Januarheft 1986, Merkur # 443

Literaturpreise oder Aus der Welt der Obszönität

von Eckhard Henscheid
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Vor fünfzehn Jahren, vor dem Hintergrund der Studenten- und der allseits wirksamen und das ideologiekritische Empfinden schärfenden antiautoritären Bewegung, veranstaltete die Zeitschrift pardon eine kleine Umfrage unter deutschen Schriftstellern: »Sind Literaturpreise obszön?« Die Mehrzahl der Befragten sagte jein; war nicht grundsätzlich gegen sie, hegte aber doch starke Reserven. Peter Härtling war prinzipiell fürs Abschaffen. Heute, nach fünfzehn Jahren, sitzt er selber in nicht wenigen Preisgremien. Und ein Preis trägt sogar seinen Namen. Andere Autoren, Enzensberger und Biermann z.B., gingen damals den Weg der List. Sie leiteten ihre Preisgelder etwa an Rechtshilfefonds oder an »die Apo« weiter. Nicht selten wurden Preise damals auch noch »verweigert«. Und zumindest wurde die Sache noch »kontrovers diskutiert«. Jetzt, so weit ich sehe, wird nicht mehr diskutiert. Sondern eingeschoben; und Schwamm drüber. Wende auch hier? Um 1970 fiel auch Herbert Marcuses Wort, weniger die landläufige Pornographie sei obszön, als vielmehr ein Generalim vollen Wichs. Als obszön im Sinne des biblischen sittenverderbenden Ärgernisses wurde damals auch weithin der gesamte »Literaturbetrieb« empfunden; Betriebsauswüchse wie das zunehmende Preiswesen zumal. Für viele hatte die Sache zumindest etwas Anrüchiges. Heute denkt sich niemand mehr viel dabei. Der Spiegel berichtete vor einigen Monaten von einer geradezu wahnwitzig wunderbaren Selbstvermehrung der Literatur- und Kulturpreise innerhalb des letzten Jahrfünfts. Jeder bessere Verband, jede zweite Kleinstadt hat sich inzwischen dergleichen zugelegt. Offenkundig hat das Gespür für eine mögliche Obszönitätsschwelle entscheidend abgenommen; Schamgrenzen scheinen grenzenlos zum Horizont hin verlegt, ja vielleicht schon abgeschafft. Vorab: Wer in der Kulturbranche Kollegen − eventuell berühmtere, erfolgreichere − kritisiert, der hat immer mit dem dümmlichen, aber naheliegenden Verdacht und Argument zu rechnen, ihn trieben halt Neid und Mißgunst um. Wer z.B. gegen das Literaturpreiswesen polemisiert: item. Um den Punkt von vornherein zu klären: Ich selber habe einmal ein Stipendium zur Finanzierung eines größeren Romanprojekts in Höhe von gut 20 000 DM zugesprochen bekommen − und akzeptiert; ich denke, gegen diese Art von wechselseitig unverbindlicher Förderung spricht erst mal wenig. Sodann sollte ich 1979 den bayerischen Kulturpreis für Literatur erhalten, das wurde im letzten Moment durch eine steindumme Intrige der Jury verhindert − Folge: die 10 000 Mark wurden in jenem Jahr gar nicht vergeben. Damals hätte ich den Preis wohl genommen − ich war ziemlich mittellos und wenig informiert über die schwer überschau- und auslotbaren Implikationen des Poesie-Preiswesens − heute würde ich’s nicht mehr tun, ich müßte schon in erhebliche wirtschaftliche Not geraten. »Saure Trauben, saure Trauben« (Robert Gernhardt)? Tatsächlich habe ich ernsthaft seither keinen Preis mehr angeboten bekommen – zwei vage Voranfragen habe ich abschlägig beschieden. Allerdings, um auch das noch vorauszuschicken: Die Grandezza meiner hier schriftlich fixierten Vorabverweigerung fällt mir leichter als anderen. Ich gehöre zu den schätzungsweise fünf Prozent deutscher freier (und hauptberuflicher) Autoren, die allein von ihren