Oktoberheft 1960, Merkur # 152

Aus dem Italienischen Pitaval: Der Montesi-Prozess I

von Hans Magnus Enzensberger
Ihnen stehen 17% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Dies ist die Geschichte vom ertrunkenen Mädchen. Es ist eine Geschichte. »Tang und Algen hielten sich an ihr ein / sodaß sie langsam viel schwerer ward / Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein / Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.« Mit diesen Worten erzählt sie Bertolt Brecht in seiner Ballade »Vom ertrunkenen Mädchen«. Es ist die Geschichte Ophelias, die Geschichte von Woyzecks Marie, der Heldinnen von Reinhold Lenz und Chales Baudelaire, die Geschichte eines uralten Unglücks, das im Wasser endet. (Diesem Versuch liegen Berichte zahlreicher italienischer Zeitungen und Zeitschriften aus den Jahren 1953−1957 zugrunde. Der Verfasser dankt Maria Luisa Lucarini für ihre freundliche Hilfe bei der Beschaffung dieses weit verstreuten Materials, das an Hand einer Arbeit von Wayland Young über den Montesi-Fall überprüft und ergänzt worden ist, vgl. Wayland Young, The Montesi Scandal. London 1957.)

Aber die Justiz kennt keine Archetypen; sie kennt nur Präzedenzfälle. »Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, / und die beringten Hände auf der Flut / wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten / des großen Urwalds, der im Wasser ruht.« Die Justiz kennt keine Zitate. Sie fragt: Unfall, Selbstmord oder Verbrechen? Sie nimmt nicht das alte Thema der Dichter, sie nimmt die Personalien auf. Hier sind sie: Name: Wilma Montesi, wohnhaft in Rom, Via Tagliamento Nr. 76, Alter: einundzwanzig Jahre, Familienstand: ledig, Haarfarbe: dunkelbraun, Augenfarbe: braun, Gesicht: oval, Figur: mittelgroß, besondere Kennzeichen: keine. In dem Augenblick, da ein ahnungsloser Landgendarm diese Angaben in sein Notizbuch kritzelt, ist aus der Ballade von der Ertrunkenen ein Fall geworden: der Fall Montesi.

Doch dieser Fall hat sich in einem Land ereignet, von dessen wahrem Wesen wir wenig wissen, so gut wir es auch zu kennen glauben: in Italien. Seine Gesetzbücher sind den unsern ähnlich. Aber die Gerechtigkeit lebt nicht nur in ihnen. Sie lebt in dem, was ungeschrieben im Herzen eines Volkes haust. Wenn bei uns zu Lande ein Verbrechen geschieht, melden es die Zeitungen. Es gibt Prozesse, welche die Öffentlichkeit erregen. Sie werden mit großer Spannung verfolgt. Die Sensation verfehlt ihre Wirkung nicht. Aber die Findung der Wahrheit, die Erhebung der Anklage, das Fällen des Urteils wird denen überlassen, deren Amt dies ist: der Polizei, der Staatsanwaltschaft, den Verteidigern, dem Gericht. Die Gesellschaft hat sich mit der Arbeitsteilung abgefunden, der sie ihr Dasein verdankt. Die Gerechtigkeit ist zu einer Sache von Spezialisten geworden, die für sie zuständig sind. Der Angeklagte ist der schlechthin Andere. Das einzige, was uns mit ihm verbindet, ist unsre Neugier. Wir betrachten ihn wie durch die Gitterstäbe des Käfigs ein fremdes Tier. Zwischen ihm und uns erheben sich die eisernen Schranken der Justiz. Wir haben nichts mit ihm zu schaffen. Wir nehmen keine Rache an ihm, wir sprechen ihn nicht los von seiner Schuld. Nicht uns selber, noch unsern Feind erkennen wir in ihm. Wir haben Kriminalräte und Gerichtspräsidenten eingesetzt: mögen sie mit ihm fertig werden. Es ist unsre Sache nicht länger.

Im Vergleich dazu ist in Italien die Gerechtigkeit unteilbar; sie zu üben ein elementares Recht, auf das kein Bürger des Landes verzichten kann. Tief gehen die Wurzeln des Interesses, mit dem er dem Verbrechen begegnet. Im Verbrecher und seiner Tat tritt jedermann entgegen, wessen er selber fähig ist oder fähig sein könnte, in ihm zeigt sich unverhüllt einem jeden, was er zu sein wünschte und was er verworfen hat. Deshalb ist jeder Italiener eingeborener Richter, und er kann diese Würde nie wieder ablegen, weil er das Tuch nicht zerschneiden kann zwischen sich und dem Mann auf der Anklagebank, mit dem er zutiefst einverstanden ist oder den er haßt als einen, der ihn selbst von innen her bedroht. Die Justiz gilt dem italienischen Volk nur als eine Handlangerin seines eigenen Urteils. Deshalb mißtraut es ihr, wie man eben dem eigenen Diener mißtraut: man ist kritisch gegen seine Handlungen, man gibt sich nie ganz in seine Hand. Ja, man verschweigt ihm manches, wovon man glaubt, es tauge nicht für seine Ohren. Die Justiz ist ein Helfer, aber auch ein ewiger Gegenspieler, vor dem man sich hüten muß. Versteht sie denn mehr von der Gerechtigkeit als jeder einzelne Bürger? Handelt sie nicht blind? Neigt sie nicht dazu, das Recht an sich zu reißen, als wäre es ihr Eigentum? Wem dient sie? Ist sie am Ende ein Instrument der Herrschenden, der Mächtigen und Reichen?

