Januarheft 2002, Merkur # 633

Ökonomie. Eine Kolumne − Ökonomen sind Gentlemen

von Dirk Baecker
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Ökonomen sind Gentlemen. Sie unterstellen, wider besseres Wissen, Zivilisation und agieren auf der Basis dieser Unterstellung. Alan Greenspan ist in Mienenspiel und Sprache die Inkarnation schlechthin dieses Gentlemantyps des Ökonomen. Tatsächlich ist der Chef der amerikanischen Notenbank in jenem genauen Sinn »Ökonom«, also Volkswirt, in dem sein Handeln und Unterlassen von der Sorge um das Wohl und Wehe des ganzen Hauses (oikos) geprägt ist. Er weiß nicht nur, daß er mit seiner Federal Reserve Bank »the most watched player« aller Geld- und Kapitalmärkte ist, wie Marcia Stigum einmal formuliert hat, sondern er kann sich auch nur allzu lebhaft vorstellen, wer die Lausbuben und Hitzköpfe sind, die ihn nicht aus den Augen lassen, und wozu sie fähig sind, wenn er einmal nicht hinschaut. Die Unterstellung von Zivilisation rechnet mit dem Gegenteil. Ohne es der Mühe für wert zu halten, ihren Ausgangspunkt zu klären, setzt sie ein Kontrafaktum in die Welt und tut so, als handele es sich dabei um eine ganz natürliche Angelegenheit. Bereits die Erklärung, die der Gentleman für seinen Ausgangspunkt abgibt, falls er ungentlemanlike zur Rede gestellt wird, sieht ab von der Wirklichkeit und arbeitet stattdessen am Frieden des Hauses. Die Zivilisation, von der er ausgehe, sei die Zivilisation der Bürger, die um ihre Interessen wüßten, friedlich ihrer Arbeit und ihrem Handel nachgingen und ein Recht darauf hätten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Wer ihm diese Erklärung abnimmt, macht sich selbst zum Bürger und rechtfertigt die Unterstellung des Gentleman. Er läuft noch einmal und immer wieder in die Falle, die die Gentlemen einst dem Adel gestellt hatten, als sie ihnen Interessen als die spannenderen Leidenschaften schmackhaft machten und damit die destruktiven Leidenschaften der Ruhmsucht durch die harmlosen Leidenschaften des Erwerbstriebs ersetzten. (So die immer noch grandiose Beschreibung von Albert C. Hirschman, Leidenschaften und Interessen. Frankfurt: Suhrkamp 1980.)

