Juniheft 1960, Merkur # 148

Robert Musils letzte Jahre

von Werner Helwig
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Es gibt heute Dichter, oder, um den Begriff dem heutigen Bilde des wortbefähigten Menschen anzupassen: geistig Bestrebte, die ein Gedankenwerk aufrichten, in welches Zeitkritik ebenso wie eine Art von Philosophie, Entwürfe zu einer neuen Soziologie ebenso wie die Ergründung des Religiösen, bzw. Begründung einer neuen Religiosität, eingehen: kurzum, sie artikulieren eine als universal empfundene Verantwortlichkeit, die vermittels des beschreibenden und gestaltenden Wortes so deutlich wie möglich gemacht wird. So deutlich wie möglich − darauf liegt das Gewicht. Denn dem einzelnen ist für ein so ausgebreitetes Unterfangen denn doch nicht genügend Lebenszeit zugeteilt. Er schafft es nicht. Und so ist denn das Werk, das jene uns hinterlassen, fragmentarisch. Es macht einen Notstand offenbar: nämlich, daß es keine Kontinuität mehr gibt, d.h. kein verläßliches Weitergeben von Generation zu Generation. Das Interesse an einem Dombau, dessen Errichtung sich über Jahrhunderte erstreckt, ist kaum zu wecken. Jämmerliche Zeitlichkeit, mit Zeitangst gepaart, ist an Stelle einer solchen geruhsamen Baugesinnung getreten. Der einzelne will das Ganze mit seinem einen kleinen Leben ergreifen. Er mißtraut denen, die nach ihm kommen, wie er denen nicht glaubt, die vor ihm da waren, planten, und ihm angefangene Arbeiten »vererbten«. Erst wenn wir wieder bereit sind, uns in das langsame Spiel Gottes einzufügen, werden wir der Zeitlichkeit unseres Daseins erneut frohwerden können. Vorerst aber reißen uns Raketen von uns selber weg. Wir explodieren uns sozusagen ins Weltall hinein, anstatt unser irdisches Feld zu bestellen. Unser Nirwana heißt Astrophysik. Wir sind Zeugen, nein, wir sind das Material eines dekonzertierenden Prozesses.

Als Folge unserer negativen Bereitschaft, dieses Material zu sein, ist eine völlig vereinsamte, sich selbstausgelieferte Geisteswelt da. Und als deren Präzeptoren Männer, die ihre Verzweiflung über das, was ist und wie es ist, auf Tausenden und aber Tausenden von Buchseiten niederlegen. In der zagen Hoffnung, daß das von ihnen Er- und Vermittelte dereinst die große Umkehr bewirken helfen möchte. Wir nennen hier Namen, ohne damit eine Bewertung anzudeuten: Ernst Fuhrmann, Rudolf Steiner, R. M. Holzapfel − ihre überaus umfangreichen Weltrettungsentwürfe verwittern in den Suchkästen der Antiquariate. Ihre Bedeutung ist undeutlich, ihre Bemühung eindeutig.


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