Aprilheft 1965, Merkur # 205

Politik und Verbrechen: ein Briefwechsel. Rezension: Hans Magnus Enzensberger: Politik und Verbrechen

von Hannah Arendt
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Vom »Merkur« um eine Besprechung des Buches »Politik und Verbrechen« von Hans Magnus Enzensberger (Suhrkamp 1964) gebeten, antwortete Hannah Arendt mit dem folgenden Brief. Sein Inhalt schien uns, auch abgesehen von einer Veröffentlichung, darauf zu verpflichten, Autor und Kritikerin zu einem direkten Briefwechsel aufzufordern. So ergab sich eine Verbindung von persönlichem Bekenntnis und kritischer Klärung der Begriffe, wie sie heutzutage von keiner Rezension, auch keiner auf Öffentlichkeit bedachten und von ihrem Echo mitbestimmten Diskussion mehr erreicht wird. Zwei Haltungen zu den wichtigsten moralischen Fragen unserer Tage polarisieren einander derart, daß jenseits der herkömmlichen ideologischen Antithesen Verschiedenheit wie Versöhnbarkeit zweier Grundauffassungen von Politik und Geschichte stellvertretend aufleuchten. Umso dankbarer ist der »Merkur«, daß die Partner des Briefdialogs gestatteten, der Öffentlichkeit davon Kenntnis zu geben.

New York, Ende 1964

Ich habe das Buch mit ausgesprochenem Vergnügen gelesen; ich kannte nur die im Merkur-Heft erschienene Reportage über den Mord des italienischen Mädchens, die mir auch schon sehr gut gefiel. Enzensberger hat einen ausgesprochenen Sinn für das Konkrete und das bedeutende Detail. Was er will, alte Geschichten neu erzählen, ist gut und wichtig. Es gelingt ihm oft, z. B. die Geschichte der russischen Terroristen. Das Schwächste in dem Buch sind die politischen Analysen oder Folgerungen. Von diesen wieder ist der letzte Essay über Verrat ganz ausgezeichnet. Daß aber Auschwitz »die Wurzeln aller bisherigen Politik bloßgelegt« habe, kann er doch selbst nicht gut glauben. Hat Herr Hitler Pericles widerlegt? Hat Auschwitz die Wurzeln der athenischen Polis bloßgelegt? Dies klingt wie eine rhetorische Phrase, ist es aber vermutlich nicht bei diesem so außerordentlich begabten und ehrlichen Autor. Enzensberger hat in seiner Verwendung des Details vor allem, auch stilistisch, bei Benjamin gelernt — ich meine gelernt, nicht etwa nachgemacht! Das hat große Vorteile, kann aber auch zu gefährlichen Mißverständnissen führen. Ein anderes Beispiel ist die facile, schon von Brecht begonnene Interpretation oder Gleichsetzung von Verbrechen, Geschäft und Politik. Die Verbrechen des 3. Reiches sind keine Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches, und die Gangster von Chikago, die sich inmitten der Gesellschaft ansiedeln, sind nicht die Vorgänger der Nazis. Sie verlassen sich, wenn auch nicht ausschließlich, immer noch auf den Schutz, den diese Gesellschaft auch dem Verbrecher zuspricht, und sie haben weder die Absicht noch wirklich ein Interesse daran, die Macht zu ergreifen. Die Nazis gerade waren keine Geschäftsleute, also geht die Gleichsetzung von Geschäft und Verbrechen vielleicht auf, ist aber unpolitisch: nämlich weder Al Capone noch der respektable Geschäftsmann sind politisch. Dies sind Irrtümer, die sehr verständlich sind, wenn man vom Marxismus kommt, vor allem in seiner Ausprägung und Umgestaltung durch Brecht und Benjamin. Aber zum Verständnis politischer Vorgänge trägt es nichts bei. Im Gegenteil, es ist nur eine hoch kultivierte Form des Escapismus: Auschwitz hat die Wurzeln aller Politik bloßgelegt, das ist wie: das ganze Menschengeschlecht ist schuldig. Und wo alle schuldig sind, hat keiner Schuld. Gerade das Spezifische und Partikulare ist wieder in der Sauce des Allgemeinen untergegangen. Wenn ein Deutscher das schreibt, ist es bedenklich. Es heißt: nicht unsere Väter, sondern alle Menschen haben das Unglück angerichtet. Was einfach nicht wahr ist. Außerdem, und gerade in Deutschland verbreitet und gefährlich: wenn Auschwitz die Konsequenz aller Politik ist, dann müssen wir ja noch dankbar sein, daß endlich einer die Konsequenzen gezogen hat. Oh, Felix Culpal All dies, um zu erklären, daß ich das Buch nach einigem Hin und Her doch nicht besprechen werde. Es würde mir zu viel Mühe machen, das ganz Ausgezeichnete von dem Verfehlten zu scheiden. Unterhalten würde ich mich gern mit E. Er sollte überhaupt einmal hierher kommen. Das Unverständnis der Deutschen, aber nicht nur der Deutschen, für angelsächsische Traditionen und amerikanische Wirklichkeit ist eine alte Geschichte. Kuriert kann sie nur werden durch Augenschein, nicht durch Lesen.

