Februarheft 1988, Merkur # 468

Lieber Maestro − lieber Boito. Verdis Briefwechsel mit seinem Librettisten

von Eckhard Henscheid
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Wer von diesem rund 300 Briefe starken Briefwechsel »schöne Stellen« erwartet; kunsttestamentarische Erlasse, wie es sie immerhin im Dutzend in Mozarts Briefen gibt; quasi belletristische Partien, die dem Abendrotglanz der gemeinsam erarbeiteten Spätopern adäquat aufleuchten: der mag ziemlich enttäuscht sein, der wird weiterhin zu der aber auch meist nicht gerade verdisch-belkantistisch formulierenden Sekundärliteratur greifen oder sich seine hymnischen Formulierungen im Kopf selber zurechtbasteln müssen. Nein, über Fiescos großartig-funeste Arietta »A te l’estremo addio« aus Simone Boccanegra, über das seraphische Duett »Già nella notte densa« aus dem Otello, über die Modernität des Schwebend-Ironischen mancher Falstaff-Lyrismen erfährt der lebenslang süchtige Verdi-Adorant aus diesem erstmals in deutscher Sprache veröffentlichten Briefwechsel nichts oder recht wenig und, was die musikalischen Superioritäten der Werke betrifft, allenfalls en passant Apartes; nein, die Korrespondenz des alten Verdi mit dem wohl wichtigsten seiner späten Ansprechpartner, dem um 29 Jahre jüngeren Kollegen und Belletristen und Librettisten Arrigo Boito (1842−1918), bleibt sehr weitgehend im Technisch-Praktischen und im planen Progreß der Arbeit befangen (Hans Busch (Hrsg.), Verdi − Boito. Briefwechsel. Frankfurt: S. Fischer 1986). Sie ist das Dokument einer erstaunlichen Kooperation und − aber das bleibt eben die Frage, ob es denn eine war: Freundschaft. Und sie legt drittens mit Sicherheit das unentbehrlichste Zeugnis ab vom halbmythischen Schimmerglanz und von der fortschreitenden Traurigkeit von Verdis Alter und Lebensabschied: Arrigo Boito zählt zu jenen, die in der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 1901 an Verdis Sterbebett in St. Agata wachten. Eine gut dreißigjährige, wesentlich ab 1871 währende Beziehung. Boito gilt als Verdis bester, ihm würdigster, kongenialer Textautor − man kann darüber streiten: Dramatische Wucht und Feinarbeit und Tonwechsel-Konzision der Aida aus der Hand des Antonio Ghislanzoni sind mit Sicherheit nicht schwächer als die des Boitoʼschen Otello und des Falstaff, denen Horst Peter Neumann in seiner FAZ-Rezension des Briefwechsels etwas blumig, aber wohl nicht falsch nachrühmt: die Vollkommenheit, die Boito in dieser Gattung erreichte, sei besiegelt durch ihr Verschwinden in Verdis Musik. Eine Doppelbegabung war der einer universellen nationalen Bildung und Kulturverantwortung nachhängende Künstler- und Nobeldandy Boito zweifellos und mindestens − überlebt hat er bis heute durchaus auch als Komponist: Zwar brachte er sein »eigentliches« Lebensprojekt, die als Sujet auch Verdi zuweilen stark interessierende Oper Nerone, auf nahezu tragische Weise nie zu Ende bzw. auch nur in einen überlebensfähigen Gerüstzustand; mit der Goethe-Veroperung des Faust (I plus II!) unter dem Titel Mefistofele (1868 scheiternd, in der Neufassung von 1874 erfolgreich) hält er sich bis heute nicht nur im italienischen Repertoire. Die ambitioniert-massige Große Oper steht nicht nur recht gut Vergleiche mit immerhin Ponchielli, den Veristen und mittlerem Puccini durch − partienweise trägt die Komposition geniale Züge, etwa im hochsentimental entrückt-entrückenden Kerkerduett Faust − Margerita »Lontano, lontano, lontano« − Aida und Radamesin der Grabkammer sind da im Schmelz des coelestisch Abhebenden nicht allzu fern. Ein führender Kunst- und Musiktheoretiker des späten Risorgimento war Boito gleichfalls; früh auch vor dem Hintergrund seiner essentiellen Verehrungsfähigkeit ein Protagonist