Septemberheft 2006, Merkur # 689

Post aus Ozeanien

von Gustav Seibt
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Einzige Bedingung der Teilnahme an der deutsch-ozeanischen Journalistenbegegnung in Berlin, die von der Internetseite www.muschelsucher.de organisiert und von der Bundeskulturstiftung finanziert wurde, war es, daß jeder der Teilnehmer einen möglichst spontanen und unmittelbaren Bericht von seinen Eindrücken verfassen und in seiner Heimat publizieren sollte. Diese mal tagebuchartig, mal essayistisch angelegten Darstellungen der Kollegen aus Neuseeland, Australien, Neuguinea, den Philippinen und anderen Ländern des Pazifischen Ozeans werden allesamt in deutscher Übersetzung auf die Seite des Muschelsuchers gestellt, aber auch von der Bundeskulturstiftung als Computerinstallation in den Ausstellungsräumen des Bundestages im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus präsentiert, wo die Besucher sie sich, wie es heißt, kritisch aneignen und sie kommentieren können. (Der Dank des Verfassers gilt den immer hilfsbereiten Mitarbeitern des Deutschen Bundestages, darunter vor allem Andreas Kaernbach. Die Abgeordneten Katrin Göring-Eckart, Monika Grütters und Johannes Kahrs haben unkompliziert Einblicke in ihren Alltag gewährt.) Die Ausstellung der Reportagen in einer Galerie solle auf den »Konstruktcharakter auch der journalistischen Sprache« hinweisen, wurde uns gesagt, und so auch einen »verfremdenden Blick auf den fremden Blick« erlauben. Ob das ernst gemeint ist oder nur die Verwendung von Mitteln aus dem Kulturhaushalt für eine Reise von Nichtkünstlern nach Deutschland rechtfertigen sollte, vermag ich nicht zu sagen; ich würde mich aber freuen, wenn diese meine Frage zumindest in der Installation stehen bleiben könnte. Jedenfalls bin ich glücklich und stolz, daß ich dabei sein durfte und immerhin für ein paar berauschende Tage endlich Deutschland, das Land meiner Vorfahren, kennenlernen konnte. Mein Herkunftsland sind nämlich die Nördlichen Marianen, eine von den Portugiesen im 16. Jahrhundert entdeckte und von den Spaniern im 17. eroberte Inselgruppe zwischen Japan und Guam, die 1899 nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von Spanien ans Deutsche Reich verkauft wurde. Für fast zwei Jahrzehnte regierte eine deutsche Verwaltung unser kleines Inselreich! Sie hinterließ nur wenige Spuren, darunter aber immerhin ein paar Familien, in denen sich die Kenntnis der deutschen Sprache vererbt hat. Die Marianen wurden den Deutschen 1918 weggenommen, sie gingen zuerst an Japan, dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, an die Uno, in Wirklichkeit aber an die Vereinigten Staaten. Seit 1978 sind wir halb selbständig, wählen uns Repräsentantenhaus, Senat und Gouverneur selbst, bezahlen mit Dollars, aber unser Staatsoberhaupt ist nach wie vor der Mann in Washington, den wir allerdings nicht mitwählen dürfen. Wir sind eins der allerkleinsten Länder der Welt − 477 Quadratkilometer und achtzigtausend Einwohner −, ein zum Äquator senkrechter Streifen von winzigen Inseln, verloren in den Weiten des Ozeans; wir leben von amerikanischen Touristen, die Bevölkerung ist überwiegend polynesisch, kaum jemand bei uns spricht ausschließlich Englisch. Meine Zweitsprache ist das Deutsche, denn ich stamme von einem deutschen Kaufmann ab, der 1905 auf die Hauptinsel Saipan kam, eine Eingeborene heiratete und nach 1918 dort blieb. Mein Urgroßvater stammte aus Schlesien und hatte kurz nach der Jahrhundertwende im Kartoffelhandel pleite gemacht. Auf Saipan, wo er einen Kolonialwaren-Export-Import aufbaute, war er erfolgreicher. Er und sein Sohn verlegten sich später auf die Hotellerie. Noch heute gehört einem meiner Cousins das erste Haus am Platz in Saipan. Ich arbeite seit zwanzig Jahren bei den Dazy News in Saipan, wo wir heute wenig mehr zu tun haben, als die Weltnachrichten aus dem Internet zu kopieren und ein paar lokale Geschichten anzuhängen. Doch mein Metier ist das Reportagefach. Ich schreibe dies alles so ausführlich auf, weil unsere deutschen Gastgeber, vor allem Yves Troches vom Muschelsucher, uns ausdrücklich aufgefordert haben, unseren persönlichen Hintergrund aufscheinen zu lassen, damit die deutschen Leser den Brechungswinkel der jeweiligen Linse für den »fremden Blick« kennenlernen können. Liebe deutsche Leser, hier spricht also eine Art Landsmann zu Euch, allerdings einer, der ein bißchen aus Raum und Zeit gefallen ist. Vom heutigen Deutschland wußte ich vor unserer Reise fast gar nichts − ja, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung hatten auch uns erreicht −, aber ich habe ein paar ältere deutsche Bücher herumstehen, sogar Geschichtsbücher und Gedichtbände. Unser ganzer Stolz ist eine Seekriegsflagge des Deutschen Reiches, die heute in der Lobby unseres Hotels die Blicke auf sich zieht. Ich kann verstehen, was die Leute auf der Straße reden, das war die freudigste Überraschung auf unserer Journalistenreise. Wegen dieser im Pazifischen Ozean unüblichen Sprachkenntnisse wurde ich noch im Flugzeug von Singapur nach Frankfurt zum Sprecher unserer fünfzehnköpfigen Journalistengruppe gewählt. So war ich es, der bei unserem Empfang im Kanzleramt Frau Merkel die Hand schütteln durfte. Was für ein Abenteuer! Doch der Reihe nach. Von Frankfurt wurden wir in einem Hochgeschwindigkeitszug innerhalb von drei Stunden nach Berlin geschossen, durch ein erstaunlich grünes Land, hinter dessen Hügeln immer wieder Fernsehtürme und lange Reihen weißer Windräder auftauchten. Ich erkannte diese sanften Landschaften wieder aus einer Jugendstilausgabe von Grimms Märchen, die sich bei uns daheim erhalten hat, aber die vielen Windräder ließen die verzauberten Gegenden aussehen wie den Schauplatz eines Spielberg-Films mit Außerirdischen. Der Berliner Hauptbahnhof, an dem wir ausstiegen, war erst wenige Wochen zuvor eröffnet worden, so berichtete es uns Yves Troches, der uns fortan begleitete und dafür sorgte, daß wir unseren vollgepackten Terminplan einhielten. In Wahrheit ist der Berliner Hauptbahnhof ein riesiges mehrstöckiges Kaufhaus aus Glas, durch das ein paar Bahngleise führen. Enorme Menschenmassen wälzten sich an Jeans- und Sportläden, Presseshops − wie viele Zeitungen Europa hat! −, Supermärkten und vor allem Imbissen vorüber. Es gibt deutsche Bratwürste, aber auch Sushi, eine Austernbar mit Champagner, Fish-und-Chips-Läden, Burger-Stationen, Nahrung in allen Variationen. Vor dem Bahnhof tritt man ans Ufer der Spree und umfaßt mit einem Blick das Regierungsviertel, den Amtssitz der Kanzlerin, das Parlament, seine Büros, die Pressekonferenz. Mein Gott, ist das riesig, war immer wieder mein Gedanke, das ist ja wie eine Welthauptstadt! Über uns spannte sich ein seidiger Sommerhimmel, und das mag dazu beigetragen haben, daß ich mich zunächst gar nicht in Deutschland glaubte, sondern in einem südlichen, womöglich arabischen Land.

