Juliheft 2002, Merkur # 639

Ökonomie. Eine Kolumne − Haben die Verschwörungstheoretiker recht?

von Dirk Baecker
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Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um die Beweislast für nahezu erdrückend zu halten. Wenn es den institutionell wichtigsten Spielern der amerikanischen Wirtschaft, den Investmentbanken der Wall Street im Verein mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem amerikanischen Finanzministerium, darum gegangen wäre, sich der sichtbar wachsenden Konkurrenz der ostasiatischen Wirtschaft zu erwehren, hätten sie nicht geschickter vorgehen können, als sie es in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts getan haben. Und das Instrument hätte perfider nicht sein können: Um die sogenannten Tigerstaaten Taiwan, Malaysia, Singapur und Korea in die Weltwirtschaft zu integrieren und möglichen Gefahren einer hausgemachten Krise zu begegnen, legte der IWF den Ländern nahe, ihre Kapitalmärkte zu öffnen, um auf diese Art und Weise Beweglichkeit beim Zugriff auf Kapitalressourcen zu gewinnen. Das Ergebnis war der Zustrom kurzfristigen Spekulationskapitals, das jedoch bei den ersten Anzeichen einer möglichen Krise wieder herausströmte und dank des verläßlichen Mechanismus der »self-fulfilling prophecy« damit die Krise auslöste, die andernfalls vielleicht noch hätte vermieden werden können. Daraufhin empfahl der IWF Zinserhöhungen sowie einen Sparkurs der öffentlichen Hand (als Zeichen einer soliden Wirtschaftspolitik), um das Kapital zur Rückkehr zu bewegen, und brachte die Länder damit in eine schwere Rezession, weil die Unternehmen nicht mehr investieren konnten und die keynesianisch begründbare Ersatznachfrage durch den Staat ausfiel. Im dritten Schritt empfahl der IWF den Verkauf der Unternehmen an ausländische Investoren, um sie nach allen Regeln modernen Managements sanieren zu können, obwohl es sich um genau die Firmen handelte, die in den Jahren zuvor mit zweistelligen Wachstumsraten ihre Managementkompetenz zweifelsfrei unter Beweis gestellt hatten. Dankenswerterweise übernahmen die Wall-Street-Banken, die durch den Abzug des Kapitals die Krise ausgelöst hatten, auch den Verkauf der Unternehmen. Innerhalb weniger Jahre konnte so eine überaus erfolgreiche und bedachtsame Wachstumspolitik in diesen Ländern zunichte gemacht werden. Joseph Stiglitz zitiert diese Verschwörungstheorie in seinem gerade erschienenen Buch Die Schatten der Globalisierung eine Theorie, an die er nicht glaube, obwohl es mit allen Tatsachen seine Richtigkeit habe. (Vgl. Joseph Stiglitz, Die Schatten der Globalisierung. Berlin: Siedler 2002.) Und er fügt hinzu, daß die Rolle des IWF in den Krisen Lateinamerikas in den achtziger Jahren und in der Transformation der sozialistischen Wirtschaft in eine kapitalistische Wirtschaft im Rußland der neunziger Jahre nicht anders beschrieben werden könne. Auch hier spielte sich alles so ab, als sorge sich ein Imperium um seine Weltherrschaft und setze diese gnadenlos durch, indem es junge, noch wacklige Volkswirtschaften den angeblichen, aber von diesen auch nicht befolgten Verfahrensstandards reifer Volkswirtschaften unterwirft und so abwürgt, was gerade eben sich anschickt zu entstehen. Die Globalisierungskritiker, wie sie ich in Seattle (Dezember 1999), Davos (April 2000), Washington (April 2000),Prag (September 2000), Nizza (Dezember 2000), Quebec (April 2001), Göteborg (Juni 2001) und schließlich in Genua (Juli 2001) bei Protesten gegen Tagungen der Welthandelsorganisation, des Weltwirtschaftsforums, der Weltbank, des Währungsfonds, der Europäischen Union und der Gruppe der Industrienationen bemerkbar gemacht haben, hätten recht. »Attac«, die »Association pour une Taxation des Transactions Financieres pour l’Aide aux Citoyens«, das von französischen Intellektuellen mitbegründete lose Netzwerk zur Forderung einer Besteuerung der Kapitalbewegungen, würde nichts anderes tun, als zwei und zwei zusammenzuzählen. (Vgl. Christiane Grefe u.a., attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Berlin: Rowohlt 2002.) Joseph Stiglitz muß es wissen. Er hatte unter Präsident Clinton den Vorsitz des amerikanischen Sachverständigenrats für Wirtschaft inne und war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank, bis er, vermutlich auf Anweisung des damaligen US-Finanzministers (und jetzigen Präsidenten der Harvard Universität) Lawrence Summers vorzeitig entlassen wurde. Man braucht nur zu lesen, wie sich der IWF und Finanzminister Robert Rubin, vorher Chef von Goldman Sachs, einer der größten Investmentbanken der Wall Street, 1997 mit Erfolg darum bemühten, die Gründung eines Asiatischen Währungsfonds zu verhindern, in dem Japan und nicht die USA die entscheidende Rolle gespielt hätte, um die Sachlage für eindeutig zu halten. Stiglitz spricht in diesem Fall von »naiven geopolitischen Überlegungen, Überresten einer Realpolitik im Stile Kissingers«, von der sich die amerikanischen Akteure unklugerweise hätten leiten lassen. Stiglitz hat es während seiner Arbeit im Sachverständigenrat und in der Weltbank nicht an Beschreibungen der Fehler der amerikanischen Politik und an Warnungen vor dramatischen Verschlimmerungen der wirtschaftlichen Lage in allen Ländern, die zum Opfer der IWF-Empfehlungen wurden, fehlen lassen.

