Januarheft 2003, Merkur # 645

Ökonomiekolumne. Die Wunschmaschine

von Dirk Baecker
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Eine der wichtigsten Erfolgsgeschichten der ökonomischen Theorie ist bis heute nicht geschrieben. Sie wird jedoch eines Tages geschrieben werden müssen, weil es von ihrer Reflexion abhängt, wie sehr es der Gesellschaft gelingt, ihrer Wirtschaft tragbare Grenzen zu stecken. Diese Erfolgsgeschichte der ökonomischen Theorie ist die Begründung der Betriebswirtschaftslehre durch Erich Gutenberg, einen Volkswirt. Bevor Gutenberg seine Habilitation im Jahre 1929 über Die Unternehmung als Gegenstand betriebswirtschaftlicher Theorie veröffentlicht und den hier begründeten Ansatz ab 1951 in den drei Bänden über Die Produktion, Der Absatz und Die Finanzen seiner in vielen Auflagen erschienenen Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre ausgearbeitet hatte, gab es die Betriebswirtschaftslehre nur als eine mehr oder minder handwerkliche, aber von Wissenschaftlern wie Eugen Schmalenbach und Erich Kosiol auch theoretisch reflektierte Lehre der Buchführung, Bilanzierung und Kostenrechnung. Erich Gutenberg begründete eine Betriebswirtschaftslehre, die zwar in ihrem systematischen Aufbau und in ihrer theoretischen Stringenz auf den deutschsprachigen Raum beschränkt blieb, jedoch heute durchaus als pars pro toto dessen gelten kann, was unter den Titeln der »sciences de gestion« oder der »management studies« auch andernorts gelehrt wird. Zwar hat man sich gerade in Frankreich nie ganz entschieden, die Betriebswirtschaftslehre aus den Verwaltungswissenschaften herauszulösen, und in England und Amerika nie darauf verzichtet, die Managementlehre eher »ad-hokratisch« (Richard Whitley) an den gerade dominanten Problemstellungen und den gerade verfügbaren »tools« zu deren Lösung zu orientieren. Selbst in Deutschland hat sich die vermutlich wichtigste akademische Vereinigung der Betriebswirte nicht nach Gutenberg, sondern nach Schmalenbach benannt. Aber das bedeutet nicht, daß Gutenbergs Theorie nicht genau den Punkt einer ökonomischen Betrachtung und Gestaltung des Betriebs getroffen hätte, der in allen Unternehmens-, Management-und Bilanzlehren zumindest implizit der in der Tat ausschlaggebende Punkt ist. Erich Gutenbergs grundlegende Entscheidung ist denkbar einfach und denkbar ingeniös. Sie besteht darin, die Unternehmensgründung in einem Spannungsverhältnis zwischen »bewußtem, schöpferischen Akt des Menschen« auf der einen Seite und der »betriebswirtschaftlichen Theorie« auf der anderen Seite zu verankern, zwischen einem heroischen, von Gutenberg durchaus als »irrational« verstandenen Entschluß eines Menschen einerseits und der kühlen und »rationalen« Errechnung der Konsequenzen dieses Entschlusses andererseits. Damit war die Paradoxie − früher hätte man gesagt: das Wesen – der bürgerlichen Existenz auf den Punkt gebracht und zur Grundlage einer ebenso akademischen wie praktischen Disziplin gemacht. Zur Theorie wird diese Entscheidung Gutenbergs jedoch erst dadurch, daß Gutenberg genau wußte, welchen Preis er zahlen muß, um die Paradoxie arbeitsfähig zu machen. Denn abgesehen davon, daß die Paradoxie, solange sie nicht als solche beschrieben wird, die Konstruktion undurchschaubar macht, braucht Gutenberg einen Ort, an dem sie immer wieder neu ausgetragen werden kann, ohne je aufgelöst werden zu können. In der gegenwärtigen Theoriesprache würde man sagen, daß es ihm gelang, das kapitalistische Prinzip »selbst ähnlich« in jedem einzelnen Betrieb, der sich an betriebswirtschaftliche Vorgaben hält, abzubilden und so zu verankern. Der Preis, den Gutenberg sehenden Auges für seine »Theorie des Betriebs« zahlte, war die Theorie der Organisation. Inmitten der von ihm begründeten Betriebswirtschaftslehre sitzt ein blinder Fleck. Lassen wir Gutenberg selber zu Wort kommen. Die Entscheidung, die seine Theorie und damit die Betriebswirtschaftslehre und damit eine beispiellose Erfolgsgeschichte des kapitalistischen Unternehmens auf den Weg bringt, formuliert er in seiner Habilitation wie folgt: »Die Unternehmung als Objekt betriebswirtschaftlicher Theorie kann also (Gutenberg führt Komplexitätsgründe an) nicht unmittelbar die empirische Unternehmung sein. Es muß für sie die Annahme gemacht werden, daß die Organisation der Unternehmung vollkommen funktioniert. Durch diese Annahme wird die Organisation als Quelle eigener Probleme ausgeschaltet und soweit aus ihrer wissenschaftlich und praktisch bedeutsamen Stellung entfernt, daß aus ihr keine Schwierigkeiten mehr für die theoretischen Gedankengänge entstehen können. Die Annahme einer solchen eingestimmten, den reibungslosen Vollzug der betriebswirtschaftlichen Grundprozesse gewährleistenden Organisation bedeutet nicht eine Negation, sondern lediglich eine Neutralisierung der Probleme der Organisation. Gerade aus der hier weiter vorzutreibenden Einstellung heraus wird sich eine Fülle von Argumenten für die wissenschaftliche Bevorzugung organisatorischer Fragen ergeben. Jedoch soll nunmehr der Blick von der Organisation fortgenommen und unmittelbar auf die Unternehmung als Objekt betriebswirtschaftlicher Theorie gelenkt werden.« Als hätte Gutenberg sich an Edmund Husserls Einsicht in die bewußtseinsnotwendige Leistung der Epoche orientiert, klammert er die Organisation des Betriebs nicht aus, sondern ein. Er negiert sie nicht, sondern er neutralisiert sie. Erklärt erst anderes und kommt dann auf sie als Mittel zum Zweck zurück. Gutenbergs Theorie des Betriebs funktioniert auf der Grundlage einer Ausblendung nicht der Organisation, sondern einer möglichen Theorie der Organisation, um auf dieser Grundlage die Organisation als Mittel zum Zweck, als »Betrieb«, postulieren, beschreiben und dann auch nutzen zu können. Interessanterweise wird diese Einklammerung in der Betriebswirtschaftslehre bis heute nicht diskutiert. Ebenso wie Husserls Bewußtsein gründet die Betriebswirtschaftslehre als Theorie in einer gewissen »Urteilsenthaltung, die sich mit der unerschütterten und ev. unerschütterlichen, weil evidenten Überzeugung von der Wahrheit verträgt« (Husserl). Der Ausgangspunkt der Betriebswirtschaftslehre ist die Wirtschaft, nicht die Organisation. Vom »Betrieb« ist die Rede, weil und indem die Organisation »bewirtschaftet« wird, wohl wissend und immer wieder neu beschreibend, daß die Organisation nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern gesellschaftliches Terrain der Machtentfaltung, politisches Zugeständnis der Beschaffung von Arbeitsplätzen, Tummelfeld sozialpsychologischer Dynamiken, Labor der Erprobung technologischer Neuerungen und Instrument der Disziplinierung individuellen Ehrgeizes. Gutenbergs Theorie des Betriebs ist das Ergebnis einer Problemsetzung, die als Problemverschiebung funktioniert. [WS, 17.10.2019] Das Problem des Betriebs wird nicht inder Organisation gesehen, sondern eswird in der wirtschaftlichen Umwelt desBetriebs gesehen, auf die dieser Betriebvon Betriebswirten hinfort bezogenwird. Abgesichert durch den von nie-mandem zu bezweifelnden Begleitge-danken, daß ein Betrieb nach Kriterientechnischer Effizienz einzurichten undzu kontrollieren ist, unterwerfen die Be-triebswirte den Betrieb zusätzlich denKriterien wirtschaftlicher Effektivität.Nur am Unterschied zwischen den bei-

