Juliheft 1958, Merkur # 125

Satire als Wechselbalg. Rezension zu: Heinrich Böll: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren

von Hans Magnus Enzensberger
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Ist der große Gulliver tot? Die grotesken Zauberreiche von Laputa und Balnibarbi, die er vor mehr als zweihundert Jahren entdeckt hat, sind lebendiger denn je; wir brauchen nur eine Taste zu drücken, nur auf die Straße zugehen, um ihnen ins Gesicht zu starren; auf einen Swift aber, der das Wachstum, die Vermehrung dieser Medusen beschriebe, warten wir vergebens. Kaum zwar erscheint noch ein Prosawerk von Rang, das der satirischen Tinktur ganz entrate, kaum eines aber, dessen Lebensblut und Essenz sie wäre. Die große satirische Erzählung steht in einer Krise. Wo sie noch versucht wird, zeigen sich Mangelerscheinungen. Allzu dünn wirken die Linien, mit denen Huxley unsere Gegenwart in die Zukunft seiner »Schönen neuen Welt« hinein verlängert: intellektuelle Extrapolation, die kaum noch Beklommenheit erregt; allzu schematisch und abstrakt Orwells moralische Projektionen, dessen Mätopie »1984« der bislang letzte große Wurf der Gattung ist. Es ist bezeichnend genug für ihre heutige Lage, daß die Satire sich mit der flachen Spekulation der Science-Fiction, des technischen Zukunftsromans, verschwistert hat. Selbst bei Ray Bradbury, einem der ehrgeizigeren unter seinen Spezialisten, springt kaum noch mehr heraus als ein Spiel der Neugierde mit dem Entsetzen. Der Grund für dieses Absterben der großen Satire liegt nahe − so nahe, daß man ihn fast übersieht. Swifts unvergleichliche Wirkung lag in der Monstrosität seiner Weltansicht, in der aberwitzigen Spannung zwischen der Welt, die er vorfand, und jener anderen, in die er sie halluzinatorisch verwandelt hat. Sein verzerrendes Verfahren war das der klassischen Satire auf dem Gipfel ihrer Kraft: Mimesis als äußerste Diskrepanz. Im maßlosen Andern erkannte sich die Welt, von der er schrieb, schaudernd wieder. Sein Alptraum von der absoluten Heillosigkeit des Bestehenden bestürzte Leser, die es im Kerne unversehrt glaubten. Das ist eine Voraussetzung, die den Zeitgenossen von Belsen und Hiroshima nicht mehr gegeben ist. Herrscht nicht zwischen Alptraum und Wirklichkeit statt jener äußersten Spannung, aus der Swifts Satire lebte, weithin Übereinstimmung? Sind die Yahoos nicht längst unter uns? Und was bleibt dem Satiriker übrig, wenn die Realität ihn einzuholen droht? Solche Fragen richten sich heute an jedes Stück satirischer Schriftstellerei, mag es auch bescheiden einherkommen wie Heinrich Bölls jüngstes und winzigstes Buch. Es heißt: »Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren.« (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1958.) Der Graphiker, der es mit einem neckischen Umschlag versehen hat, irrt: das literarische Konfekt ist Bölls Sache nicht. Auch dort, wo es sich als Miniatur gibt, spielt sein Werk um den Einsatz des Ganzen: um Menschenheil und -heillosigkeit. Dieses Ganze kommt freilich in allem, was Heinrich Böll schreibt, stets als das Genaue und Besondere zum Vorschein. Keines seiner Bücher handelt von der Welt »überhaupt«. Die verallgemeinernde, die vorschnell abfertigende Geste, die zum Habitus der klassischen Satire gehört (und die von deren Absicht und Wirkung auch gar nicht zu trennen ist: Kurzschluß als Kunstmittel) – diese Geste des »Überhaupt« ist ihm fremd. Wo er sie nachahmt, in gewissen Stücken etwa des Bandes »Wanderer, kommst du nach Spa...«, erlischt seine Kraft der Überzeugung. [WS, 24.09.2019] Kein Wunder also, daßdie Satiren, die Böll in seinem neuenBuch gesammelt vorlegt, gestochenscharf umgrenzte Wirklichkeitsaus-schnitte und niemals Welt schlechthinaufs Korn nehmen.Zwei davon haben es mit unseremsogenannten Wirtschaftsleben zu tun,mit der Anarchie der Warenwelt, derentfesselten Betriebsamkeit in der Treib-hausluft des „Betriebsklimas“ ; eine wei-tere zieht ätzend die Spur der politischenRegression in unserer provisorischen


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