Juniheft 1984, Merkur # 428

Literatur. Eine Kolumne

von Eckhard Henscheid
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An der neuen und zweiten Svevo-Ausgabe des Rowohlt-Verlags ist, von Italo Svevos Prosa abgesehen, bisher (Band 1und 2) so ziemlich alles schlecht und falsch. (Italo Svevo, Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Die Erzählungen. 2 Bde. Reinbek: Rowohlt 1983, 1984.) Das beginnt bei den Klappentexten: »Heute, in einer Gesellschaft, die die Tatsache des Alterns gern aus ihrem Bereich ausgrenzt« − Aus dem Bereich der Gesellschaft? Was das wohl sein könnte? − »bleibt die Lektüre Svevos eine Herausforderung. Mit unbestechlicher Genauigkeit schreibt er eine Psychopathologie des bürgerlichen Alltags«. Zu der nicht zuletzt falsch gebaute Sätze gehören. In seinem ewig langen, für eine Werkausgabe überflüssigen und germanisten-eitlen Vorwort, dem ein ebenso langes (aber immerhin hilfreiches) Nachwort der Ko-Herausgeberin Gabriella Contini folgt, schreibt der Herausgeber und erklärte Svevo-Spezialist Claudio Magris Unfug dieser Art: »Svevo ist der postmoderne Schriftsteller, der vielleicht mehr als alle anderen die Dämmerung des Subjekts erfaßt hat«. Sehr schön, daß einem die deutsche Sprache jetzt auch schon das Erfassen von Subjektdämmerungen erlaubt − aber auch inhaltlich wird’s hier kriminell: wenn das neue Zauberwort »Postmoderne« irgendetwas bedeutet, dann betrifft es, einer Frankfurter Ausstellung nach zu schließen, den Zeitraum von etwa 1960 bis1980 − und nicht aparterweise ein literarisches Werk, das zwischen 1900 und 1925 entstand und also, wenn überhaupt, am Beginn der »Moderne« steht. Falls dieser ziemlich nutzlose Begriff nicht ganz zur Privatmarotte und -mythologie unserer agilsten Jungprofessoren verderben soll; jener, die jenseits bedeutender Künstlerindividuen vor allem die großen historischen Interpretationsvolten im Kopfe haben: »Als Dichter der Absence und des Exils nimmt Svevo zur Kenntnis, daß der Mittelpunkt der Welt unauffindbar geworden ist ... Das Schwinden der Totalität wird mit unerbittlicher Strenge analysiert ... Svevo porträtiert unbarmherzig die Auflösung der Einheit der Welt«. Sprüche, Sprüche. Die meisten selbst der besseren Svevo-Deutungen Magris’ sind vag bis nonsenshaft dergestalt, daß sie genauso gut auf Kafka, Robert Walser, Musil gepappt werden könnten, ohne daß der Unsinn groß auffiele.

Hat man das Vorwort hinter sich, wartet der nächste Ärger. Den Herausgebern ist die Schnapsidee zugefallen, jeweils einige Texte Svevos zu einem Dachverband zusammenzustecken. So steht z.B. über der Meisternovelle Ein gelungener Scherz tatsächlich und bombastisch: »Die travestierte Autobiographie«. Was natürlich nicht ganz verkehrt ist, aber auch wiederziemlich beliebig − und demnächst kommt sicher auch irgendjemand auf die Idee, anläßlich der nächsten Ausgabe von Goethe diesen editorisch derart zu veredeln, und über Werther prangt dann erstmals als Dachtitel »Die gebrochene Autobiographie« und über Faust mindestens »Skandierte Sublimierung von Lebensschuld und -sühne«. Die Geschichte und Vorgeschichte der neuen Rowohltschen Svevo-Ausgabe zählt zu den größten Schildbürgerstreichen des deutschen Nachkriegsliteraturbetriebs − beide freilich wären ein eigenes Aufsatz-Thema. Die Schildbürgerei indessen geht weiter: »Daß der Rowohlt-Verlag«, vernimmt man aus dem Norddeutschen Rundfunk, »nun eine siebenbändige Ausgabe in Angriff genommen hat, kann man nicht laut genug als editoriale (!) Großtat loben.