Inzwischen haben die Ökonomen ihr Instrumentarium wesentlich verfeinert und können noch die scheinbar irrationalsten Verhaltensweisen der Ehepartnerwahl, der Diskriminierung auf Arbeitsmärkten, der Teilnahme an politischen Wahlen, des Verbrechens, ja sogar des Altruismus so überzeugend als Abgleich zwischen Präferenzen und Restriktionen beschreiben, daß ihnen dies sogar von Soziologen abgenommen wird (die hier vielleicht ihre letzte Chance erkennen, sich zu respektablen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft zumachen). (Vgl. Gary S. Becker, Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens. Tübingen: Mohr 1982; Hartmut Esser, Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt: Campus 1999.) Selbst der Tod, so Gary S. Becker, ist nur der Ausdruck mangelnder Investitionen in Maßnahmen der Lebensverlängerung. Aber der Universalismus des ökonomischen Ansatzes sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es Zeiten gab, in denen nach der Devise des Duc de Rohan nur von den »Interessen« behauptet werden konnte, daß sie »nicht lügen«. Alles andere in der Welt war unklar, Täuschung, sublunares Durcheinander, irritierendes Spiel der Leidenschaften, Zufall und Unfall. Als eine ganze Literatur von Choderlos de Laclos bis zum Marquis de Sade nach wies, daß die Devise »interest will not lie« auch auf dem Feld der Erotik gilt, sobald es gelingt, durch eine Kombination von Verunsicherung, Schmeichelei, Wettbewerbsdruck und gut plazierten Restriktionen das jeweilige Gegenüber in die Enge zu treiben, konnte dieses Wissen als eines Gentleman nicht würdig abgewiesen und mit Hilfe einer eigens dazu aufgerüsteten Moral wieder dissimuliert werden. (Siehe den bahnbrechenden Artikel von J. A.W. Gunn, »Interest Will Not Lie«. In: Journal of the History of Ideas, 1968, S. 551−564.) Auch damit hat es zu tun, daß die Verwandtschaft der Ökonomie mit der Klugheitslehre etwa eines Baltasar Gracián in Vergessenheit geraten konnte. Denn diese Klugheitslehre als Lehre »politischen« Verhaltens sprach eine Einsicht aus, die die Einfachheit der Devise von den nicht lügenden Interessen zu gefährden drohte: Es ist nicht das mit der integralen Identität und Authentizität des (bürgerlichen) Individuums verknüpfte und dieses begründende und absichernde Interesse, das nicht lügt, sondern es ist die Art und Weise, wie sich jedes Individuum in einem Feld voller Spannungen bewährt, in dem andere Individuen sich ebenfalls zu bewähren versuchen, die das Verhalten jedes einzelnen dieser Individuen berechenbar macht. Und dies gilt eben nicht nur für die Robinsonaden des wirtschaftenden Individuums, sondern für jedes Unternehmen, sei es am Hofe, im Kloster, im Betrieb, in der Familie, in der Schule oder auf dem Markt. Allerdings gilt diese Einsicht nur unter zwei Bedingungen. Die erste ist, daß die Berechenbarkeit nur Mitspielern erschließbar ist, nicht distanzierten Beobachtern. Denn nur der Mitspieler, der sich selbst riskieren muß, erhält aus der Beobachtung dieses Risikos die Informationen, die ihm eine Abschätzung des Verhaltens der anderen ermöglichen. Und die zweite Bedingung ist, daß der Mitspieler, um das Verhalten der anderen berechnen zu können, paradoxerweise von der Unberechenbarkeit dieses Verhaltens ausgehen muß. Andernfalls würde er sich blind machen für die Wahrnehmung und stumpf für die Interpretation der vielen Zeichen, die jeder einzelne gewollt und ungewollt in die Welt setzt, um sich und seine Erwartungen zu verbergen und offenzulegen. Das ist das bessere Wissen, das die Unterstellung der Zivilisation trägt. Es ist ein nur allzu genaues Wissen um das, was dazwischen kommen und nur in der Form des vorauseilenden und innehaltenden Nichtwissens in Rechnung gestellt werden kann. Dieses Wissen ist ein Weltwissen, das die chinesischen Weisen und Strategen auch nicht besser beherrschen. Sogar die Gleich-Gültigkeit, die in der chinesischen Philosophie als Inbegriff der Weisheit gilt, ist dieser Art von Ökonomie nur allzu vertraut. Diese Gleich-Gültigkeit betrifft jene Unterscheidung von Arm und Reich, die alle anderen in ihre Zange nimmt. Sie weiß, daß Arme reich werden können und Reiche arm und daß jedes Vermögen nur wert ist, wozu es auf launischen Märkten flüssig gemacht werden kann. Und daß die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, worauf bereits Hegel verwies, ist schon wieder Teil jenes besseren Wissens, das der Unterstellung der Zivilisation zwar widerspricht, ihr so aber auch ihr Profil und ihren Hintersinn gibt. Es ist bemerkenswert, daß alle Professionen der Gesellschaft gegenüber den Präferenzcodes der Gesellschaft – lieber reich als arm, lieber schön als häßlich, lieber glücklich als unglücklich, lieber gut als böse, lieber mächtig als ohnmächtig, lieber funktionierend als kaputt, lieber gesund als krank, lieber hilfreich als hilflos, lieber einen Prozeß odereinen Krieg gewinnen als ihn verlieren − letztlich ruhiges Blut bewahren. [WS, 19.09.2019] DennÖkonomen, Ästheten, Soziologen, Theo-logen, Politiker, Ingenieure, Mediziner,Sozialarbeiter, Juristen und Militärs wis-sen, daß sie über eine Situation und dasin ihr Mögliche nur aus beiden Werten,also auch aus dem anderen Wert, etwas


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