Juliheft 2001, Merkur # 627

Niklas Luhmann in der Gesellschaft der Computer

von Dirk Baecker
Ihnen stehen 23% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Niklas Luhmann traute dem Computer nicht über den Weg: Er müsse bei der Arbeit mit seinem Zettelkasten die jeweils gebrauchten Zettel neben sich auf dem Tisch ausbreiten können, damit er einen Überblick über Thematik und Argument gewinne; der Bildschirm sei für diese Arbeitsweise zu klein. Außerdem erschien der Computer ihm so störanfällig, daß er Sorgen hatte, Zettel und Texte zu verlieren, wenn er mit ihm arbeiten würde. Stattdessen schrieb er bis zuletzt auf einer elektrischen Schreibmaschine und führte seinen Zettelkasten handschriftlich. Bezeichnend ist eine Anmerkung in seinem Buch Soziologie des Risikos, die aus einer Studie zur Einführung des Computers in Betrieben eine Fußnote zitiert, in der auf zwanzig kleingedruckten Zeilen Fachwörter aufgezählt würden, die etwas bezeichnen, was im Hinblick auf die Störanfälligkeit und das »Containment« eines Computersystems zu beachten sei.

Im Hinblick auf die verbreitete Hoffnung oder Sorge, der Computer könne die Bewußtseinsleistungen des Menschen bald überflügeln, war Luhmann eher gelassen. Das sei zwar durchaus möglich, aber kaum problematisch, da der Computer dann zwar vielleicht denken und wahrnehmen könne, aber noch lange nicht kommunizieren: Kommunikation sei nicht nur Austausch von Signalen, sondern immer auch ein Umgang mit Nichtwissen. Deswegen könne der Computer vielleicht die Autopoiesis des Bewußtseins, aber sicherlich nicht die Autopoiesis der Kommunikation abbilden. In Organisation und Entscheidung hält er fest: »Kommunikation entsteht ja nur unter der Voraussetzung wechselseitiger Intransparenz, die auch Intransparenz der Systeme für sich selber einschließt. Man kennt sich mit sich selbst und mit anderen nicht aus, deshalb wird geredet, geschrieben, gedruckt, gefunkt. Die operative und strukturelle Unerreichbarkeit dessen, was in der bisherigen Geschichte von »Menschen« aufgebaut worden ist, dürfte für Computer deshalb eher in der Eigenart sozialer und nicht in der Eigenart psychischer Systeme liegen. Die Zuflucht der Humanisten wäre dann nicht das Bewußtsein oder die Subjektheit des Menschen, sondern die Autopoiesis der Kommunikation, oder, um es ihnen schmackhaft vorzulegen: die Kultur.« Luhmanns Beobachtung des Computers folgte dem Verdacht, daß der Computer ähnlich wie zuvor die Schrift und später der Buchdruck die Gesellschaft bereits tiefgreifender verändert hat, als es der Gesellschaft selbstbewußt und ihrer Theorie zugänglich ist. Deswegen ließ Luhmann keine Gelegenheit aus, sich über die möglichen Auswirkungen der Einführung des Computers in Organisationen und in Funktionssystemen Gedanken zu machen. Gerne erzählte er die Geschichte, wie er eines Tages auf einem Flughafen stundenlang aufgehalten wurde, weil der Computer das Einchecken verweigerte und die Flughelferin nicht auf Handarbeit umstellen konnte, weil es weder die passenden Formulare gab noch eine Möglichkeit, die Buchung zu überprüfen.