Das Kanzleramt mit seinen gewaltigen kreisförmigen Fassadenöffnungen erinnerte viele von uns an moderne orientalische Architektur, wie sie in reichen Ölstaaten entsteht. Der Eindruck des Überdimensionalen wurde vielleicht auch durch ein Paar enormer silberfarbiger Fußballschuhe hervorgerufen, die auf einer grünen Wiese vor der Gartenmauer des Kanzleramts herumlagen und die bestimmt doppelt so hoch wie ein Mensch waren. Wo ist der Riese, der sie sich gerade abgestreift hat, fragte man sich unwillkürlich, zerstampft er schon die Stadt? Nein, sie lag im morgendlichen Sonnenglanz da und ein gleichförmiges Brausen des Jubels hing über ihr. Vor dem Bahnhof und auf der Brücke über die Spree stauten sich Tausende Menschen in bunten Sportkleidern. Am Ufer war eine Bühne errichtet worden, wo zu dröhnender Musik eine Tanzgruppe der Deutschen Bahn Fußballbekleidung vorführte. Die Besucher, die über die Brücke strömten, trugen die Hautfarben aller Kontinente, und das verstärkte bei mir die vorübergehende Suggestion, im Zentrum eines Weltreichs angekommen zu sein. In einem fröhlichen Weltreich übrigens. Die Menschen schwenkten Fahnen, deutsche und andere; und an den Masten flatterten weitere Fahnen, auf denen man lachende Bälle sah und den Spruch »Die Welt zu Gast bei Freunden«. Mir wurde, man möge es mir verzeihen, erst in diesem Augenblick bewußt, daß gerade die Fußballweltmeisterschaft begonnen hatte − Deutschland war Gastgeber, und das Ereignis hatte auch das Zentrum der Hauptstadt in Beschlag genommen. Wir gingen zu Fuß zum Kanzleramt auf grünem, von Skulpturen verschönertem Rasen, auf dem Wassersprenger durch die Hitze surrten. Der Besuch bei der Kanzlerin ging ähnlich blitzartig vor sich wie die Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin. Der Eingangsbereich des Kanzleramts ist kühl und still und sieht aus wie eine Bahnhofshalle, nur fehlen die Einkaufspassagen. Allerdings vergegenwärtigten ein paar Stellwände und Schaukästen die ruhmreiche Fußballgeschichte Deutschlands. Wir wurden vorbei an grellen Gemälden zu runden Aufzügen geleitet, die uns nach oben katapultierten. Dort öffnete sich ein kleines Amphitheater, auf dessen Stufen wir ozeanischen Journalisten uns niederließen und sogleich Erfrischungen und Fingerfood gereicht bekamen. Die Kanzlerin hatte genau acht Minuten Zeit für uns, und da die Hälfte davon durch die Übersetzung verbraucht wurde, konnte sie nicht viel mehr als guten Tag sagen und nach links und rechts lächeln. Selbstverständlich hing sie an den straffen Schnüren eines Terminkalenders, wie man an den mahnenden Zeichen erkannte, die ihr von Mitarbeiterinnen aus dem Hintergrund gesandt wurden. Wie von Zauberhand waren gleich nach ihrem Rückzug ins Büro auch die Tabletts und die Gläser verschwunden, und wir standen wieder allein in der Weite des Gebäudes, das wir schnurstracks zu verlassen hatten.

