Oktoberheft 1959, Merkur # 140

Polnisches Schrifttum in dieser Zeit

von Werner Helwig
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Das slawische Erzählertum hat in einigen seiner bedeutenden Repräsentanten eine bukolische Naivität hervorgebracht, die aus der jahrhundertelangen mündlichen Erzählertradition des Ostens stammt. Auf dem Umweg über höchste literarisch-intellektuelle Bewußtheit wurde sie wieder angestrebt und feierte dort Triumphe, wo ihr das entscheidend gelang. Das gilt zum Teil auch für die polnische Dichtung unserer Zeit. Reymonts »Bauern« z.B. stammen eindeutig aus dem Geist jenes gesamtslawischen Bemühens, die bezaubernd schwermütige Heiterkeit der mündlichen Volkserzählung in die Unverkennbarkeit eines literarischen Stils zu übertragen. Die Absicht dieses Bemühens ist, mit dem gelesenen Wort ähnliche Wirkungen zu erzielen wie mit dem gehörten und in einer gleichsam intimen Korrespondenz mit dem Leserjenen liebenswürdig-brüderlichen Geist als innere Stimme redend zu machen, den wir als den Geist der slawischen Völker begreifen. Dieser Geist, kurz umschrieben, möchte sich als ein solcher deuten lassen, der das Leben und seine Bürden geduldig und mit feinem, manchmal auch grobem Humor hinnimmt, begütigt und zu verschönen trachtet. Das vorausgesetzt, wird uns ein Buch zum Ereignis, welches der kürzlich »abgesprungene« polnische Dichter Czeslaw Milosz (geb. 1905) unter dem Titel »Tal der Issa« (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1957) vorlegt. Von Maryla Reifenberg übertragen, wahrt es in deutscher Sprache durchaus jenen Charme des Slawisch-Bukolischen. Doch scheint es substantiell bereichert und − wenn man so sagen darf − höher gebunden am literarischen Spalier durch die Kenntnis modernen westlichen Schrifttums, einschließlich einer höchst wachen, philosophisch gearteten Intelligenz, wie sie sich in dem früheren Buch des Autors kundtat, das den warnenden Titel trägt: »Verführtes Denken«. Zweifellos ist »Tal der Issa« als Autobiographie zu verstehen. Der Knabe Thomas, der darin geschildert ist, trägt den Identitätsnachweis gleichsam in sich, indem er mit genauesten Wahrnehmungen bereits das große Thema des Denkers Milosz sichtbar macht: die Gefahren, die das Leben der Menschen bedrohen, wenn aus Meinungen, Ansichten und momentanen Überzeugungen Ideologien, sozusagen summarische Heilsanweisungen entstehen. Das bleibt durchaus nicht im Hintergrund des Berichteten.

