Februarheft 1960, Merkur # 144

Kultur und Verwaltung

von Theodor W. Adorno
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Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung, ob er will oder nicht. Die Zusammenfassung von so viel Ungleichnamigem wie Philosophie und Religion, Wissenschaft und Kunst, Formen der Lebensführung und Sitten, schließlich dem objektiven Geist eines Zeitalters unter dem einzigen Wort Kultur verrät vorweg den administrativen Blick, der all das, von oben her, sammelt, einteilt, abwägt, organisiert. Das Wort Kultur selbst, in seinem spezifischen Gebrauch, ist kaum älter als Kant, und sein zumal in Deutschland beliebter Widerpart, Zivilisation, bürgerte erst im neunzehnten Jahrhundert sich ein, wurde zum Slogan durch Spengler. Wie nah heute jedenfalls Kulturbegriff und Verwaltung einander sind, wäre etwa an dem Sprachgebrauch zu erkennen, der im Rundfunk einem Ressort den Titel »Kulturelles Wort« vorbehält, worunter alles Mögliche läuft, wo fern es nur einer mehr oder minder genauen Vorstellung von Niveau und Gepflegtheit entspricht, im Gegensatz zu der Sphäre, dem Verwaltungsressort, das jenem Geist reserviert ist, der kein Geist, sondern Dienst am Kunden sein soll, also der leichten Musik und ihren literarischen und dramatischen Pendants.

Aber Kultur ist zugleich, gerade nach deutschen Begriffen, der Verwaltung entgegengesetzt. Sie möchte das Höhere und Reinere sein, das, was nicht angetastet, nicht nach irgendwelchen taktischen oder technischen Erwägungen zurechtgestutzt ward. In der Sprache der Bildung heißt das ihre Autonomie. Gern assoziiert damit die gängige Meinung Persönlichkeit. Kultur sei die Manifestation reinen Menschenwesens, ohne Rücksicht auf Funktionszusammenhänge in der Gesellschaft. Daß man das Wort Kultur trotz seines selbstgerechten Beiklangs nicht vermeiden kann, bezeugt, wie sehr die hundertmal zu Recht kritisierte Kategorie der Welt wie sie ist, der verwalteten, verschworen und angemessen ist. Gleichwohl wird kein einigermaßen Empfindlicher das Unbehagen an der Kultur als einer verwalteten los. Je mehr für die Kultur geschieht, desto schlechter für sie, formulierte Eduard Steuermann. Diese Paradoxie wäre zu entfalten: daß sie Schaden nehme, wenn sie geplant und verwaltet wird; daß aber, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, alles Kulturelle nicht nur die Möglichkeit der Wirkung sondern die Existenz zu verlieren droht. Weder ist der naive, längst mit ressorthaften Vorstellungen durchsetzte Kulturbegriff unkritisch zu übernehmen, noch bei dem konservativen Kopfschütteln über das zu verharren, was im Zeitalter integraler Organisation der Kultur widerfährt. Die Abneigung gegen das Wort, die übrigens von Barbarischem, dem Drang, den Revolver zu entsichern, nicht frei ist, darf nicht darüber betrügen, daß ihm auch seine Wahrheit zukommt. Sie erlaubt es, Kultur derart als Einheit zu behandeln, wie etwa die Kulturdezernate von Städten es zu tun pflegen, die in den Händen eines Referenten eine Reihe von Gegenständen vereinen, die zunächst einmal tatsächlich etwas miteinander gemein haben. Dies Gemeinsame ist der Gegensatz zu all dem, was der Reproduktion des materiellen Lebens, überhaupt der buchstäblichen Selbsterhaltung der Menschen dient, der Notdurft ihres bloßen Daseins. Jeder weiß, daß die Grenzen verfließen.