Tjöme, Norwegen, den 24. 1. 1965

Sehr verehrte Frau Arendt, seit vielen Jahren beschäftigen mich, seit vielen Jahren helfen mir Ihre Gedanken; ich bin Ihnen also viel Dank schuldig; umso mehr, wenn einige dieser Gedanken nun an die meinen oder gegen sie gewendet werden. Bitte erlauben Sie mir deshalb ein paar Zeilen der Antwort.

Die Irrtümer, derer Sie mich zeihen, sind von verschiedenem Gewicht. Soweit sie, in Ihren Augen, auf dem Marxismus beruhen, möchte ich sie auf sich beruhen lassen. Wir gehen da von verschiedenen Prämissen aus und kommen zu verschiedenen Resultaten. Sie halten, zum Beispiel, dafür, daß die »soziale Frage« mit politischen Mitteln nicht lösbar ist; dem Elend, der Armut und der Ausbeutung wäre - so steht es in Ihrem Aufsatz über Krieg und Revolution! — Herr zu werden durch Technologie und allein durch sie. Und mit einer »manchmal fast beängstigenden Geschwindigkeit« sei »wahr geworden«, was in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vor zweihundert Jahren proklamiert wurde, die Forderung nämlich, daß alle Völker » unter den Mächten der Erde unabhängigen und gleichen Rang erlangen werden«.

Ich sehe aber die Völker Afrikas, Südasiens und des lateinischen Amerikas ihre Geschicke nicht selber lenken; Unabhängigkeit und gleichen Rang genießen sie nur beim Protokoll der Staatsbesuche; ich sehe Milliarden von Menschen, die gleichzeitig mit uns leben, aus politischen Gründen dem Elend, der Armut und der Ausbeutung überantwortet; und ich schließe aus alledem, daß es mir nicht leicht werden wird, meine Irrtümer, soweit der Marxismus an ihnen schuld ist, zu berichtigen. Sie trennen mich von Ihnen, aber diese Trennung ist erträglich; denn es liegt ihr kein Mißverständnis zugrunde, und sie führt nicht dazu, daß der eine vom andern moralisch verurteilt wird.

Schwerer fällt jedes Wort ins Gewicht, das Sie mir über Auschwitz sagen und über alle Gedanken, die daran sich knüpfen. Die Vorstellung, daß Sie bei Ihrem Urteil blieben, kann ich nicht ertragen. Dieses Urteil stützt sich auf den Satz, Auschwitz habe die Wurzeln aller bisherigen Politik bloßgelegt. Sie deuten diesen Satz als eine Ausflucht, als eine »Form des Escapismus«. Dagegen will und muß ich mich wehren.

Ich beginne mit der Schlußfolgerung, die Sie mir nahelegen: »Wenn Auschwitz die Konsequenz aller Politik ist, dann müssen wir ja noch dankbar sein, daß endlich einer die Konsequenzen gezogen hat«. Dieser Satz nimmt es weder mit der Gerechtigkeit, noch mit der Logik genau. Er ist moralisch unvereinbar mit allem, was ich geschrieben habe, und er hat keinen logischen Sinn. Die äußerste Konsequenz aus der Entwicklung der nuklearen Geräte wäre die Ausrottung des Lebens auf der Erde. Wer dies feststellt, dem sollte niemand mit der Antwort begegnen, wir müßten dankbar dafür sein, wenn endlich einer diese Konsequenz zöge.


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