von Kulturvermittlung, zwischen Deutschland und Italien sprich Wagner und Verdi vor allem; ein Schöngeist wohl auch schon ein wenig von D’Annunzios Art − und in der Folge von alledem eben auch ein hochqualifizierter Übersetzer (u.a. des Freischütz und des Tristan) und Librettist; ein bißchen auch und durchaus schon der Typus Kultur-Manager vor der heraufziehenden Diktatur der Presse, welche ein paar Jahre vor der Otello-Premiere beinahe sein Zerwürfnis mit Verdi ausgelöst hätte; was Boito am 26. April 1884 aber mit dem schönsten und sprechendsten seiner Briefe an Verdi verhinderte: »Sie allein können Otello komponieren, das ganze Bühnenwerk, das Sie uns gegeben haben, bestätigt diese Wahrheit.« Der zutiefst aufrichtig klingende Brief gibt dem Jüngeren wohl erstmals »eine Gelegenheit, Ihnen besser als mit ins Gesicht geschleuderten Lobsprüchen« zu zeigen, »wie sehr ich Ihre Kunst liebe und fühle, die Sie uns gegeben haben«. Und weiter: Er, Boito, verbringe die Stunden wie ein Faulpelz − und an Tagen, an denen er arbeite, wie ein Esel. »So verrinnt mein Leben, und ich schlage mich weiter durch, allmählich erstickt von einem Ideal, das zu hoch für mich ist« − die Oper Nerone als ein Maßstäbe setzendes Epochenwerk. Wie ganz anders der Adressat: »Sie sind gesünder als ich, stärker als ich ... Um Gottes Willen geben Sie den Otello nicht auf, geben Sie ihn nicht auf, er ist für Sie bestimmt, machen Sie ihn ... Einen herzlichen Händedruck. Ihr Arrigo Boito«. [WS, 14.09.2019] Das schon ehrwürdige Klischee, dasBoito-Verdi in die »Opernglücksfall«-Reihe mit den Tandems Mozart— Da Pon-te und Strauss— Hofmannsthal plaziert, eshat insgesamt nicht unrecht. Nur war Boi-to eben immer auch und ungeachtet allerVerehrungssucht ein ehrgeiziger Musiker-Schöpfer. Drittens — und das macht dervollständige Briefwechsel deutlicher, alsman's bisher hörte, manifest — stellte ersein Licht über Jahrzehnte hinweg nobel,nahezu demütig unter den Scheffel, als esdarum ging, dem ihn Überragenden zudienen: die Spätopern Otello (1887) undFalstaff (1893) aus dem sich zierenden,halb hinsinkenden, halb sich mit Uninter-essiertheit wappnenden Verdi noch her-vorzukitzeln. Alles in allem scheint Boitoeinfach der Meinung gewesen zu sein, dieNachwelt habe Anspruch auf beide; wer-weiß machte ihm aber auch das Werben,das Animieren, das Kitzeln selber denHauptspaß. Der Rest war wieder Ver-ehrung, Demut: Nicht ein einziges Mal»mischt« sich Boito — jedenfalls schrift-lich — in grundsätzliche musikalischeForm- und Texturfragen der beidenOpern. Zur halbgelungenen Rettung desSimone Boccanegra hatte er für die Text-revision der Neufassung von 1881 übri-gens auch das seine getan — der Beginnder Kooperation.»Lieber Maestro — lieber Boito«: Einein mehrfacher Hinsicht seltsam schillern-de Beziehung, eine, man kann sich dasmit einem etwas hinkenden Vergleich kla-rer machen, kuriose Unterordnung; es istfast, wie wenn der etwa fünfunddreißig-jährige Dichtermusiker Richard Wagnersich plötzlich entschlösse, sein ferneresLeben sagen wir Brahms zu weihen, in-dem er diesem prächtige Opernlibretti fa-brizierte. Hans Buschs Vorwort faßt zu-sammen: Boito, vor 1870 mehr als mit derheimischen Oper fast mit dem »germanis-mo«, d.h. Wagner, liebäugelnd, »stelltsich in den Dienst des greisen Verdi; denner wünscht, an der Vollendung der OperaItaliana seinen Teil zu haben«. Der Verle-ger Giulio Ricordi wirbt bei Verdi in denTagen, da beide Komponisten noch derVision des Nerone nachhängen: »Das Er-gebnis ist, daß Boito sich für den glück-lichsten, den glücklichsten Menschenhalten würde, wenn er das Libretto desNerone für Sie schreiben könnte; er wür-de sofort und mit Vergnügen auf die Idee


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