Von je hat man darüber gestritten, ob etwa die Sphäre des Rechts und die der Politik der Kultur zuzurechnen sei − in den Kulturdepartements der Verwaltungen jedenfalls kommen sie nicht vor. Man wird weiter nur schwer bestreiten können, daß unter der heutigen Gesamttendenz viele der traditionell der Kultur zugerechneten Sparten der materiellen Produktion sich annähern: die Naturwissenschaften bis in ihre obersten theoretischen, nach älterem Sprachgebrauch »philosophischen« Disziplinen hinein, die ja wohl nicht aus der Idee der Kultur herauszunehmen wären, bedingen in stets wachsendem Maße das reale Schicksal der Menschen, und der Fortschritt jener Wissenschaften hängt unmittelbar wiederum von den Mächten des materiellen Lebens, von der Wirtschaft ab. Was heute vor Augen steht und beunruhigt, wird aber verfehlt, wenn man es aus der Welt diskutiert, indem man sich an vermeintliche Übergangsphänomene hält. Zu widerstehen ist der gegenwärtigen Neigung, peinliche Widersprüche in der Sache durch begriffliche Distinktionen und Manipulationen, eine Art vulgarisierte Erkenntnistheorie, zu verleugnen. Zunächst wird man das Simple festhalten müssen, daß das spezifisch Kulturelle eben das der nackten Notdurft des Lebens Enthobene ist. Das dispensiert nicht von Erwägungen darüber, was mit Verwaltung gemeint sei: nicht länger nämlich bloß die staatliche oder kommunale, als vom freien gesellschaftlichen Kräftespiel säuberlich getrennte Institution. Die Tendenz einer jeglichen, sich − quantitativ und qualitativ − zu expandieren, ist im Bürokratiekapitel aus Max Webers Wirtschaft und Gesellschaft (III. Teil, Kapitel VI) der formal-definitorischen Methode seines Spätwerks gemäß als immanent bezeichnet worden: Bürokratien sollen von sich aus, dem eigenen Gesetz folgend, sich ausbreiten. Für die These bietet die Geschichte der SS das furchtbarste Beispiel aus jüngster Vergangenheit. Weber begründet sie wesentlich mit der technischen Überlegenheit des Organisationstypus der Verwaltung gegenüber traditionalistischen: »Der entscheidende Grund für das Vordringen der bürokratischen Organisation war von jeher ihre reintechnische Überlegenheit über jede andere Form. Ein voll entwickelt er bürokratischer Mechanismus verhält sich zu diesen genau wie eine Maschine zu den nicht mechanischen Arten der Gütererzeugung. Präzision, Schnelligkeit, Eindeutigkeit, Aktenkundigkeit, Kontinuierlichkeit, Diskretion, Einheitlichkeit, straffe Unterordnung, Ersparnisse an Reibungen, sachlichen und persönlichen Kosten sind bei streng bürokratischer, speziell: monokratischer Verwaltung durch geschulte Einzelbeamte gegenüber kollegialen oder ehren- und nebenamtlichen Formen auf das Optimum gesteigert.« (S. 660f.)

Gerade an der SS aber läßt sich erkennen, wie sehr der von Weber unterstellte formale Rationalitätsbegriff, beschränkt auf die Zweck-Mittel-Relation, das Urteil über die Rationalität der Zwecke selbst behindert; in Webers eigener Rationalitätstheorie mag man den Niederschlag von Verwaltungsdenken argwöhnen. Der Mechanismus der Verselbständigung von Organisationen wäre spezifischer zu bestimmen als bei Weber oder auch in der formalen Soziologie Simmels, der soziale Erstarrungsphänome dem Leben entgegensetzt als metaphysische Gegebenheit schlechthin. Zweckorganisationen in der antagonistischen Gesellschaft müssen notwendig partikulare Zwecke verfolgen: auf Kosten der Interessen anderer Gruppen. Daher sind sie zur Verhärtung und Vergegenständlichung genötigt. Hielten sie sich nach