erscheint, als sei er ein Bürger-krieg, der die ganze Welt in Mitleidenschaft zieht; so ist bekanntlich der8. Die amerikanische illustrierte Zeitschrift »Look« veröffentlichte im August 1963 (Bd. 27,Nr. 16) die erste auf Dokumente gestützte Reportage von den Diskussionen, die dem Abwurfder A-Bomben in Regierungskreisen vorausgingen. Danach waren es vor allem James B.Conant, Präsident der Harvard Universität, und Vannevar Bush, Präsident der Carnegie Insti-tution in Washington, die darauf drangen, daß man Japanern die Bombe vordemonstriere,bevor man sie gegen Japan einsetze.


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