« In Wirklichkeit bestand die Großtat aus einem jahrelangen Chaos und Verschleppen und Versagen − und die Neuausgabe setzt diese Linie fort, und die Kommentierungen der Presse setzen noch eins drauf. So erfreulich die zahlreichen Hinweise auf Italo Svevo sind: meines Wissens keines der dazu berufenen Fachorgane hat die Arroganz und Kommentar-Geschwätzigkeit der Neuausgabe moniert. Die SWF-Bestenlisten-Jury setzte Svevos Erzählungen auf Platz 1 − aber auch darüber kann man sich kaum freuen, nachdem sich die Inthronisierung ja wohl sinnigerweise nur auf die Ausgabe beziehen kann, sintemalen es Svevo schwerlich nötig habendürfte, von den in der Jury versammelten kritischen Siebenschläfern endlich bestätigt zu werden. Gegenüber der älteren und vergriffenen Rowohltschen Svevo-Ausgabe enthält die jetzige leider nur wenige neue Texte, darunter die starke Erzählung Meuchlings; bereits Übersetztes wurde partiell neu übersetzt. Zu fürchten ist, daß das gelehrte Herausgebertrio seine Marotten im Zuge der folgenden Bände fortsetzen wird. So daß, kurz und trist, die deutsche Svevo-Ausgabe der vermutlich nächsten fünfzig Jahre zum Ärgern und Lachen Grund genug liefern dürfte. Lesefrüchte, das Thema dieser Kolumne, sind fast immer disparater und mehr oder weniger zufälliger Natur − die donnernden Jahresbilanzen mit großem Soll und Haben wollen wir doch jenen überlassen, die damit bedeutend werden zu müssen meinen o.s.ä. − ich jedenfalls, Opfer meines Berufs und meiner Neigungen, habe im letzten Jahr ziemlich wild und kreuz und quer gelesen und lesen müssen; Lektüren nachgeholt (ein dringlicher Spezialtip nebenher: George Eliots Middlemarch) − und andererseits versucht, mich halbwegs und demütig auf dem laufenden zu halten, was die »aktuelle Produktion« anlangt; mich von Hochgelobtem gern überzeugen – mir andererseits das Vergnügen nicht entgehen zu lassen, dies Hochgelobte mittelmäßig oder aber nichtig zu finden. Um da kurz im neueren italienischen Fach zu verweilen: Wie man den vollendeten Akademismus von Italo Calvinos Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht für vitale und artistische Poesie halten kann, wie das vor allem unsere Literaturprofessoren-Rezensenten verschiedentlich taten: das wird mir sicherlich ebenso ewiglich ein Rätsel bleiben wie die säkulare Suprematie von Joyce’ Ulysses, an dem ich, halten zu Gnaden, trotz Wollschläger und Frankfurter Joyce-Kongreß und trotz Fritz Senns elegant-beredtem Plädoyer wenig je werde finden können, bei aller abstrakten Bewunderung für jenes Dorado der Hermeneutiker, welche den Zugang zu dem Buch in den letzten Jahren freilich eher erschwert haben dürften und die Joyce vermutlich auch die unliebsten Leser gewesen wären. Wer selber Bücher schreibt, ist gewiß nicht immer der beste Leser; aber ich halte jede Wette, daß Calvinos Winternacht, wie alle seine Bücher, ein schlicht und innig langweiliges, substanzloses ist, dessen spielerische Kapriolen so erwartbar daherkommen, daß sie allenfalls einem Berufsverblendeten den Entzückensruf »fantastisch!« entlocken. In Wahrheit handelt sich’s hier abermals um Literatur für Literaten, nämlich für ihre Zirkel und Nobelpreisjurys, jene, über die sich Gombrowicz im Zusammenhang mit Borges so angenehm deutlich lustig- und hermacht. Geändert hat sich seither scheint’s wenig; die absolut nicht nietzscheanische Dünnluft des Geistigen erteilt nach wie vor die Kommandos und verteilt die Noten und Pöstchen − bzw. lassen wir die Sache unentschieden: entweder können unsere Großkritiker nicht lesen oder ich kann’s nicht; oder aber die Sache mit der Literatur ist etwas derart unsteuerbar und unbelehrbar Angeborenes, daß alle