unten, ihren Mitgliedern und deren unmittelbaren Ansprüchen gegenüber, stets ganz offen, so wären sie nicht aktionsfähig. Je fester gefügt sie sind, umso größer die Aussicht, anderen gegenüber sich durchzusetzen. Was heute international im machtpolitischen Vorsprung der totalitären, »monolithischen« Staaten über die liberalistischen sich zeigt, gilt auch für die Struktur von Organisationen im kleineren. Ihre Wirksamkeit nach außen ist Funktion ihrer Geschlossenheit nach innen, und diese hängt davon ab, daß das sogenannte Ganze den Primat über die Einzelinteressen gewinnt, daß die Organisation qua Organisation sich an deren Stelle setzt. Ihre Verselbständigung wird der Organisation von der Selbsterhaltung aufgezwungen, während sie gleichzeitig durch diese Verselbständigung ihren Zwecken und den Menschen, aus denen sie sich zusammensetzt, sich entfremdet. Schließlich tritt sie, um ihren Zweck angemessen verfolgen zu können, notwendig in Widerspruch zu diesen. Schwerlich erklärt die immanente Expansions- und Verselbständigungstendenz von Verwaltung als bloßer Herrschaftsform allein den Übergang von Verwaltungsapparaturen älteren Wortsinns in solche der verwalteten Welt; ihren Eintritt in früher nicht verwaltete Bereiche. Verantwortlich sein dürfte die Expansion des Tauschverhältnisses über das gesamte Leben bei zunehmender Monopolisierung. Denken in Äquivalenten produziert von sich aus insofern eine der Verwaltungsrationalität prinzipiell verwandte, als es Kommensurabilität aller Gegenstände, ihre Subsumierbarkeit unter abstrakte Regeln herstellt. Qualitative Differenzen zwischen den Bereichen wie innerhalb jedes einzelnen Bereichs werden herabgesetzt, und damit vermindert sich ihr Widerstandgegen Verwaltung. Zugleich bewirkt die anwachsende Konzentration Einheiten von solchem Umfang, daß mit traditionalistischen, irgend »irrationalen« Methoden nicht mehr durchzukommen ist. Ökonomisch wächst mit der Größe der Einheit auch die des Risikos und erzwingt Planung, wie sie bis heute jedenfalls den Herrschaftstypus verlangt, den Max Weber als den »monokratischen« definiert. Allein schon die unmäßige Größe selbst nicht auf Profit gerichteter Institutionen wie Erziehungswesen oder Rundfunk befördert, mit dem Verlangen nachorganisatorischer Gestuftheit, Verwaltungspraktiken. Sie verstärken sich durch die technologische Entwicklung: daß im Rundfunk etwa das zu Kommunizierende aufs äußerste sich konzentriert und aufs weiteste gestreut wird. Max Weber konnte sich noch wesentlich auf Verwaltungen im engeren Sinn, auf Beamtenhierarchien, beschränken. Analoge Tendenzen hat er nur – in Übereinstimmung mit Robert Michels – am Parteiwesen, freilich dann auch bereits am Sektor von Erziehung und Unterricht notiert. Unterdessen hat die Tendenz all das weit hinter sich gelassen und total, keineswegs nur in ökonomischen Monopolen, sich entfaltet. Das Anwachsen der Quantität von Verwaltungsapparaten hat eine neue Qualität erzeugt. Nicht länger wird ein nach liberalistischem Modell vorgestelltes Getriebe von Verwaltungen überdacht oder durchwachsen, sondern sie haben gegenüber den Bereichen der Freiheit so sehr das Übergewicht angenommen, daß diese nachgerade nur noch geduldet erscheinen; bereits in der Ära des Vorfaschismus hat Karl Mannheim gerade das antizipiert. Auch Kultur ist dieser Tendenz nicht tabu. Weber erwägt im wirtschaftlichen Sektor, ob den Befugnissen der Verwaltenden ihr Verständnis für die objektiven Probleme, die sie zu lösen haben, angemessen sei.

