Juniheft 2001, Merkur # 626

Ökonomie. Eine Kolumne − Ironische Wirtschaftstheorie

von Dirk Baecker
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Ökonomen sind hintergründige Leute. Daß Thomas Carlyle die Ökonomie einst die »traurige Wissenschaft« genannt hat, hat weniger damit zu tun, daß Ökonomen nicht zu Scherzen aufgelegt sind, als damit, daß man über ihre Scherze nicht so recht zu lachen weiß. Carlyle hat vermutlich einen besonderen Sinn für diese Art von Humor gehabt, hat er es sich doch in seinem wunderbaren Buch Sartor Resartus (1833/34) nicht nehmen lassen, eine Philosophie der Kleider zu fordern, die in allen wesentlichen Hinsichten verblüffende Ähnlichkeiten mit der damals bereits bekannten Philosophie des Geistes und einer schon erahnbaren Philosophie der Gesellschaft aufweist. Einen der hintergründigsten Artikel der letzten Jahre haben Dhananjay K.Gode und Shyam Sunder veröffentlicht, die an den Business Schools der Universitäten von Rochester und von Yale lehren. Zwar muß man sich hier wie in vielen anderen Fällen ökonomischer Forschungsartikel durch eine Spezialistensprache hindurchfinden und sich mit einer Menge sehr spezieller Annahmen vertraut machen. Und nicht zuletzt muß man einen Sinn für die sogenannte experimentelle Ökonomie unter Einschluß von künstlicher Intelligenz entwickeln.

Aber das ändert nichts an der Eindeutigkeit des Resultats: Nicht in der Intelligenz der Händler liegt die Bedingung dafür, daß Märkte effizient funktionieren, sondern in einem geschickten Design dieser Märkte selbst. Wenn letzteres vorliegt, können tumbe Maschinen mit einem minimalen Reaktionsprogramm dieselben Leistungen bringen wie hochsensible Menschen (Vgl. Dhananjay K. Gode /Shyam Sunder, Allocative Efficiency of Markets with Zero-Intelligence Traders. In: Journal of Political Economy, Nr. 101, 1993, p.119−137). Solche Forschungsergebnisse bleiben auch in der Ökonomie nicht unstrittig. Dave Cliff vom MIT Artificial Intelligence Lab und Janet Bruten von der Agent Technology Group an den Hewlett Packard Laboratorien in Bristol widersprachen den beiden Professoren und zeigten, daß unter der Voraussetzung einer Asymmetrie zwischen Marktnachfrage und Marktangebot die Marktergebnisse menschlicher Händler erst dann erreicht werden, wenn man die »zero-intelligence traders« mit einer einfachen Lernregel ausstattet und auf diese Art und Weise zu »zero-intelligence-plustraders« macht (Vgl. Dave Cliff/ Janet Bruten, Zero Is Not Enough. http://hpl.hp.com/techreports/97/HPL-97-141.pdf). Man muß sich den Spaß, den diese Art von Forschung macht, auf der Zunge zergehen lassen. Mit Sicherheit ist nicht beabsichtigt, wirtschaftlich Handelnden ihre Intelligenz abzusprechen. Allenfalls möchte man sie provozieren, wie man ja auch umgekehrt als Ökonom immer wieder erleben muß, daß die Praktiker sich über die Wissenschaftler lustig machen. Tatsächlich haben wechselseitige Sticheleien einen höheren heuristischen Stellenwert, als man meinen sollte, wenn man sich nur am Ernst der Wahrheit der Wissenschaft orientiert. Vor allem in Amerika, wo niemand am Wert der Ökonomie zweifelt, ist es fast unmöglich, auf eine Diskussion unter Ökonomen zu stoßen, die nicht voller Ironie sowohl gegenüber dem Gegenstand dieses Faches als auch gegenüber den eigenen Forschungsergebnissen ist.


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Heft 639, Juli 2002