Das ist eine Einstellung zur Rechtsprechung, die uns fremd ist. Ihre Mängel sind klar, und sie werden in diesem Bericht nur allzu deutlich zutage treten. Aber ehe wir sie verurteilen, bedenken wir ihre Vorzüge! Nie wäre in Italien möglich gewesen, was bei uns ein Jahrzehnt lang an der Tagesordnung war: die Beugung des Rechtes als System, das Unrecht als Prinzip einer Justiz, die den Machthabern dienstbar war und ihre Verbrechen deckte. Wir haben die Ausübung der Gerechtigkeit delegiert und verlassen uns auf die, denen wir sie anvertraut haben. Wenn sie uns im Stich lassen, sind wir wehrlos, ja gleichgültig. Es ist nicht mehr unsere Sache, was in den Gerichtssälen geschieht. Wir haben unsere Hände gewaschen. Erinnern wir uns an das Ende der faschistischen Herrschaft in Deutschland und in Italien! Bei uns vergingen Jahre, bis das kleinliche und lächerliche Verfahren der sogenannten Entnazifizierung, von den Siegern befohlen, mühsam abgewickelt war, und die Prozesse gegen die großen Verbrecher dauern, unter den lauen Blicken der Öffentlichkeit, bis heute an. In Italien hielt das befreite Volk spontan Gericht über seine Schinder und sprach sein Urteil in einem einzigen Akt historischer Gerechtigkeit, der blutig und schrecklich war, der aber das Land mit einem Schlag gereinigt und den Alptraum von ihm genommen hat. Wer nicht darin umkam, war begnadigt: denn die Gerechtigkeit dieses Volkes kennt auch die Großmut, die im Rechte liegt.

Der Fall des ertrunkenen Mädchens, von dem hier berichtet wird, weist über sich selbst hinaus. Wie jeder große Kriminalfall aus dem italienischen Pitaval wird er nicht hingenommen als das, was er scheint: ein Vorfall von den dunklen Rändern des Alltags. Das Faktum steht für mehr ein, als es selber ist: es bedeutet etwas. Da das Verbrechen von allen beurteilt werden muß, da es alle angeht und betrifft, ist es nicht möglich, von ihm abzusehen, es auf sich beruhen zu lassen als ein Privatum, die Tat eines Einzelnen, mit dem keiner etwas zu schaffen hätte. Es gleicht einer Chiffre, die, aufgelöst, etwas über das Ganze verrät, über die Gesellschaft, in der es geschah. In der Erforschung des Verbrechens erforscht sich die Gesellschaft selbst: daher die ungeheure Anteilnahme, mit der ein großer »Fall« in Italien von Arbeitern und Intellektuellen, von Städtern und Bauern, Armen und Reichen verfolgt wird. Sie alle versuchen in ihm etwas zu entziffern, was zu ihrem eigenen Geschick gehört. Wie bei jedem großen Verbrechen, welches das Land bewegt, sitzt auch im Fall Montesi, im Fall des ertrunkenen Mädchens, beim »Prozeß des Jahrhunderts«, Italien über sich selbst zu Gericht.

  1. April 1953, fünf Uhr nachmittags

In der Via Tagliamento, im Nordosten von Rom, heult eine Fabriksirene. Aus den kleinen Werkstätten und Bauplätzen strömen die Arbeiter. Auch die Spengler, die im Keller der großen Mietskaserne, Hausnummer 76, arbeiten, gehen nach Hause. Ein paar Minuten später verläßt ein junges Mädchen das Haus, in dem es wohnt. Sie grüßt niemand, wird aber von der Concierge gesehen. Sie war allein zu Hause gewesen: der Vater, ein Schreiner, war in seiner Werkstatt, die Mutter und die Schwester im Kino. Gegen neun Uhr beginnt sich die Familie ernsthafte Sorgen zu machen. Verwandte werden angerufen. Die Mutter läuft zur Pförtnersloge herunter und ruft weinend: »Sie haben mir mein Kind umgebracht!« Gegen elf Uhr sucht der Onkel des Mädchens, Giuseppe, mit seinem Auto die Unfallstationen und Krankenhäuser, ja sogar die Ufer des Tiber ab. Die Polizei wird verständigt. Zwei Tage lang bleibt die Familie ohne jede Nachricht über den Verbleib der Tochter.


Weitere Artikel von Hans Magnus Enzensberger