Januarheft 2014, Merkur # 776

Rechnung mit drei Unbekannten

von Dirk Baecker
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Von einer »Dialektik der Aufklärung« zu reden, wie es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno taten, genügt nicht mehr, um dem Selbstverständnis der aktuellen gesellschaftlichen Situation auf die Spur zu kommen. Es genügt nicht mehr, dem freien Menschen den Menschen gegenüberzustellen, der seine Freiheit missbraucht. Es genügt nicht mehr, dem Traum von der technischen Beherrschung der Welt den Albtraum der Unterwerfung des Menschen unter die von ihm geschaffenen technischen Zwänge gegenüberzustellen. Und es genügt nicht mehr, auf die Zweideutigkeit von Fortschritt und Dekadenz, von wachsendem Wohlstand und immer größerer Selbstvergessenheit hinzuweisen, um sich auszumalen, was die Zukunft uns wohl bringen wird. Und erst recht genügt es nicht mehr, dieses intellektuelle Spiel mit der Dialektik sich selbst zu überlassen und sich stattdessen auf einen Alltag zu verlassen, der in Familie, Beruf, Natur und Freizeit immer schon zugleich schlichter und anspruchsvoller war als alles, was sich Intellektuelle ausdenken konnten. Ausgerechnet der Alltag, diese robuste Größe einer Orientierung an der Wirklichkeit, lässt uns im Stich, seit wir uns gezwungen sehen, der Pointe dieser Dialektik der Aufklärung auf die Spur zu kommen. Worin besteht diese Pointe? Sie besteht darin, dass die Dialektik von Freiheit und Missbrauch, Beherrschung und Unterwerfung, Fortschritt und Dekadenz nicht in der Arbeit der Kritik, sondern nur im Eingeständnis der Ignoranz zu einer durchaus unruhigen Einheit gebracht werden kann. Die Kritik hatte sich nicht zuletzt in der Form der Kritischen Theorie, die Horkheimer und Adorno ihr gegeben haben, zugleich auf die Philosophie und den Alltag verlassen, hatte sich philosophisch mit Argumenten und alltäglich mit Gewissheiten versorgt. Die Ignoranz, zu der wir uns heute in einem durchaus positiven Sinne, also nicht mehr bloß skeptisch oder gegenaufklärerisch, aufgerufen sehen, kann sich jedoch nur noch auf eine Wissenschaft verlassen, die mit jeder Frage, die sie beantwortet, neue Fragen aufwirft. Eben das ist, möglicherweise, auch die Pointe der Rede von der Wissensgesellschaft.


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