Septemberheft 2011, Merkur # 748

Nicht mitmachen. Meine Außenseiter

von Gustav Seibt
Ihnen stehen 43% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Wer sich dem Außenseitertum nähert, sollte ehrlicherweise damit beginnen, dass es nicht wünschenswert ist, Außenseiter zu sein. Die spätmittelalterliche Frau, die als Hexe identifiziert wurde, der Homosexuelle im heutigen Iran oder auch das mit irgendeinem scheinbaren Makel behaftete Kind, das in der Gruppe seiner Gleichaltrigen zum »Opfer« wird, sie alle sind ja in der Regel keineswegs durch Begabungen oder gar Genie ausgezeichnet, die ihre furchtbaren Leiden aufwiegen könnten. Vielmehr sind es ganz normale, sogar durchschnittliche Menschen, die nichts mehr ersehnen, als in ihren heimischen sozialen Zusammenhängen Anerkennung und Zuneigung zu finden. Vielleicht treibt ihre Verzweiflung sie zu dem Punkt, sich selber anders zu wünschen, ohne Schwulsein oder Fettsein, aber zunächst würden sie wohl am liebsten so genommen werden, wie sie sind. Doch die umgebenden Gruppen wählen sie als singuläre Ziele selbststabilisierender Gewalt aus, hetzen und quälen sie entweder rasch zu Tode oder erhalten sie als dauernde Objekte der Grausamkeit am Leben; dieses Leben, am Rande, aber in Reichweite der Gesellschaft, als Spielobjekte von Meuten, wird zur Hölle. Dass solche Menschen dann auch anders zu denken beginnen als die Mehrheit, ist unvermeidlich. Aber das beweist noch gar nichts über die Qualitäten solcher Randständigkeit. Die Welt war seit jeher voll von bedauernswerten Spinnern, von Depressiven und Größenwahnsinnigen, von Leuten, die mit sich selbst sprechen, sich nicht im Griff haben und den schlichtesten Anforderungen an ein geordnetes Dasein nicht gewachsen sind. Nur wenn hohe Begabung und eine große Ichstärke dazukommen, mag das primäre Außenseitertum, wie es von jeder Gruppe, jeder Gesellschaft und jedem Moral- und Rechtssystem produziert wird, fruchtbar werden. Außenseiter aber, die sich mit ihresgleichen als Gruppe konstituieren, um gemeinsam aus der Gesellschaft auszuziehen, eine neue Gemeinschaft, etwa eine Kirche zu gründen oder einfach ihre Interessen zu vertreten, sind es nur noch bedingt. Schon der alteuropäische Jude war Außenseiter zunächst nur in Bezug auf die christliche Mehrheitsgesellschaft, nicht innerhalb seiner Gruppe; der moderne Schwule kann in den westlichen Großstädten sein »anderes«, aber unauffälliges Leben führen und sich gelegentlichen Schulterklopfens von der Mehrheitsgesellschaft erfreuen − erschütterndes Spießertum inbegriffen. Die Gleichheitspostulate der nur noch funktional differenzierten, weithin individualisierten Gesellschaften haben den Druck auf Außenseiter zunächst dramatisiert, dann aber auch wieder entspannt. Am Ende wird man darauf kommen, dass Befreiung und Anpassungsdruck sich in Nullsummenspielen verschieben; so war es, anders als heute, in traditionalen Gesellschaften zwar viel leichter, moralisch anstößig zu werden, aber beispielsweise auch leichter, ohne Schande arm zu sein. Die ständische Gesellschaft war viel bunter, aber auch viel starrer als unser heutiges liberales Gewusel; wo das Denken freier sein kann, dürfte eine offene Frage sein. Ich vermute, dass ungefähr so, könnten wir ihm unser Thema heute unterbreiten, das Fazit eines meiner Lieblingsaußenseiter wäre, des Historikers Jacob Burckhardt: aufmerksam für alle historischen Unterschiede, jedoch glaubenslos in Fortschrittsfragen, vor allem aber denkbar nüchtern in der Wahrnehmung der menschlichen Natur.