Theorie und Reflexion über literarische Qualität halt eh nix nützt. [WS, 17.10.2019] Mich selber widerlegend, fahre ich hierdennoch fort: Mit einem Lesekorrektur-versuch, der stante pede auf ein neudeut-sches Sakrileg hinausläuft. Im Spiegelnahm es vor einigen Monaten ChristianSchultz-Gerstein auf sich und seine Kap-pe, an dem wahrhaft albernen »Koep-pen-Mythos« ein wenig zu kratzen; je-nem Verehrungsdunstkreis also, der sichwesentlich aus dem dreißigjährigen epi-schen Schweigen Wolfgang Koeppensspeist und der so konträre Herrschaftenwie unseren Lautesten von der FAZ-Kulturabteilung mit den Preisverleihernvon der Arno-Schmidt-Stiftung eint.Koeppen hat in einem Funk-Interviewüberaus beleidigt reagiert — dabei betrafSchultz-Gersteinsn sehr notwendigerQuerschuß wohlgemerkt ausschließlichden von Koeppen ja eher unverschulde-ten »Mythos« derer, die ununterbrochenetwas zum Feiern haben müssen, nichtetwa Koeppens Bücher selber. Alle ander Diskussion und am »Mythos« Betei-ligten sollten jedoch die betreffenden Bü-cher wieder mal hervorkramen, jene um1955 herum entstandene Roman-Trilo-gie, die mittlerweile quasi unversehens ineinen Ewigkeitswert hinübergeschwebtist - ich selber habe es unlängst getan, ei-ner Erinnerungsspur folgend, daß derSchlußband Tod in Rom mir vor Jahrennicht eben sakrosankt, sondern eher edel-kitschig dünkte. Die Wiederlektüre vonTauben im Gras hat diese Erinnerungsah-nung leider bestätigt. De mortuis nihilnisi bene - also reden wir über den leben-digen Koeppen, der hoffentlich nochkein Denkmal seiner selbst sein will. Umes mit äußerster Behutsamkeit zu sagen:Was da von vielen Preisverleihern alsGroßes Bleibendes Deutscher Zunge seitDezennien gewürdigt wird, verdientevielmehr, in Hinsicht auf seine Kitsch-und Illustriertenromanqualität via Lektü-re abermals und scheuklappenlos über-prüft zu werden - um es noch neutralerzu formulieren: mit Blick auf seine Zeit-gebundenheit; jene Melange ausHemingway und Joyce und Camus undFilm und Sartre, kurz: auf seinen unver-brüchlichen Willen hin, den deutschenRoman wieder international zu machen.Welcher Sehnsucht sich seinerzeit dieKritiker und Lobredner offenbar ebensoumstands- wie kenntnislos anpaßten.Die Qualitätsarmut der deutschenNachkriegsliteratur respektive ihre Maß-stabslosigkeit: Derlei genauer zu untersu-chen wäre freilich weit über Koeppenhinaus ein großes und verdienstvollesThema - und manchmal verdichtet sichder Eindruck, es unterbleibe nur deshalb,weil die Jungen zu faul zum Erstlesenund die Alten zu eitel zur Wiederbegeg-nung mit ihren damaligen Schoßkindernresp. Fehlurteilen seien. Wahrscheinlichverfestigte sich da nämlich selbst denletzteren der Verdacht zur Gewißheit,daß die ersten sagen wir fünfzehn JahreNachkriegsliteratur - vom alten ThomasMann, von Hans Henny Jahnn, von ArnoSchmidt und vom großen Niebelschützmal abgesehen - außerordentlich belang-los, kümmerlich und gleichzeitig größen-wahnsinnig waren. Wie man zwar perma-nent auf die durch die Nazizeit entstan-dene kulturelle Lücke verwies, wie mansich aber via allerlei internationalistischeund oft ihrerseits obskure Finsterlektüregleichzeitig rasch wieder in die obersteKunst zu placieren wähnte -: dies allesin seiner Komik und Geschwätzigkeitpräzis nachzuzeichnen und zu würdigen,müßte doch, möchte man meinen, einschönes Aufgabenfeld für einen aufrech-ten und lesefähigen Literaturprofessorsein. Auf dessen Einsatz ich warte: Ichmöchte halt zu gern den Tag noch erle-ben, an dem in diesem Bilanzzusammen-hang Grassens Blechtrommel auf das re-


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