Juniheft 1989, Merkur # 484

Ranulph Glanville und der Thermostat. Zum Verständnis von Kybernetik und Konfusion

von Dirk Baecker
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Alles sieht so aus wie echt verstanden, ergriffen und gesprochen und ist es im Grunde doch nicht, oder es sieht nicht so aus und ist es im Grunde doch. Martin Heidegger, Kontrolle

Im Jahr 1948 veröffentlichte Norbert Wiener sein Buch Cybernetics. The Science of Control and Communication in the Animal and the Machine. Die Kybernetik wurde als Kontrollwissenschaft gestartet, die auf das Konzept der Kommunikation zunächst nur zurückzugreifen schien, um sich vorstellen zu können, wie Befehle übertragen werden. Aber was verstand man unter Kontrolle? Eine umstandslos wirkende Befehlsgewalt oder unmittelbar eingreifende Korrekturtechnik konnte ja gerade nicht gemeint sein, weil die Phänomene, mit denen es die Kybernetik zu tun hat, als kausal unabhängig von einer Steuerungsinstanz gedacht wurden. Die Kybernetik wurde als eine Lehre von der Steuerung entworfen, in der der Steuermann alles andere als ein allmächtiger Herrscher über die Geschicke seines Gefährts ist. Und dennoch gelingt es ihm, sein Ruder so zu führen, daß er sein Ziel nicht vollständig verfehlt. Alles, was er dabei wissen muß, ist zweierlei: erstens muß er Steuerungsirrtümer erkennen können und zweitens muß er wissen, wie er diese Irrtümer korrigieren kann. Man muß im Auge behalten, daß es die Sturmflut der europäischen Totalitarismen war, worauf die Kybernetiker eine Antwort suchten.

Der englische Kybernetiker Ranulph Glanville macht darauf aufmerksam, daß der Kontrollbegriff wesentlich subtiler ist, als es zunächst den Anschein hat (Ranulph Glanville, Objekte. Berlin: Merve 1988). Tatsächlich enthält er bereits alle Ingredienzen, die die eher technologisch orientierte Kybernetik erster Ordnung in eine mit dem Eigensinn der Phänomene rechnende Kybernetik zweiter Ordnung umzubauen erlauben. Glanville wählt gerne das Beispiel des Thermostats, um dies deutlich zu machen. Der Thermostat ist ein Kontrollsystem, das die Aufgabe hat, eine gewünschte und vorab festgelegte Temperatur aufrechtzuerhalten. Glanville unterstreicht, daß es das gesamte System ist, das thermostatisch ist, und nicht etwa nur der Schalter an der Wand. Das System besteht aus einer Wärmequelle (Heizung), einer Wärmeabfuhr (die Kälte außerhalb des zu heizenden Raumes), einem Fühler (Thermometer), einem Komparator und einem Schalter. Fühler, Komparator und Schalter sitzen meist zusammen in einem Kasten. Üblich ist es, Fühler und Komparator mechanisch so zu koppeln, daß der Fühler Abweichungen von der gewünschten Temperatur unmittelbar an den Schalter, der das Heizungsventil betätigt, weitergeben kann. Das Thermometer (der Fühler) mißt die Temperatur des Raumes und immer, wenn die Temperatur eine bestimmte gewünschte Temperatur übersteigt − dies setzt eine Möglichkeit des laufenden Vergleichs der tatsächlichen mit der gewünschten Temperatur voraus −, wird die Wärmezufuhr gedrosselt. Sinkt die tatsächliche Temperatur unter die Schwelle der gewünschten Temperatur, wird die Wärmezufuhr gesteigert. Das Resultat ist keine konstante Raumtemperatur, sondern ein Pendeln der Raumtemperatur mit kleinen Schwankungen um die gewünschte Temperatur − Stabilität mit Hilfe eines dynamischen Gleichgewichts, oder genauer: mit Hilfe einer ständigen Korrektur von Ungleichgewichten.