den Worten der »Effizienz« und der »Ef-fektivität« merkt man, daß letztere einezusätzliche Reflexionsschleife enthält,das heißt, sich anheischig macht, die Ef-fizienz der Effizienz einem ökonomi-schen Kalkül zu unterwerfen. Deswegengibt es trotz aller Bemühungen der Inge-nieurwissenschaften, man denke hierzu-lande an die fruchtbare Arbeit der Fraun-hofer Institute, keine Betriebstechnik-lehre, sondern nur eine Betriebswirt-schaftslehre.An die Stelle einer Theorie der Orga-nisation tritt eine Theorie der Wirt-schaft, angewendet auf die Organisation.Darin besteht Gutenbergs Geniestreich.Er allein zog die Konsequenzen daraus,daß jede schon vor ihm bestehende Lehreder Buchführung, Bilanzierung und Ko-stenrechnung in genau diesem Sinne in-nerhalb der Organisation Gesichtspunk-te zum Tragen brachte, die sich aus derenArbeit, Produkt und Gewinnstreben al-leine noch nicht ergaben. Er allein warauf den Spuren von Werner Sombart undJoseph Alois Schumpeter Kapitalismus-theoretiker genug, um zu wissen, daß derTrick der doppelten Buchführung - je-ner extrem artifiziellen Regel, alle Po-sten innerhalb des Betriebs zweimal, ein-mal als Soll und einmal als Haben zu ver-buchen - darin besteht, den Betrieb unoactu aus der Wirtschaft auszukoppelnund auf die Wirtschaft zu beziehen.Heute wird dies nicht mehr reflek-tiert. Heute herrscht sogar unter Be-triebswirten die gängige Verwechslungder Betriebe mit der Wirtschaft vor. Fi-guren wie Sombarts »Fremden«, Schum-peters »Hamlet« und Gutenbergs »irra-tionalen dispositiven Faktor«, die diesemerkwürdige Trennung als Form desBezugs auf den Punkt gebracht haben,sucht man heute vergeblich. SogarRonald H. Coases großartige Formulie-rung, daß Unternehmen der Preis sind,den das Preissystem (die Wirtschaft) be-zahlen muß, um funktionieren zu kön-nen, die sogar eine neue Theorie, dieTheorie der Transaktionskosten, begrün-det hat, wird weder von den Volkswir-ten, die sie denken müßten, noch von


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