Der Knabe Thomas wächst und reift im Gezeitenrhythmus eines kleinen Gutsbetriebes seiner Heimat heran, eben im Tal der Issa, an der Grenze zwischen Polen und Litauen. Und in die Herrlichkeiten seines bukolischen Daseins senken sich die eisigen Schatten jener politischen Bewegung, die das Herz entmachtete. Als typisches literarisches Ereignis der neunziger Jahre bewegt sich der Ramses-Roman »Der Pharao« (Otto Walter, Olten 1956) des polnischen Schriftstellers Boleslav Prus (gestorben 1912) auf der erzählerischen Ebene der Felix Dahn und Georg Ebers. Die Empfehlung, in dieser so professoralen Auftürmung stark antiquierter Ägyptologie ein Gleichnis des ringenden Polen aus den Tagen der russischen Oberherrschaft zu suchen, macht uns das trockene Gericht dieser Prosa nicht saftiger. Und es als »Weltliteratur« in eine Reihe gestellt zu sehen mit Dostojewskijs »Der Idiot« vermehrt billigerweise unsere Bedenken, indem es uns die wahre Vergleichungsmöglichkeit von selbst in die Hand spielt. Ein wenig, so scheint uns, waren hier gewaltsam herbei gezerrte Aktualitätsbeflissenheit und literarische Ratlosigkeit mitbeteiligt; denn das einzige Werk, das in diesem Sinne niveaugleich gewesen wäre, nämlich Reymonts »Polnische Bauern«, erschien zum gleichen Zeitpunkt in einer ganz vorzüglichen Ausgabe im Diederichs Verlag. Mit W. St. Reymont − er starb 1925 in verfallen, ist zweifellos mit einigem Recht als das große Ereignis der polnischen Tauwetterperiode zu bezeichnen. Ein Umstand, dem heute aus propagandistischen Gründen bei uns so ziemlich jedes polnische Erzähl- oder Bühnenwerk gutgeschrieben wird, das auch nur annähernd liberalistische Tendenzen aufweist. − Ob Brandys sich solchen verpflichtet fühlt, gibt er nicht genau zu erkennen. Er überläßt es, ganz im Sinne seines großen Vorbildes Leskow, dem Leser, seine Schlüsse zu ziehen. »Die Muiter der Könige« (Kiepenheuer &Witsch, Köln 1959) − ein ausgezeichneter Titel, der seinen morosen Humor erst verrät, wenn man den Roman gelesen hat − ist eine Arbeiterwitwe namens König, die ihre liebe Not mit ihren vier Söhnen hat. In jedem dieser Söhne tritt ein anderer Typus des polnischen Gegenwartsmenschen hervor. Vom Idealisten bis zum Zyniker, vom schuldlos Büßenden bis zum schuldigen Freien ist ein generationumfassendes Zeitbild gegeben, darin, wie nicht anders zu erwarten, die finsteren Töne überwiegen. Als eine den Polen selbst besonders teure Gestalt, den emigrierten ebenso wie den verbliebenen, möchten wir Marja Dabrowska (geb. 1892) erwähnen. In der deutschen Ausgabe ihres wichtigsten und gewichtigsten Romans »Nächte und Tage« (Stahlberg, Karlsruhe 1958) ist sie, man weiß nicht weshalb, zu Maria Dombrowska geworden. Ihre literarische Herkunft ist ohne Abstrich auf Reymont zurückzuführen. Hier ist das polnische Beispiel einer »Herrenhofsaga« mit denkbarstem Charme, mitmenschlicher Wärme und slawisch weicher Einfühlung ausgeführt. Wir wollen diese großen, meist überreich mit Charakteren dotierten Epen (in Deutschlandwäre Eduard von Keyserling ihr vornehmster und bedeutendster Vertreter) als Abgesänge einer untergehenden Daseinsform werten. Der Gutsherr, der in seiner Person den Aristokraten mit dem Menschen, die hohen Eigenschaften mit der Zwangslage, den Mut mit der Vorsicht vereinen und zur Wirkung bringen muß, ist eine Gestalt, die in ihrer Art der Denn auch die jüngste der echten Hoffnungen polnischen Schrifttumes lebt im Exil. [WS, 25.09.2019] Wir meinen den 24jährigenMarek Hlasko, dessen Erzählungen ihnals einen polnischen „angry young man“von erheblicher Begabung ausweisen(„Der achte Tag der Woche. Erzählun-gen.“ Kiepenheuer & Witsch, Köln1958). Was bei ihm auffällt, ist eine un-geheure Verdrossenheit, eine wütendeMelancholie, ein tiefes Hadern mit denGegebenheiten des Moments. Wir kennenden Ton oder wähnen wenigstens ihn zukennen, indem wir, bescheiden und vor-sichtig zugleich, immer wieder in Abzugbringen, des Polnischen nicht mächtigund ganz auf das „Klima“ der Übertra-Im Vergleich zu den beiden vorange-gangenen Jahren — dem stürmischen1956 und dem immer noch rebellischen1957 — wirkt das geistige Leben Polens1958 und in der ersten Hälfte 1959 ruhigund abgeklärt. Zwar wird in den literari-schen Zeitschriften immer noch vieldiskutiert, aber die Themen, über dieman streitet, sind nicht mehr lebensnah,oft ganz und gar sophistisch und für dieMehrzahl der Leser uninteressant. (DieAuflagen dieser Zeitschriften, die vorzwei Jahren in die Zehntausende gingen,sind daher rapid zurückgegangen.) DieNeuerscheinungen auf dem Bücher-markt zeigen, daß man keine Experi-mente mehr macht. Es sind eher Werkedes Beharrens und des halb resigniertenAbwartens als des leidenschaftlichenund hoffnungsvollen Suchens, die jetztin Polen erscheinen. Vor den brennendenProblemen der Gegenwart flüchten sichdie Autoren in die Vergangenheit oderauf Seitenpfade des Lebens. Einigeschweigen ganz.Die Erklärung, auf die Dauer ermüdedie sogenannte schwarze Literatur, magstimmen, aber man hat es in Polen nichtdazu kommen lassen: die Regierung hatnachgeholfen. Wie der Schriftsteller-kongreß, der im Dezember 1958 in Bres-lau stattfand, feststellte, sind im Laufedes letzten Jahres rund 30 Werke polni-gung angewiesen zu sein, um uns einUrteil zu bilden. Den spanischen Ver-gleichsfall hätten wir in diesem Falle inder Persönlichkeit Juan Goytisolos, denalgerischen — vielleicht — in derjenigenKateb Yaeines. Auch in Schweden undbesonders in England tritt dieser Typushervor und möchte uns zu der Annahmeverleiten, daß wir bereits eine globaleLiteraturströmung zu beobachten hät-ten, darin sich eine „universale“ Ver-trauenslosigkeit über die gewohntenUfer zu erheben trachtet. Es scheint dasLebensgefühl solcher zu sein, die sich alsGeprellte empfinden. Geprellt um dieZukunft, die— so muß es ihnen vorkom-men — hinter uns liegt. Werner Helwigscher Autoren von der Zensur beschlag-nahmt worden. Der Kongreß prote-stierte in einer Resolution an Partei undRegierung gegen diese Maßnahmen, diedie Entwicklung der polnischen Kunsthemmen. „Die Zensur ist ungesetzlich!Sie ist in der Verfassung Volkspolensnicht vorgesehen!“ rief einer der Rednerleidenschaftlich von der Tribüne desSchriftstellerkongresses aus.Die These, daß nur das Positive, dasNützliche, in gewissen Zeiten das Rechtbeanspruchen könne, gedruckt zu wer-den, fand bei den Versammelten inBreslau keinen Anklang. Wer entschei-det darüber, was nützlich ist? lautete dieGegenfrage. Um das Verbotene ent-stünde sofort eine Legende, und daskönne unter Umständen noch weniger„nützlich“ sein. „Schwarze Literatur“,so erläuterte der Vorsitzende des Polni-schen Schriftstellerverbandes AntoniSlonimski, „ist eine Literatur, die dievolle Wahrheit über unsere Wirklichkeitsagt.“ Wie diese Wahrheit auch sei, eswäre unklug, sie zu unterdrücken, be-tonte der Kongreß.Weder die Resolution des Schrift-stellerkongresses gegen die Zensur, nochein ausführlicher Bericht über die Ta-gung erschienen in den polnischen Zei-tungen. Hingegen druckte das Partei-organ „Trybuna Ludu“ vierzehn Tage


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