Büchern bequem leben können. Das ist Glück, das ist Zufall. Und spielt allerdings zentral in die Tücke des Objekts Literaturpreise hinein. Denn solche Preise, wie bekannt, sollen Buchautoren nicht zum wenigsten die leidige Brotarbeit für Presse, Funk und Fernsehen ersparen helfen. Und insofern, um auch dies hier schon klarzustellen, würde sogar ich als ein entschiedener Gegner des gegenwärtig kurrenten literarischen Preiswesens »armen Autoren« nach Lage der Dinge und zumindest im Zweifelsfall raten, zuzugreifen; selbst jenen wenigen noch verbliebenen skrupulösen Autoren, die sich überhaupt Umstände, ein Problem draus machen möchten. Die weitaus mehreren allerdings, um wieder den Themenkern anzusteuern, machen sich mitnichten eins. Preise werden heutzutage von mehr oder weniger allen Autoren eingesteckt, auch von solchen, die drauf pfeifen könnten. Sei’s des nie stinkenden Geldes, sei’s der Ehre, sei’s drittens der schieren Betriebsnudeligkeit selber wegen. Mit der Ehre allerdings sieht’s unschön aus. Das liegt: einerseits an der zuletzt schon aberwitzigen Preisinflation selber; zum anderen an der selbst dem »Insider« meist nicht eruierbaren Gesetzlichkeit sprich Dubiosität der Preisvergabeabläufe − bis hin zur schlichten Albernheit. Es gibt im Lande Autoren, die mit noch nicht fünfzig Jahren schon mehr als ein Dutzend Literaturpreise abgekriegt haben − so absurd viele und absurd wahllose, daß sich selbst die FAZ zu einer ironisch mahnenden Glosse aufgerufen sah. Christoph Meckel (nein, ganz ohne Namen geht's hier nicht) wäre ein Beispiel. Lassen wir dahingestellt, ob mit solcher Masse mal Beliebigkeit die neudeutsche Wunschsynthese aus Angepaßtheit und leicht domestizierbarer Rebellik prämiert wird − nein, lassen wir’s nicht dahin gestellt: sondern genauso ist es nach meinen Kenntnissen. Und wie allseits bekannt, hat es Kritiker-Juroren wie unseren Lautesten von der FAZ, die sich, zu ihrem höheren Ruhm oder persönlichen Pläsier, in ungefähr genauso vielen − sind’s schon zwanzig? − Jurys und ähnlichen Kuratorien breit machen. Fügen wir hier gleich, im Sinne einer Stoffsammlung von groben Evidenzen, an, daß z.B. die alljährliche Klagenfurter Preisvergabe lang schon und exklusiv zur Sportivität bzw. TV-Gaudi wg. Reich-Ranickis Rhetorik, Mimik und vor allem Mythik heruntergekommen ist; wenn diese Bachmann-Preisprozedur denn je schon weiter oben war. Hier Medienremmidemmi also − dort sichtbarlich Gremienbildung als Selbstzweck, nämlich Unterhaltung und Eigenentertainment gelangweilter Berufskritiker und Autoren, die sich halt auch mal was anderes gönnen möchten. Führen wir hier schon mal einen vorerst letzten Aspekt ins Feld, mit dem die besagte Obszönitätsschwelle erstmals und locker überstiegen wird: Exempel Hölderlin-Preis. Daß er überhaupt gezeugt wurde, ist die eine, daß ihn ausgerechnet die komplettement kultur- und speziell hölderlinferne Neureichenstadt Bad Homburg präsentiert, bereits eine doppelte Obszönität. Ihre Verdreifachung wäre, daß heute u.a. ausgerechnet Hermann Burger und Ulla Hahn für Hölderlin stehen. Und daß die professoral besetzte Jury so sang- und klang- wie würde- und offenbar widerspruchslos ihren Segen Jahr für Jahr aber schon akkurat jenen Lyrikern und Luschen erteilt, welche sich im Jahr zuvor Reich-Ranicki als Schützlinge erkoren hat, der eigenen Lautstärke abermals Hallraum zu geben: das wäre ein vierter Obszönitätsvorgang. Nummer fünf aber betrifft die