Auf dem Weg, der uns nun zum Reichstagsgebäude führte, erklärte uns Yves, daß der sehr saure Wein, den wir gereicht bekommen hatten, von der Saale stamme, also aus einer Gegend, die einmal zur DDR gehört hatte – ein Tribut an die Herkunft der Kanzlerin. Diese Weine könnten dort bald nicht mehr angebaut werden, wegen der globalen Klimaerwärmung, die schon jetzt die Rieslingtraube vom Rhein hoch nach Norden vertreibe. Bald werde der traditionelle deutsche Wein von französischen Reben verdrängt werden. Er schien das zu bedauern, und um ihn zu trösten, sagte ich, wenn das mit der Erderwärmung stimme und das Abschmelzen der Polkappen die Weltmeere ansteigen lasse, dann würden die Inseln meiner Heimat samt und sonders im Ozean verschwinden. Das imposante alte Gebäude des Reichstags, in dem heute wieder ein gesamtdeutsches Parlament tagt, war von Ferne kaum zu erkennen, weil man davor vorübergehend ein Stadion mit einem Großbildschirm für die Über-tragung von Fußballspielen errichtet hatte, die sogenannte Bundestagsarena. Und dahinter stand eine verkleinerte Plastikkopie der gläsernen neuen Kuppel des Reichstags, die als »Forum der Demokratie« offenbar Reklame für den Staat und seine Verfassung machte. Wir hatten keine Zeit für diese von Menschenmengen umspülten Orte, denn unser nächster Termin führte uns direkt in den Deutschen Bundestag. Dort erwartete uns ein freundlicher junger Herr, der »Kunstbeauftragte des Deutschen Bundestages«. [WS, 14.09.2019] Das deutsche Parlament hat einen Kunstbe-auftragten! Ich fürchte, viele von unserer pazifischen Gruppe waren gar nichtausreichend vorgebildet, um über diese Tatsache gebührend staunen zu kön-nen. Er betreut die gar nicht so kleine Sammlung vor allem von Kunst des20. Jahrhunderts, die das deutsche Parlament besitzt, und in Zusammenar-beit mit dem Kunstbeirat, der dem Präsidenten des Parlaments zugeordnetist, verwaltet er einen Etat von 150000 Euro im Jahr, womit auch Ankäufegetätigt werden. Besonders viel zu tun hat der Kunstbeauftragte jeweils amBeginn einer Legislaturperiode, denn da muß er die neuen Abgeordneten beider Ausstattung ihrer Büros mit Kunstwerken beraten. Sie können sich et-was aussuchen aus der Sammlung, die, wie gesagt, eher keine holländischenStilleben oder romantischen Landschaftsgemälde enthält als vielmehr mo-nochrome weiße Preßgraphiken von Günther Uecker (einem der berühmte-sten deutschen Künstler unserer Zeit) oder Drahtbilder oder abstrakte Foto-kunst. Nicht jeder Volksvertreter aus dem Schwarzwald oder vom Ostsee-strand sei von Haus aus Experte für zeitgenössische Kunst. So habe seineArbeit, beziehungsweise seine » Artothek«, auch eine »kunstpädagogische«Wirkung auf viele Abgeordnete, erklärte uns der Kunstbeauftragte mitfreundlichem Lächeln. »But are they happy?« fragte jemand aus dem Hinter-grund. Es habe sich noch keiner beschwert, erwidert der Kunstbeauftragteknapp.


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