»Überlegen ist«, ihm zufolge, »der Sachkenntnis der Bürokratie nur die Sachkenntnis der privatwirtschaftlichen Interessenten auf dem Gebiet der ›Wirtschaft‹. Diese deshalb, weil für sie die genaue Tatsachenkenntnis auf ihrem Gebiet direkt wirtschaftliche Existenzfrage ist: Irrtümerin einer amtlichen Statistik haben für den schuldigen Beamten keine direkten  wirtschaftlichen Folgen, – Irrtümer in der Kalkulation eines kapitalistischen Betriebes kosten diesem Verluste, vielleicht den Bestand« (ibd. S. 673). Die Frage nach der Kompetenz von Bürokratien jedoch, die Weber mit Rücksicht auf die Wirtschaft aufwirft, hat unterdessen ebenso sich ausgebreitet wie die Verwaltung selber in der Gesellschaft. Sie wird kritisch in der kulturellen Sphäre. Was herauf dämmert, streift Weber in einem beiläufigen Satz, ohne daß er die Tragweite seiner Beobachtung bei der Konzeption seines großen Werkes, vor mehr als vierzig Jahren, hätte absehen können. Im höchst speziellen Zusammenhang der bildungssoziologischen Anmerkungen des Bürokratie-Kapitels spricht er davon, daß der Besitz von Bildungspatenten die Begabung – das ‚Charisma‘– zunehmend zurückdränge; »denn die ›geistigen‹ Kosten der Bildungspatente sind stets gering und nehmen mit der Massenhaftigkeit nicht zu sondern ab« (S. 676). Demnach wird dem Geist selber zunehmend jene irrationale, nicht zu planende Bestimmung entzogen, die ihm nach traditioneller Ansicht eignet. Weber pointiert das in einem Exkurs: »Hinter allen Erörterungen der Gegenwart um die Grundlagen des Bildungswesens steckt an irgendeiner entscheidenden Stelle der durch das unaufhaltsame Umsichgreifen der Bürokratisierung aller öffentlichen und privaten Herrschaftsbeziehungen und durch die stets zunehmende Bedeutung des Fachwissens bedingte, in alle intimsten Kulturfragen eingehende Kampf des ›Fachmenschen‹-Typus gegen das alte ›Kulturmenschentum‹.« (S. 677). Dem »Fachmenschentum« opponiert Weber hier so, wie es in der spätliberalen Gesellschaft seit Ibsens Hedda Gabler üblich war. Untrennbar davon jedoch ist die zwangsläufige Zunahme von Verwaltungsbefugnissen dort, wo ihnen sachlich keine Zuständigkeit entspricht. Fachmenschen müssen Autorität ausüben in Bereichen, in denen sie fachlich nicht qualifiziert sein können, während man ihrer besonderen, abstrakt verwaltungstechnischen Eignung bedarf, damit der Betrieb funktioniert und in Gang bleibt. Die Dialektik von Kultur und Verwaltung drückt keineswegs so sehr die sakrosankte Irrationalität von Kultur aus – diese dünkt durchweg denen am irrationalsten, die am wenigsten von ihr erfahren haben –, als daß die Verwaltung, sowohl ihren objektiven Kategorien wie ihrer personellen Zusammensetzung nach, dem Kulturellen immer weiter sich entfremdet.

Die Verwaltung ist dem Verwalteten äußerlich, subsumiertes, anstatt es zu begreifen. Eben das liegt im Wesen von verwaltender Rationalität selber, die bloß ordnet und überspinnt. Schon im Amphibolie-Kapitel der Kritik der reinen Vernunft hat Kant, gegen Leibniz, dem Verstand die Fähigkeit abgesprochen, das »Innere der Dinge« zu erkennen. Die Aporie waltet zwischen der unabdingbaren Bestimmung des Kulturellen und der unabdingbaren Rationalität der Verwaltung, die keine andere ist als der szientifische Verstand. Was mit Grund kulturell heißt, muß erinnernd aufnehmen, was am Wege liegen bleibt bei jenem Prozeß fortschreitender Naturbeherrschung, der in anwachsender Rationalität und immer rationaleren Herrschaftsformen sich spiegelt. Kultur ist der perennierende Einspruch des Besonderen gegen die Allgemeinheit, solange diese unversöhnt ist mit dem Besonderen. Das war mit der wie immer auch problematischen Unterscheidung des Nomothetischen und des Idiographischen in der südwestdeutschen Schule wenigstens visiert, der Max Weber philosophisch selber anhing. Verwaltung aber repräsentiert notwendig, ohne subjektive Schuld und ohne individuellen Willen, das Allgemeine gegen jenes Besondere. Das Gefühl des Windschiefen, Unvereinbaren im Verhältnis von Kultur und Verwaltung heftet sich daran. Es bezeugt den stets noch antagonistischen Charakter einer stets weiter sich vereinheitlichenden Welt.