Heute, für uns, ist Burckhardt der einzige wirklich lebendige Historiker des deutschsprachigen 19. Jahrhunderts. Er aber zog es während seiner produktivsten Lebenszeit vor, gar nicht mehr zu publizieren, ließ seine Einwände gegen den Optimismus der Epoche in kleinen Hörsälen verhallen und lehnte folgerichtig auch den Ruf auf den Berliner Lehrstuhl Rankes ab. Nie hätte er sich als Außenseiter verstanden, nicht einmal als freien Geist im Sinne Nietzsches; er wollte nur nicht mittun beim technisch-industriell-nationalstaatlichen Fortschritt und auch nicht bei der Professionalisierung einer arbeitsteiligen Forschung. Er stilisierte sich auch nicht als Genie auf höherer Warte, sondern begriff seine besondere geistige Position als historischen Überrest einer stadtbürgerlich-ständischen Vorzeit. Und doch konnte er sagen, »wir sind die Welle selbst« und so jede privilegierte Beobachterrolle ablehnen. Doch mit seinen Kapiteln zum Ruhm in der Kultur der Renaissance in Italien und zur historischen Größe in den Vorlesungen zum Studium der Geschichte hat Burckhardt natürlich auch Beiträge zu unserem Themenfeld geliefert. In der modernen Kultur wird der Ausnahmemensch, das Genie also, oft mit dem Außenseiter verwechselt. Und für den produktiven Ausnahmemenschen interessierte sich der ganz und gar unegalitäre Burckhardt allerdings aufs höchste. Größe ist ihm dabei schlicht das, »was wir nicht sind«. Im Einklang mit Goethes auf Napoleon gemünzter Formulierung von der »Produktivität der Taten« macht Burckhardt dabei keinen Unterschied zwischen künstlerischer und politisch-militärischer Größe. Groß sind Kolumbus, Michelangelo und Napoleon. Und ein Künstler wie Michelangelo kann für ihn nicht weniger »verhängnisvoll« sein als eine dämonische Verkörperung des Weltlaufs wie Napoleon. Über die moderne, auf Nietzsche und Freud folgende Vermischung und Verwechslung der Themen von Außenseitertum und Größe, etwa in Gottfried Benns Beobachtung, die zwei neuzeitlichen Zentralgenies Michelangelo und Shakespeare seien homosexuell gewesen, hätte Burckhardt wohl den Kopf geschüttelt. Wir dürfen anfügen: Wenn Proust oder Alexander der Große zur Verteidigung der Homosexualität herhalten müssen, wird das Leben anstrengend. Das mag die sonderbare Bahn eines Außenseiters illustrieren, den ich nicht besonders schätze, nämlich die Oscar Wildes. Wilde begann mit einer eigentlich aristokratisch-akademischen, dem britischen Universitäts- und Adelsmilieu entsprungenen Pose, der des nonkonformistischen Exzentrikers und Snobs. Die Methode der Provokation einer bürgerlich-wohlanständigen Durchschnittlichkeit lebte von feudalen Freiheiten, die Wilde für einen radikalen Begriff vom Künstler fruchtbar machte, angereichert mit modernen Elementen des Dandyismus. Aber Wilde blieb dabei nicht stehen. Indem er einen Beleidigungsprozess gegen den Vater seines Liebhabers lostrat, der rasch zum spektakulärsten Sittlichkeitsverfahren der Epoche wurde, schritt er fort auf der Bahn vom Exzentriker hin zum echten, existentiellen Außenseiter. [WS, 13.09.2019] In den Wortgefechten mit dem ihm geistig gewachsenen Anwalt derbritischen Krone! wagte Wilde die Probe aufs Exempel, ob sein ästhetischesAusnahmemenschentum auch sein erotisches Außenseitertum tragen könne- und