Juniheft 1969, Merkur # 254

Quod Licet Jovi … (I). Reflexionen über den Dichter Bertolt Brecht und sein Verhältnis zur Politik

von Hannah Arendt
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I

Im Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, flüchtete Brecht aus Deutschland und ließ sich Ende des Jahres für acht Jahre in Dänemark nieder. Im Jahre 1941, mitten im Krieg, aber noch vor dem deutschen Angriff auf Rußland, floh Brecht mit seiner Familie über Finnland, Moskau und Wladiwostok nach Amerika; in Hollywood, nahe dem »Markt, wo Lügen gekauft werden«, reihte er sich »hoffnungsvoll ... ein zwischen die Verkäufer«. Dies war nicht leicht; unbekannt außerhalb deutschsprachiger Länder mußte er gleichsam wieder von vorn anfangen − »Die alten Wege muß ich wieder gehen/ Die glatt geschliffenen durch den Tritt der Hoffnungslosen! Schon gehend, weiß ich jetzt noch nicht: zu wem? Wohin ich komme hör ich: Spell your name! Ach, dieser »name« gehörte zu den großen!« Diese Zeilen sind bemerkenswert, nicht wegen der darin geschilderten Situation, sondern weil sie die einzigen im Werke Brechts sind, aus denen eine Spur von dem in der Emigration so verbreiteten Mitleid mit sich selbst und dem persönlichen Schicksal spricht. Er blieb sieben Jahre, und im letzten kam es zu einer Aufführung des »Galilei«, den der Schauspieler Charles Laughton, der die Hauptrolle spielte, mit Brecht zusammen übersetzt hatte; aber das Stück wurde nach wenigen Aufführungen abgesetzt, und Brecht selbst, der kurz zuvor nach Washington vor den Ausschuß »on Un-American Activities« zitiert worden war, hatte das Land bereits verlassen. Er ging nach Zürich, wo er zwei Jahre vergeblich versuchte, die damals noch notwendige Genehmigung der militärischen Besatzungsbehörden für die Niederlassung in der Bundesrepublik zu erhalten. Als Ostberlin ihm die Leitung eines eigenen Theaters anbot, ging er − nachdem er sich einen tschechischen Paß (der bald gegen einen österreichischen eingetauscht werden sollte), ein Schweizer Bankkonto und einen westdeutschen Verleger besorgt hatte. Er war ein kluger und vorsichtiger Mann. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, in Rußland um Asyl zu bitten, und die nun sich bietende Gelegenheit, die stalinistische Variante totaler Herrschaft aus nächster Nähe kennenzulernen, hat ihm offenbar einige Besorgnis eingeflößt. Er starb im August 1956, wenige Monate vor dem Ausbruch der ungarischen Revolution. Seither hat sich sein Ruhm über die ganze zivilisierte Welt verbreitet, und es gibt wohl kaum noch ein Land, in dem er seinen Namen zu buchstabieren hätte. Von den zweit-, dritt- und viertklassigen Literaten, die ihm seiner politischen Gesinnung wegen auch die dichterischen und dramatischen Qualitäten aberkennen zu dürfen glaubten, ist nicht mehr viel zu hören. Das heißt aber nicht, daß man Brechts politische Biographie einfach auf sich beruhen lassen dürfte − schließlich läßt sich das sehr fragwürdige Verhältnis von Dichtung und Politik nicht gut an der Masse »engagierter« Scribenten, sondern einzig an dem Fall eines wirklichen Dichters exemplifizieren.

Es heißt nur, daß nun, da sein Ruhm gesichert ist, man es wagen kann, gewisse Fragen aufzuwerfen, ohne mißverstanden zu werden. Dabei braucht uns allerdings die Tatsache, daß Brecht an der kommunistischen Ideologie mit einem oft das Groteske streifenden, doktrinären Eigensinn festhielt, kaum zu beunruhigen. Worauf es hier allein ankommt, hat er selbst in einem während des Krieges geschriebenen, aber erst kürzlich veröffentlichten Gedicht gesagt, das an die deutschen Dichter unter Hitler gerichtet ist: »Hütet euch, ihr Die ihr den Hitler besingt! Ich weiß, Daß er bald sterben wird und sterbend Seinen Ruhm überlebt haben wird, aber Selbst wenn er die Erde unbewohnbar achte, indem er sie Eroberte, könnte kein Lied Ihn besingend, bestehn. Freilich erstirbt Allzu rasch der Schmerzensschrei auch ganzer Kontinente, als daß er das Loblied Des Peinigers ersticken könnte. Freilich Haben auch die Besinger der Untat Wohllautende Stimmen. Und doch Gilt der Gesang des sterbenden Schwanes am schönsten: er Singt ohne Furcht.«

Brecht hat recht und unrecht. Gewiß hat kein Gedicht zum Preise Hitlers oder des Hitler-Krieges seinen Tod überlebt − das einzige Kriegslied, das bestehen wird, ist Brechts Ballade vom »Kinderkreuzzug 1939« −, aber dies doch wohl auch vor allem darum, weil eben die »Besinger der Untat wohllautende Stimmen« nicht hatten. War dies wirklich nur ein Zufall des Talents? Andrerseits muß man doch wohl sagen, daß Brechts eigene Stimme in diesen Versen an seine Dichterkollegen wohllautend genug klingt. Warum hat er sie denn zu Lebzeiten nicht veröffentlicht? Er hat sonst von der Veröffentlichung nur sehr persönliche Verse oder offenbar mißlungene Gedichte zurückgehalten. Sollte ihm nicht vielleicht aufgefallen sein, wie leicht ein simpler Namenstausch die Anklage zur Selbstanklage machen konnte?