Die Forderung der Verwaltung an die Kultur ist wesentlich heteronom: sie muß Kulturelles, was immer es auch sei, an Normen messen, die ihm nicht innewohnen, die nichts mit der Qualität des Objekts zu tun haben, sondern lediglich mit irgendwelchen abstrakt von außen herangebrachten Maßstäben, während gleichzeitig nach seinen Vorschriften und der eigenen Beschaffenheit nach der Verwaltende meist ablehnen muß, auf Fragen der immanenten Qualität, der Wahrheit der Sache selbst, ihrer objektiven Vernunft überhaupt sich einzulassen. Solche Ausdehnung der Verwaltungskompetenz auf einen Bereich, dessen Idee jener Art durchschnittlicher Allgemeinheit widerspricht, die im Begriff der Verwaltungsnorm liegt, ist selber irrational, ein der immanenten Vernunft der Sache, etwa der Qualität des Kunstwerks Fremdes, ihr gegenüber Zufälliges. Das Selbstbewußtsein dieser Antinomie und die Konsequenzen daraus wären wohl als erstes von einer im Kantischen Sinne mündigen, aufgeklärten Verwaltungspraxis zu verlangen. Früh schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, hat Kultur gegen jene Zweckrationalität sich gesträubt. Zur Zeit des Symbolismus und des Jugendstils haben Künstler wie Wilde provokativ Kultur das Nutzlose genannt. Zwischen dem Nützlichen und dem Unnützen aber herrscht in der bürgerlichen Gesellschaft, und wahrhaft nicht erst seit heute, ein überaus komplexes Verhältnis. Der Nutzen des Nützlichen selber ist keineswegs über allem Zweifel, und das Unnütze okkupiert den Platz dessen, was nicht mehr vom Profit entstellt wäre. Viel unter den nützlichen Gütern Eingereihtes geht hinaus über die unmittelbar biologische Reproduktion des Lebens. Diese selbst ist kein Jenseits der Geschichte, sondern abhängig von dem, was als Kultur rangiert; sollten Menschen der industriellen Ära unter den Bedingungen ihr Dasein fristen, die ihnen in der Steinzeit dahin zu vegetieren gestatteten, so gingen sie wohl zugrunde. Die kritische Theorie der Gesellschaft hat dem Ausdruck verliehen in dem Satz, daß die Reproduktion der Arbeitskraft nur auf dem jeweils historisch erreichten kulturellen Standard erfolge, keine statische Naturkategorie sei. Man braucht nicht dem amerikanischen Ökonomen Veblen, auf den die Technokratie zurückdatiert, zu folgen, der tendenziell alle Güter, die nicht drastisch notwendig sind, für den Ausdruck von Herrschaft, Status und Ostentation, die ganze Kultur für das hielt, was im saloppen Jargon der verwalteten Welt »Angabe« heißt. Aber man wird doch nicht dagegen sich verblenden, daß das Nützliche, den Menschen zugute Kommende in der bisherigen Geschichte nichts Unmittelbares, nichts um seiner selbst willen Daseiendes ist, sondern daß dem Profit gegenüber im Gesamtsystem das Nützliche an sich zu einem Sekundären, von der Maschinerie Mitgeschleiften wurde. Kaum anders wo aber ist das Bewußtsein der Gesellschaft so allergisch wie an dieser. Gerade weil es dubios bestellt ist um die Nützlichkeit des Nützlichen, ist es dem Apparat doppelt wichtig, sich als ein Nützliches, um der Konsumenten willen Ablaufendes zu präsentieren. Darum wird in der Ideologie die Demarkationslinie von Nützlichem und Unnützem so streng gezogen. Zur Inthronisierung der Kultur als einem an sich Seienden, von den materiellen Bedingungen Unabhängigen, ja diese Vergleich gültigenden schickt sich korrelativ der Glaube an die reine Nützlichkeit des Nützlichen selbst. Kultur