Augustheft 1957, Merkur # 114

Porträt eines Kunstverlegers

von Werner Helwig
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Ende des Jahres 1944 wurde man in Paris, Genf und Zürich in Erstaunen versetzt durch ein äußerst kühnes Plakat, das an den Litfaßsäulen alle übrigen Reklamebemühungen wirksam übertönte. Es stellte eine weiße unregelmäßige Spirale auf schwarzem Grunde dar und warb für eine Kunstzeitung „Labyrinthe“ — „Journal mensuel des Lettres et des Arts“. Wer war es, der in diesen von Entsetzen gezeichneten letzten Kriegsmonaten der Kunst den Vortritt erkämpfen wollte? Der Directeur-Administrateur (wie er sich selber nannte) der ehemaligen Haus-Zeitschrift der Surrealisten, Albert Skira. Vom „Minotaure“ (1933) zum „Labyrinthe“ (1944): welche Entwicklungen! Die schockierendsten Albträume der Bunuel, Dali, Max Ernst durch die politischen und kriegerischen Ereignisse verwirklicht und übertroffen! Der Surrealismus als unbewußte Voraussage der Selbstzerfleischung Europas! Der Minotaurus wanderte aus gen Osten, wo er heute noch residiert; uns blieb das Labyrinth, leer, gähnend — die Frage nach dem Sinn. Und wieder tritt Albert Skira auf den Plan und versucht sie von der Kunst her zu beantworten. Nicht etwa nur von der modernen her; jetzt nimmt er die ganze Kunst zusammen, ordnet sie in seinem (surrealistisch geschulten) Sinne und bietet sie uns dar, von der Steinzeit bis zur Gegenwart, in überaus farbenfreudigen Bänden. Etwas gelang ihm dabei: er schuf einen neuen Typus Kunstbuch. Seit Jahrhunderten sind das Rechteck des Bühnenraumes und das Rechteck des Gemäldes einander ähnlich. Wahrscheinlich ist es eine beziehungsvolle Ähnlichkeit. Sie entspricht der geometrischen Raumaufteilung, der wir uns unterworfen haben, seit wir aus den runden Höhlen in das kubische Haus übersiedelten. Skira schuf das neue, das modische Kunstbuch, ein kantiges Quartformat, und erfand damit eine der optischen Neugier des Betrachters besonders entgegenkommende Buchform.


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