Daß die Gesellschaft es riskierte, Produktionsanlagen, Behördenabläufe, Krankenhäuser, Flughäfen, Datenbanken, Kommunikationsnetzwerke, juristischen Beistand (und polizeiliche Verwahrung), virtuellen Sex, die Beichte, den Kunstgenuß und demnächst wohl auch politische Wahlen in diesem Ausmaße auf energieabhängige Technik umzustellen, war für Luhmann Anlaß ständiger Verwunderung. Sorgen machte Luhmann auch, daß die Menschen körperlich zu sehr an die Anschlußstellen der Computer gebunden würden, was dazu führen würde, »daß die Zufallskontakte frei herumlaufender Körper abnehmen« könnten. Das gälte auch dann, wenn die Geräte tragbar werden, und sei deswegen besorgniserregend, weil die Gesellschaft dem Zufall mehr verdanke als allertechnisch erleichterten Kommunikation. Man wüßte gerne, wie Luhmann, der die Erfolgsgeschichten des Mobiltelefons und des Internets nicht mehr erlebte, deren Versorgung der Gesellschaft mit der Möglichkeit neuer Zufälle beurteilt hätte. Das Handy verdichtet zwar interaktive Beziehungen über die Grenzen der Anwesenheit hinaus wie kaum eine Kommunikation zuvor, ermöglicht aber auch eine extrem lose Kopplung dieser Beziehungen. Und das Surfen im Internet scheint zwar die ein weiteres Mal erneuerten Hoffnungen auf eine transparente Gesellschaft wieder nicht zu erfüllen; das ändert jedoch nichts daran, daß Suchmaschinen, Portale und Datenbanken beabsichtigte und nichtbeabsichtigte Kontakte auflisten und dadurch dem Zufall neuen Spielraum geben.

Zwei Dinge fallen Luhmann besonders auf, der vernetzte Computer als Wissensdatenbank und der Bildschirm des Computers. »Was sich tatsächlich beobachten läßt«, schreibt er in Die Gesellschaft der Gesellschaft, »sind weltweit operierende, konnexionistische Netzwerke des Sammelns, Auswertens und Wiederzugänglichmachens von Daten, etwa im Bereich der Medizin, die themenspezifisch, aber nicht räumlich begrenzt operieren.« Über den Bereich der Medizin gehen diese Netzwerke inzwischen längst hinaus. Tatsächlich gibt es wohl kaum noch ein Thema, das nicht »konnexionistisch« erfaßt ist. Die Fragen der Kombinatorik, Zugänglichkeit und auch Verläßlichkeit von Wissen erreichen damit neue Dimensionen, die unter den Stichworten Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft seit langem diskutiert werden. Unter anderem wird die für viele soziale Verhältnisse wie etwa das Ingenieurs-, Gesundheits-, Erziehungs- und Beratungswesen nicht unwichtige Differenz zwischen Laien und Experten nicht eingeebnet, wie man vielfach vermutet, sondern auf eine neue Ebene gehoben, auf der es schwerer fällt, etwa technische, ökonomische und juristische Fragen auseinanderzuhalten und unabhängig voneinander zu bearbeiten. Die Interaktion zwischen Laien und Experten wird dadurch störanfälliger und damit nicht zuletzt auch sozial sensibler, weil man sich auf vertraute Mechanismen und Signale individueller Abhängigkeit und individuellen Vertrauens nicht mehr verlassen kann. Dies wird die Arbeitsfähigkeit der Funktionssysteme, die alle einen professionellen Kern haben, der in der Asymmetrie von Experten und Laien verankert ist, auf lange Sicht erheblich modifizieren.