Interessant ist nun die Frage, welche Elemente in diesem thermostatischen System die kontrollierenden und welche die kontrollierten Elemente sind. Normalerweise würden wir annehmen, daß die Heizung, also die Wärmequelle, von dem Fühler und dem Schalter kontrolliert wird. Letztlich scheint der Schalter das kontrollierende, die Heizung das kontrollierte Element dieses Systems zu sein. Denn der Schalter entscheidet, ob die Heizung brennt oder nicht. Schaut man jedoch genauer hin, dann entdeckt man, daß der Schalter seinerseits nur dann die Heizung einschaltet, wenn die Raumtemperatur unter die gewünschte Temperatur sinkt. Die Raumtemperatur wiederum wird von der Heizung bestimmt. Dann ist es letztlich die Heizung, die, vermittelt über die Raumtemperatur, entscheidet, wann und wie der Schalter schaltet. Läßt man für den Moment die Wärmeabfuhr in die kalte Außenwelt außer Betracht, hat man es mit einem geschlossenen Kreis zu tun, in dem das kontrollierende Element vom kontrollierten Element kontrolliert wird. Das ist der Explosivstoff, der im Begriff der Kontrolle steckt und der auch von den Vätern der Kybernetik lange Zeit übersehen wurde. Es gibt keine Kontrolle, die nur in einer Richtung wirkt. Wenn sie wirkt, dann nur wechselseitig. Nicht bereits die Korrektur von Abweichungen, sondern erst dieser zirkuläre Prozeß der Kontrolle ist mit jenem Prinzip der Rückkopplung gemeint, das zum Grundprinzip der Kybernetik wurde. Letztlich kontrollieren die Abweichungen die Mechanismen, die eingerichtet wurden, um sie zu korrigieren. Aber mit dieser auch für jede Machttheorie entscheidenden Einsicht ist es noch nicht getan. Wie immer, wenn zirkuläre Prozesse mit ins Spiel kommen, gerät die Logik in Gefahr. Das sieht man auch im Fall des Thermostats. Nehmen wir an, einer jener berühmten Besucher vom Mars, die immer dann herhalten müssen, wenn man Beobachter braucht, die nicht mit unseren vorurteilsbehafteten Zurechnungsschematismen belastet sind, die also nicht sofort nach Subjekt und Objekt, Akteur und Intention, Wille und Ziel und ähnlichem fragen − nehmen wir an, einer jener Besucher vom Mars würde seinen Kollegen ein thermostatisches System zu erklären haben, das man auf dem Mars nicht kennt, weil man dort ähnlich wie bei den alten Griechen zwar das Wort und die Sache (kybernetes − der Steuermann), aber nicht das Prinzip kennt. Nichts würde den Marsmenschen daran hindern, seine Beobachtungen des Thermostats nach langem Rätseln in der Beschreibung zusammenzufassen: »Immer, wenn die Heizung sich ausschaltet, springt die Heizung an. Und immer, wenn die Heizung anspringt, schaltet sich die Heizung aus.« Oder kürzer: »Wenn die Heizung sich einschaltet, schaltet sie sich aus.« Der Marsmensch hat auch noch nichts von der Typentheorie, der Theorie logischer Ebenen von Bertrand Russell gehört, so daß er keine Scheu hat, einen solchen Satz auszusprechen. Vielleicht gleicht er auch darin den Griechen, etwa Zenon oder Epimenides, daß er seinen Spaß an Paradoxien hat und sie für eine durchaus fruchtbare Anregung hält, über den beschriebenen Sachverhalt noch einmal und anders nachzudenken (para dokein). Vielleicht hat er auch ein anderes Verhältnis zur Zeit als wir, so daß es für ihn kein Problem darstellt, als simultan zu denken, was sich für uns als eine Sequenz darstellt. Damit allerdings, und das macht ihn für uns so interessant, befindet er sich auf der Höhe der klassischen Logik, die gar kein Verhältnis zur Zeit hat. Kurzum, er greift zu einer Paradoxie, um seinen Kollegen den Thermostat zu beschreiben, nicht wissend, daß Russell so etwas verboten hat. Es ist sogar eine von den wirklich haarigen Paradoxien, denn es handelt sich nicht um einen Widerspruch, in dem von einem Sachverhalt sowohl etwas als auch das Gegenteil behauptet wird, sondern um eine Antinomie, in der der eine Zustand den gegenteiligen Zustand impliziert und umgekehrt. Haarig ist diese Paradoxie Klaus Krippendorff zufolge deswegen, weil sie nicht einfach jede Interpretation unmöglich macht wie im Fall des Widerspruchs, sondern den Beobachter einlädt oder auffordert, eine Interpretation zu wählen, von der er sich jedoch sofort auf dem Implikationswege auf die andere verwiesen sieht, die ihn wieder zurückschickt und so weiter ohne jeden Ausweg, es sei denn den der Erschöpfung (Klaus Krippendorff, Paradox and Information. In: Progress in Communication Sciences, Nr. 5, 1984). Wenn die Heizung sich einschaltet, schaltet sie sich aus.


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