Selbstverständlichkeit, mit der Hahn, Burger usw. den Stiefel ungescheut auch noch mitstapfen, ja scheint’s an seine höhere Dignität glauben. [WS, 14.09.2019] Eine fünffache Obszönität freilich er-gibt nun allemal nach meiner persön-lichen Einschätzung die Qualitas der:Perversität.Unser Literaturbetrieb ist, so WalterBoehlich schon vor Jahren, »verkom-men«; seine Preis-Betrieblichkeit ragt alssein Verkommenstes; Klagenfurt undHomburg-Hölderlin sind wohlgemerktnur zwei Beispiele, überragende aller-dings. Der Komplementärbegriff vonObszönität wäre jener der Scham, in de-ren Verschwinden Sigmund Freud denFortschritt zum Schwachsinn vermutete.Ob Schamlosigkeit oberstes Signum die-ser gegenwärtigen Kultur sei, darübermögen langzeitanalytisch Berufenere be-finden; ich bin aber schon mal sicher: ge-nau so ist es. Und das schamlose Auskip-pen und Verschleudern von Literatur/Kulturpreisen dünkt mich ungelogen et-was noch Kruderes, Gemeineres, Psycho-tischeres als die TV-Serien Dallas undSchwarzwaldklinik miteinander. Weil essich nämlich nicht zwischen apriorischSchwachsinnigen, sondern zwischenKulturträgern wie Reich-Ranicki, SarahKirsch und leider sogar Büchner undHölderlin abspielt; weil dem Sog seinesGrauens offenbar nicht einmal substan-tiell Aufrechte wie Arno Schmidt und Pe-ter Rühmkorf widerstehen mochten -letzterer einer der ganz wenigen, die sichin jüngerer Zeit über die Sache immerhinöffentlich Gedanken machten. Zwar istallen am Literaturgewerbe Beteiligten be-kannt, daß die Lorbeerzeiten Tannhäu-sers und Walther von Stolzings weit hin-ter uns liegen. Warum es trotzdem im20. Jahrhundert auf einmal so etwas wieSängerpreise gab und zu was sie nutzesein sollten, das mag uns literatursoziolo-gische Forschung einmal detailliert er-gründen. Wie sehr die Idee des Preisensund der Preise (Ruhm/Geld), wenn siedenn je eine sinnige war, spätestens in-nerhalb der letzten Dekaden vollends aufden Hund der Verächtlichkeit gekommenist, das sollte »eigentlich« jedwede kul-turkritische Evidenz nahelegen und jedesRestgefühl für Scham als der letzte Kon-sens der Kulturtragenden bestätigen; tutes aber evident nicht. Wo, adornosch ge-sprochen, das Ganze das Unwahre istund allenfalls Kunst aus sich selber her-aus diese Gleichung mildert, da setzt dergroße laureaturgeile und monetäre Preis-hammer zum letzten instinkt- und gna-denlosen Schlag an, die prekäre Balancevon Kultur und System noch einmal zuzerdeppern; und selbstverständlich gibtes deshalb auch einen Adorno-Preis. Unddas Ganze Unwahre hat abermals recht:Das Kulturpreiswesen prangt als der per-fideste und ergo genaueste Ausdruck desschamfreien Gehackes und Gegrabschesund Gegrunzes, aus dem das kulturelleLeben schon immer zu siebzig Prozentbestanden hat, heute aber zu 98,7 Prozentbesteht. Sicher, the show must go on;aber aussprechen muß man diese Eigen-dynamik des Dummen und Verdummen-den auch noch dürfen.Der Schamferne des geradezu von sichselbst besessenen Gebens und Nehmensim literarischen Preisauftrieb koinzidiertein mindestens gleich Fatales: der Glau-be an Riegen und Tabellen als Ultima ra-tio im allgemeinen Wirrsinn in cultura.Selbstverständlich springt einen die Lä-cherlichkeit an, aber alle machen mit, alleglauben dran: So wie Lendl, McEnroeund Becker im Tennis die Plätze 1, 2 und7 besetzen - so Böll, Grass und Bernharddie im nationalen Kunstschrifttum. Be-weis: Ihre Preise, Ämter - und die div.


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