Politik, Wirtschaft, Erziehung, Wissenschaft, Kunst, Medizin und Religion werden sich entweder auf der Grundlage eines neuen, nicht nur auf Wissen rekurrierenden Typs von Professionalität neu konstituieren oder Schwierigkeiten bekommen, ihre Autopoiesis aufrechtzuerhalten. Man kann gegenwärtig beobachten, wie sich Ärzte, Manager, Erzieher, Juristen, Therapeuten und Berater nach dem Muster des Priesters auf ihre Expertise im Umgang nicht mit Wissen, sondern mit Nichtwissen berufen und daraus neue Autorität zu gewinnen versuchen. Aber das ist ein riskantes Spiel, da Nichtwissen nach den Standards der modernen, am Buchdruck orientierten Gesellschaft eher als Problem denn als Kompetenz gilt. Die sokratische Ironie markiert seit jeher einen souveränen Umgang mit der menschlichen Neigung zur betriebsblinden Selbstüberschätzung. Aber sie gilt nicht als Heuristik eigener Art. Genau darauf könnte es jetzt jedoch ankommen. Der andere Punkt, dem Luhmann systematische Relevanz zuschreibt, ist der Bildschirm des Computers. Denn dieser verändere das Verhältnis von Oberfläche und Tiefe, das bisher von der Religion und der Kunst geprägt worden sei, jetzt jedoch eine neuartige Brisanz bekomme. In der Religion sei man es gewohnt gewesen, tierische Eingeweide oder Vogelflug für Weissagungen zu nutzen. Und in der Kunst hätte man Ornamente eingesetzt, um Bedeutungen zu unterstreichen, die nicht ausgesprochen, sondern nur angedeutet werden können. Dadurch ist ein Verhältnis von zugänglicher Oberfläche und unzugänglicher Tiefe eingeübt worden, von dem später auch Heuristiken wie die der Ideologiekritik oder Psychoanalyse profitieren konnten. Auch der Computer profitiert von diesem Verhältnis. Und er verwandelt es. »Die Oberfläche ist jetzt der Bildschirm mit extrem beschränkter Inanspruchnahme menschlicher Sinne, die Tiefe dagegen die unsichtbare Maschine, die heute in der Lage ist, sich selbst von Moment zu Moment umzukonstruieren, zum Beispiel in Reaktion auf Benutzung. Die Verbindung von Oberfläche und Tiefe kann über Befehle hergestellt werden, die die Maschineanweisen, etwas auf dem Bildschirm oder durch Ausdruck sichtbar zu machen. Sie selbst bleibt unsichtbar.« So unsichtbar wie einst (und heute) nur die Hand, die nach Adam Smith den Markt ordnet, ist die Maschine in der Lage, mit eingegebenen Daten nach der Maßgabe eigener Programme so umzugehen, daß sie nicht nur geordnet werden, sondern der Ausgabe der Daten auf dem Bildschirm oder im Ausdruck nicht angesehen werden kann, wie sie verarbeitet worden sind und wer sie eingegeben hat. Der Computerbenutzer glaubt, er sei der Herr der Maschine, weil sich unabhängig von seinen Befehlen nichts tut. Aber er weiß, daß er es nicht ist, weil er das, was die Maschine tut, wenn sie etwas tut, nicht durchschaut. Diese Beschreibung des Computers im Vergleich mit Religion und Kunst macht einige der Faszinationen deutlich, die den Computer alltäglich begleiten und die zur Entstehung vieler Lebensmilieus geführt haben, Experten- ebenso wie Alltagskulturen, die sich ein Leben ohne den Computer weniger wegen seiner tatsächlichen Leistungen als wegen dieser Faszination nicht mehr vorstellen wollen.


Weitere Artikel von Dirk Baecker

Ökonomie. Eine Kolumne − Haben die Verschwörungstheoretiker recht?

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um die Beweislast für nahezu erdrückend zu halten. Wenn es den institutionell wichtigsten Spielern der amerikanischen Wirtschaft, den Investmentbanken der Wall Street im Verein mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem amerikanischen Finanzministerium, darum gegangen wäre, sich der sichtbar wachsenden Konkurrenz der ostasiatischen Wirtschaft zu erwehren, hätten sie nicht (… lesen)

Heft 639, Juli 2002

Ökonomiekolumne. Die Wunschmaschine

Eine der wichtigsten Erfolgsgeschichten der ökonomischen Theorie ist bis heute nicht geschrieben. Sie wird jedoch eines Tages geschrieben werden müssen, weil es von ihrer Reflexion abhängt, wie sehr es der Gesellschaft gelingt, ihrer Wirtschaft tragbare Grenzen zu stecken. Diese Erfolgsgeschichte der ökonomischen Theorie ist die Begründung der Betriebswirtschaftslehre durch Erich Gutenberg, einen Volkswirt. Bevor Gutenberg (… lesen)

Heft 645, Januar 2003