Maiheft 1972, Merkur # 289

William Butler Yeats. Mystiker und Senator

von Werner Helwig
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»Ich glaube, ich habe gefunden was ich brauche. Wenn ich alles in einem Satz zusammenfassen will, dann sage ich: Der Mensch kann die Wahrheit verkörpern, aber er kann sie nicht wissen. Ich muß sie in der Vollendung meines Lebensverkörpern.« − »In der Vollendung meines Lebens« ... meinte er seinen Tod damit, der ihn 14 Tage später ereilen sollte? »Das einzige Gewisse, was das Leben zu bieten hat, ist der Tod«, schrieb er in einem der vielen düsteren Momente, die er, ein großer Anfälliger der Schwermut, zu überstehen hatte. Wer schrieb so, rang so »faustisch« um Einsichten, denen er ein Leben lang unter verschiedenen Aspekten der Selbsterfahrung in einem umfangreich hinter ihm anstehenden Werk Profil zu geben versuchte, von Phase zu Phase die Wegrichtung ändernd und eine erstaunlich vielfältige Gefolgschaft von Lesern an seinen Wandlungen beteiligend? William Butler Yeats wurde 1865 in Dublin als Sohn protestantischer Eltern geboren. Er starb, fast noch ein Zeitgenosse von uns, wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Südfrankreich − starb wie sein Landsmann James Joyce außer der Heimat, deren Ortung im Welt-, ja im kosmischen Geschehen beide ihr »schreibendes Tun« ausschließlich gewidmet hatten. Für die Lebensarbeit, in der er sich bewähren sollte, brachte Yeats ein in jungen Jahren »engelhaftes«, später dekorativ durchgeistigtes Gesicht mit. Er bot das Idealbild des Poeten, wirkte, wie von den Präraffaeliten entworfen, fast zu schön um wahr zu sein: Umstände, die damals seinem Erfolg zugute kamen und die uns heute eher mißtrauisch stimmen würden. Zu Unrecht, wie man – sein Werk überblickend − sagen kann. Hier kam es wirklich zu einer Gleichung von Sein und Gestalt. Sein Lebensgang zeigt ihn als einen zielbewußt in die Irre gehenden und aus der Irre wieder herausfindenden, schließlich alles zur Übereinstimmung bringenden arbiter elegantiarum.

In seinem letzten Wort scheint begütigt und korrigiert, was ihn jemals irritierte oder ins Bockshorn des falschen Eifers jagte. In der Jugend die Schule mehrfach wechselnd, danach teils in London, teils in Dublin lebend, entdeckte er sich früh als Dichter, der sein irisches Bluterbe in ein eigenwillig gestalteten Englisch zu Gehör brachte. Und man hörte bald auf ihn. Der Erfolg, der ihm lebenslang treu bleiben sollte, trug seine Veröffentlichungen in alle englischsprachigen Länder. Und die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit übertraf (trotz seiner infernalen Schüchternheit) zuzeiten diejenige seiner schreibenden Mitgenossen derart, daß er für einen größten seit Shakespear galt. 1923 wurde ihm für sein formstrenges Oevre der Nobelpreis verliehen. Als englischer Volksautor war er irischer Patriot, gleich Joyce mit dem irischen Freiheitskämpfer Parnell verbunden und ein Leben lang verehrend, ja anbedetend der damaligen Bernadette Devlin: Maud Gonne zugetan. [WS, 25.09.2019]


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