scheiterte.Menschliche Größe erreichte Wilde, indem er den Weg zu Ende ging, alsodem Gefängnis und der Zwangsarbeit nicht auswich; aber auf diesem Pas-sionsweg legte er auch seine Exzentrikerexistenz ab. Bewusst oder unbewusstlitt Oscar Wilde dafür, dass heute die Schwulen in der westlichen Welt etwasfreier leben können als vor hundert Jahren. Er selbst aber ging nach seinerHaft zum Papst nach Rom, um im Schoß jener Kirche Frieden zu finden, diezwar Gefallene und Sünder kennt, aber keine Außenseiter. Wäre dieserQuintenzirkel der Randständigkeit nur nicht von so viel schaler, heute schongealterter Literatur begleitet worden!Muss aber der Ausnahmemensch nicht zwangsläufig auch Außenseitersein? Stempelt überragende Begabung das Individuum nicht so oder so zumParia der bürgerlichen Gesellschaft? Das behauptet eine solide deutsche Tra-dition von Friedrich Nietzsche und Stefan George bis zu Arno Schmidt samtihren zahlreichen hochfahrenden Gefolgsleuten wie Gottfried Benn undHans Wollschläger. Der Dichter als Führer, der große Autor als »Gehirn-tier«, der freie Geist in dünnster Höhenluft, das sind Figuren und immer neubesetzbare Rollen, die vor allem auf junge, anlehnungsbedürftige Leser einebis heute nicht nachlassende Anziehungskraft ausüben. So konnte ArnoSchmidt in seinen Nachrichten von Büchern und Menschen die deutsche Klassikals Ansammlung pathologischer Gestalten, hypernervöser, bindungsunfähi-ger Arbeitstiere, von Primzahlmenschen, Schreckensmännern und sanftenUnmenschen schildern - unter sorgsamer Umgehung von Goethe und Schil-ler.Darüber könnte man ähnliche Witze reißen, wie es Rudolf Borchardt überdie Umfälschung der Weltgeschichte zu einer Ahnenreihe Stefan Georgestat; übrigens aus intimer Kenntnis, denn natürlich verstand sich auch Bor-chardt nach so einem Modell, jenem Dante nämlich, der seine Bahn ging unddie Leute reden ließ. Und war nicht schon Borchardts Rede auf Hofmanns-thal das nur allzu durchsichtige Angebot: Sei du mein naiver Goethe, ichmach dir den sentimentalischen Schiller! Als Jugendlicher habe ich das gernegelesen, jetzt lache ich darüber, aber die Büsten von Schmidt und Borchardt! Vgl. Merlin Holland, Oscar Wilde im Krenzverhör. München: Blessing 2003.


Weitere Artikel von Gustav Seibt

Post aus Ozeanien

Einzige Bedingung der Teilnahme an der deutsch-ozeanischen Journalistenbegegnung in Berlin, die von der Internetseite www.muschelsucher.de organisiert und von der Bundeskulturstiftung finanziert wurde, war es, daß jeder der Teilnehmer einen möglichst spontanen und unmittelbaren Bericht von seinen Eindrücken verfassen und in seiner Heimat publizieren sollte. Diese mal tagebuchartig, mal essayistisch angelegten Darstellungen der Kollegen aus Neuseeland, (… lesen)

Heft 689, September 2006

Geschichte. Eine Kolumne − Kapitalismus als Lebensform

In seinem Buch über den Bourgeois diagnostizierte der Nationalökonom Werner Sombart 1913, die beiden Formen, die das Liebesleben des modernen Wirtschaftsmenschen annehme, seien »entweder die völlige Apathie oder der kurze äußerliche Sinnenrausch«. Exakt diese beiden Möglichkeiten hat der französische Erzähler Michel Houellebecq im Jahre 1998 auf die beiden Helden seines zeitkritischen Romans Elementarteilchen, die Halbbrüder (… lesen)

Heft 611, März 2000