Das vorliegende Buch ist ein beeindruckender Bericht seiner Erlebnisse und seiner Versuche, die wichtigsten Akteure auf die unzureichende ökonomische Begründung und entwicklungspolitische Verantwortungslosigkeit ihres Treibens hinzuweisen. Er verschweigt auch nicht, daß er in den betroffenen Ländern der Welt, die er wieder und wieder bereist hat, häufig auf einen ungleich höheren ökonomischen Sachverstand gestoßen sei als in den Institutionen, die sich anheischig machen, die entscheidenden Weichenstellungen einer Weltwirtschaftspolitik vorzunehmen. Vor allem wüßte man in den betroffenen Ländern, daß Unternehmen etwas mit konkreter Produktion, Märkten und Arbeitsplätzen, daß Banken etwas mit konkreter Information über Wirtschaftslagen und Wirtschaftsaussichten und daß Wirtschaftspolitik etwas mit klugen Interventionen durch den Staat zu tun hätten. Abstrakte Plädoyers für Kapitalbewegungen, freie Märkte, Privatisierung des Eigentums und Abbau aller (mit Ausnahme der westlichen, versteht sich) Handelshemmnisse würden hingegen nicht nur einer Ideologie der freien Wirtschaft frönen, die ökonomisch falsch und politisch gefährlich sei, sondern seien überdies blind gegenüber allem, worauf es bei einer wirtschaftlichen Entwicklung ankäme. Nicht einmal beim großen Sparkassendebakel in den USA in den achtziger Jahren habe man es so sehr auf die Vernichtung von in den Finanzinstituten gebündelter wirtschaftlicher Information ankommen lassen, wie sie der IWF im Rahmen der Neuordnung des Finanzwesens in Entwicklungsländern routinemäßig fordert und durchsetzt. [WS, 17.10.2019] In denentwickelten Industrieländern achteman immer darauf, daß gefährdete Ban-ken möglichst ohne großes Aufsehen mitihren Datenbeständen und mit demWissen ihrer Mitarbeiter (soweit manweiß, daß man es braucht) in neue Ban-ken eingebracht werden.Stiglitz hat im vergangenen Jahr zu-sammen mit George A. Akerlof (Berke-ley) und A. Michael Spence (Stanford)von der Königlichen Schwedischen Aka-demie der Wissenschaften den von derSchwedischen Reichsbank gestiftetenNobelpreis für die Wirtschaftswissen-schaft zuerkannt bekommen. Gewürdigtwürde damit, so hieß es in der Pressemit-teilung, »ihre Analyse von Märkten mitasymmetrischer Information«, so als gä-be es auch Märkte mit symmetrischer In-formation. Die Akademie ließ es zwarnicht an einer ausführlicheren Würdi-gung fehlen und an dem Hinweis darauf,daß die in den siebziger Jahren von denPreisträgern vorgelegten Arbeiten heute»der Kern der modernen Forschung überMärkte und Information« seien, dochgab es wohl selten einen Nobelpreis fürWirtschaft, dem geringere öffentlicheResonanz zuteil wurde, als fürchte man,einer der wichtigsten Autoritätsressour-cen verlustig zu gehen, die die Gesell-schaft seit ihrem Abenteuer der Indu-strialisierung begleitet.Am Beispiel von Joseph Stiglitz läßtsich trefflich studieren, wie sehr dieÖkonomie sowohl Ideologie als auchWissenschaft ist. Er selbst konstatiert,sein Konflikt mit dem IWF beruhe dar-auf, daß dieser die Ungewißheit des Wis-sens nicht anerkenne, während er es alsWissenschaftler laufend mit den Gren-zen des Wissens zu tun habe. Die ökono-mische Theorie in ihren keynesianischenwie in ihren monetaristischen Varianten,als Klassik wie als Neoklassik, alsGleichgewichtstheorie wie als Ungleich-gewichtstheorie, ist in den zwanzigerJahren des vorigen Jahrhunderts zu-nächst mit der Auseinandersetzung umdie Möglichkeit einer sozialistischenWirtschaft und dann im Gefolge der Ver-träge von Bretton Woods in den vierzi-ger und fünfziger Jahren so sehr zu einemExpertenwissen um die jeweils »richti-ge« Form der politischen Interventiongeworden, daß sich der Blick dafür, daßes sich bei dieser Wissenschaft um eineWissenschaft, das heißt um eine Kunst3 Siehe Joseph Stiglitz and the World Bank, The Rebel Within. London: Anthem Press 2001;sowie www.worldbank.org/knowledge/chiefecon/stiglitz.htm und www.globalpolicy.org/socecon/bwi-wto/wbank/stigindx.htm.


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