soll durchaus unnütz, darum auch jenseits der Planungs- und Verwaltungsmethoden der materiellen Produktion sein, damit der Rechtsanspruch des Nützlichen ebenso wie der des Unnützen umso mehr Relief gewinnt. In solcher Ideologie hat sich ein Reales sedimentiert, die Trennung der Kultur vom materiellen Lebensprozeß, schließlich der gesellschaftliche Bruch zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Er erbt sich fort an die Antinomie von Kultur und Verwaltung. Der Geruch des Banausischen, der der Verwaltung anhaftet, ist, nicht bloß philologisch, vom gleichen Schlag wie das Odium niedriger, nützlicher – schließlich körperlicher Arbeit in der Antike. [WS, 17.09.2019] Die starre Entgegensetzung von Kultur undVerwaltung im Denken, Produkt einer gesellschaftlichen und geistigenLage, die beides zugleich auch zusammenbiegt, war indessen stets frag-würdig. Vertraut ist zumal der Kunstgeschichte, daß in der Vergangen-heit überall dort, wo Artefakte kollektive Arbeit erforderten, aber auchbis tief in die individuelle Produktion bedeutender Architekten, Bild-hauer und Maler hinein Verwaltungen mitgeredet haben. Ihr Einflußblieb nicht äußerlich, sondern teilte der Sache selbst sich mit. Daherstanden die Verwaltungen auch in der Vergangenheit keineswegs mitdenen, die heute unbedenklich Kulturschaffende sich nennen, in jenerglücklichen Harmonie, welche der romantische Wunsch nur allzu gernnach rückwärts projiziert. Unter dem Aspekt ihrer Beziehung zu denKulturbereichen stellten die Kirche, später die Regenten der italienischenStadtstaaten und dann des Absolutismus Verwaltungsinstanzen dar.Vermutlich war ihre Beziehung zur kulturellen Produktion vielfach sub-stantieller als die zwischen der gegenwärtigen Verwaltung und der ver-walteten Kultur. Die unbestrittene Vorgegebenheit der Religion milderteden Gegensatz des Kulturellen zum praktischen Leben, und die ver-fügenden großen Herren von ehedem, oft genug freilich Condottieri,mochten der Kultur näher sein als manche Verwaltungsspezialisten unterradikal arbeitsteiliger Gesellschaft. Um so unmittelbarer aber auch undrigoroser kontrollierten sie das Kulturelle, unbehindert von Zuständig-keiten und rationalen Verfahrensordnungen. Das Verhältnis der imma-nenten Wahrheit kultureller Gebilde zu dem, was man heutzutagezwielichtig „Auftrag“ getauft hat, war jedenfalls damals kaum wenigerleidvoll als heute. Große Künstler selbst eines Typus, der mit dem zuseiner Zeit objektiv verbindlichen Geist weithin zusammenzustimmenscheint, wie Bach, haben in permanentem Konflikt mit ihren Verwaltun-gen gelebt. Aus dem Hochmittelalter weiß man wohl nur darum wenigervon derartigen Konflikten, weil diese damals prinzipiell zugunsten derverwaltenden Macht vorentschieden waren, der gegenüber Ansprüche,die ihrer selber erst im modernen Begriff des Individuums recht inne-wurden, kaum Chance hatten.Trotz all dem hat im Verhältnis von Kultur und organisierter Machtetwas Wesentliches sich verändert. Kultur, als das über das System derSelbsterhaltung der Gattung Hinausweisende, enthält allem Bestehen-den, allen Institutionen gegenüber unabdingbar ein kritisches Moment.Es ist keineswegs die bloße Tendenz, wie manche kulturellen Gebilde sieverkörpern, sondern Protest gegen die Integration, die durchweg demqualitativ Verschiedenen gewalttätig widerfährt: in gewisser Weise ge-


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