Zwar fehlen in der Gesamtausgabe seiner Werke die Lobpreisungen Stalins, aber er wußte doch, daß er sie geschrieben und veröffentlicht hatte. Und in diesen Versen ist von »wohllautender Stimme« keine Rede, woraus man schließen darf, daß er wußte, was er tat. Man braucht nicht einmal zu schließen. Er selbst schrieb zu gleicher Zeit: »Heute nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und Sie waren gebrochen. Unwissende? schrie ich Schuldbewußt.« Über Dichter zu reden ist immer eine mißliche Sache. Dichter sind dazu da, zitiert zu werden, und was man über sie zu schreiben weiß, erübrigt sich meist. So jedenfalls stellt sich die Sache für diejenigen dar, die weder Kritiker noch Literaturhistoriker sind. Und da die Stimme der Dichter uns alle angeht, da wir in unserem privaten und öffentlichen Leben auf sie rechnen und ihnen vertrauen, werden die Leute vom Fach es sich schon gefallen lassen müssen, wenn unsereins mitredet; und die Dichter, ob sie nun über politische Gegenstände schreiben oder nicht, werden es sich auch gefallen lassen müssen, von Bürgern als Bürger beurteilt zu werden. Das liegt natürlich besonders nahe, wenn politische Stellungnahmen und Bindungen eine so entscheidend wichtige Rolle in Leben und Werk eines Autors gespielt haben, wie es bei Brecht der Fall ist. Nun ist ja bekannt, daß die Dichter, von denen die Geschichte zu berichten weiß, nur sehr selten auch über die eigentlichen Bürgertugenden verfügten. Es hat schon sehr früh erheblichen Ärger mit ihnen gegeben, und Plato, in dessen Werken auf fast jeder Seite noch der große Dichter durch die Problematik des Philosophen spricht, war keineswegs der erste, sich gegen sie zu wenden. Unter unseren Zeitgenossen brauchen wir uns nur an den Fall Ezra Pound zu erinnern. Die Regierung der Vereinigten Staaten beschloß, darauf zu verzichten, ihn des Landesverrats, dessen er sich zweifellos während des zweiten Weltkrieges schuldig gemacht hatte, anzuklagen, weil er sich auf »geistige Unzurechnungsfähigkeit« berufen konnte; woraufhin ein Ausschuß von Dichtern genau das tat, was die Regierung unterlassen hatte, nämlich den Fall öffentlich zu entscheiden. Das Ergebnis war der Preis von 1948 für die schönsten Gedichte des Jahres in englischer Sprache. Der Dichterausschuß stieß sich weder an der faschistischen Gesinnung noch an der Verrücktheit; sie ging der Dichter an, an dem Verhalten des Bürgers waren die Preisrichter nicht interessiert. Und da sie selbst Dichter waren, mögen sie wohl mit Goethe gedacht haben: »Dichtersündgen nicht schwer«; man soll ihre Sünden nicht zu ernst nehmen, man kann mit ihnen nicht rechten wie mit anderen Menschen.

Goethes Zeile allerdings meint andere, nichtpolitische Sünden, von denen auch Brecht gelegentlich spricht, wenn er z.B. seinen Frauen erklärt: »In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.« Daß er nur selten widerstehen konnte, die unwillkommensten Wahrheiten zu sagen, gehörte zu Brechts großen Tugenden; und er wußte natürlich genau, daß Frauen an ihren Männern nichts mehr schätzen als die Verläßlichkeit, die wiederum genau das ist, wovon Dichter am wenigsten zu bieten haben. Sie können sich diese Tugend der gravitas nicht leisten, weil es gerade die Schwerkraft ist, gegen die sie ihren Flug wagen. Sie können sich nicht binden, und man darf ihnen nicht so viel Verantwortung im Täglichen zumuten wie anderen Menschen. Brecht wußte auf seine Weise darüber sehr genau Bescheid. In einem Gespräch mit Benjamin sagte er: »Ich denke oft an ein Tribunal, vor dem ich vernommen werden würde. »Wie ist das? Ist es Ihnen eigentlich ernst?« Ich müßte dann anerkennen: ganz ernst ist es mir nicht. Ich denke ja auch zu viel an Artistisches, an das, was dem Theater zugute kommt, als daß es mir ganz ernst sein könnte. Aber wenn ich diese wichtige Frage verneint habe, so werde ich eine noch wichtigere Behauptung anschließen: daß mein Verhalten nämlich erlaubt ist.« Und zur Erläuterung der Vorstellung von Dichtern, denen es ganz ernst ist, geht er von der Fiktion aus, Konfuzius habe eine Tragödie oder Lenin habe einen Roman geschrieben: »Nehmen wir an, Sie lesen einen ausgezeichneten politischen Roman und erfahren nachher, daß er von Lenin ist, Sie würden Ihre Meinung über beide ändern, und zuungunsten beider. Konfuzius dürfte auch kein Stück von Euripides schreiben, man hätte das als unwürdig angesehen. Nicht aber sind das seine Gleichnisse.«


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