Juliheft 2008, Merkur # 710

Sein Kaiser. Goethe im Empire

von Gustav Seibt
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Der gefährlichste Moment in Goethes Leben war die Nacht nach der Schlacht von Jena und Auerstedt. Vierzigtausend siegreiche französische Soldaten fielen über die kaum siebentausend Einwohner zählende Residenzstadt des feindlichen, mit dem besiegten Preußen verbündeten Herzogtums Weimar her. Die Krieger waren erschöpft, erregt und hungrig; also wurde geplündert, geraubt, verwüstet und in einzelnen Fällen auch vergewaltigt. Fünf Häuser beim Schloss gingen in Flammen auf, bald stand eine kerzengerade Rauchsäule im klaren Oktoberhimmel über der Stadt. Nur der Umstand, dass die vollkommene Windstille eines kalten Herbsttages herrschte, verhinderte eine große Brandkatastrophe. Auf den Straßen lag haufenweise Schießpulver, das die nach Erfurt flüchtenden Preußen zurückgelassen hatten. Ein Funke hätte verheerende Explosionen verursachen können. Während Christoph Martin Wieland sofort eine französische Schildwache erhielt, war das Haus Johann Wolfgang von Goethes am Frauenplan in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1806 schutzlos. Man wartete auf den Marschall Ney, der bei dem Weimarer Minister einquartiert war, doch einstweilen klopften nur marodierende Soldaten ans Tor, die in den unteren Räumen im vorderen Teil des Hauses untergebracht wurden. Spät nachts aber drangen noch zwei aggressive, mutmaßlich betrunkene Tirailleurs bis in die hinteren Zimmer vor, in die Goethe und die Seinen sich zurückgezogen hatten. Was genau geschah, ist unbekannt, der Dichter hat darüber eisern geschwiegen. Durch Standhaftigkeit und Glück sei man gerettet worden, heißt es unbestimmt im Tagebuch. Christiane scheint die entscheidende Rolle gespielt zu haben; mit Hilfe eines Weimarer Nachbarn gelang es ihr, so erzählte man sich, die Eindringlinge von Goethes Schlafzimmer abzuhalten. Sie warfen sich daraufhin in das für Ney bestimmte Bett, aus dem der Marschall sie am nächsten Morgen mit flacher Klinge verjagte. Den Tod und den möglichen Verlust aller Manuskripte und Arbeitspapiere, das hatten diese Stunden vor Goethes Auge gestellt. Die Frau seines späteren Schwagers Vulpius war vergewaltigt worden; sein Freund, der Zeichner Kraus, hatte alle seine in Jahrzehnten geschaffenen Werke verloren und starb wenig später an gebrochenem Herzen; Charlotte von Steins Haus war kahlgeplündert. Näher ist Goethe einer Katastrophe, ja dem totalen Ruin nie gekommen. Den napoleonischen Krieg, der nicht mit Vorratsmagazinen und Nachschublinien geführt wurde, sondern sich vom eroberten Land ernährte, hat er ein Jahr später in einem Marschlied der Pandora lakonisch in Worte gefasst. Dort singen die Krieger:

So geht es kühn Zur Welt hinein, Was wir beziehn, Wird unser sein. Will einer das, Verwehren wir’s Hat einer was, Verzehren wir’s. Hat einer g’nug Und will noch mehr; Der wilde Zug Macht alles leer. Da sackt man auf! Und brennt das Haus, Da packt man auf Und rennt hinaus.

Die nächste politische Folge des Krieges war die Existenzbedrohung des Staates, mit dem Goethe seit über dreißig Jahren zusammengewachsen war. »Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach wären wir einstweilen gewesen«, soll Carl August, im preußischen Havelland auf einer Trommel sitzend, gesagt haben. Die Verbündeten des besiegten Preußen schonte Napoleon sonst nicht. Braunschweig, das Herzogtum des wichtigsten preußischen Heerführers, verschwand von der Landkarte; warum hätte das Land des preußischen Generals Carl August bleiben sollen? Am Nachmittag des 15. Oktober kam Napoleon nach Weimar. Die Herzogin Luise erwartete ihn als einzige anwesende Hoheitsträgerin an der Schlosstreppe, umgeben von Hofleuten und Ministern. »Ich beklage Sie, Madame«, rief ihr der vorübereilende Kaiser zu, »ich werde Ihren Mann absetzen − J’écraserai votre mari.« Während zwei langer Monate schwebte diese Drohung über dem kleinen Staat. Erst der Frieden von Posen vom 15. Dezember, mit dem Weimar dem Rheinbund beitrat, machte ihr ein Ende. Zwar musste das Land furchtbarbluten − 2,2 Millionen Franken, ein ganzes Jahresbudget, betrug die Kontribution −, aber Napoleon hatte es nicht gewagt, das Herzogtum, dessen Erbprinz mit der Schwester des Zaren verheiratet war, aufzuheben. Wäre dies geschehen, dann hätte Goethe erst einmal sein Lebensumfeld verloren: sein Jahresgehalt von 1900 Talern, den Zugriff auf die für seine Arbeit unentbehrlichen Bibliotheken und akademischen Institutionen, möglicherweise sein Haus am Frauenplan. Auf die doppelte Existenzbedrohung, die physische und die materielle, reagierte Goethe blitzschnell und mit ungewohnter Entschiedenheit. Fünf Tage nach der Plünderungsnacht heiratete er, ohne seinen Landesherrn zu fragen, seine nicht ganz standesgemäße Lebensgefährtin Christiane Vulpius, die Mutter seines fünfzehnjährigen Sohnes. Im Trauring war nicht das Datum der Hochzeit, sondern der Tag der Schlacht von Jena eingraviert: 14.Oktober 1806. Goethe trug das Datum der schlimmsten preußischen Niederlage bis an sein Lebensende am Finger. Und er sorgte dafür, dass ihm das Eigentum an seinem Haus definitiv bestätigt wurde. Bisher nämlich zahlte der Herzog die Steuern dafür und erhielt auch die durch ein Braurecht begründeten Einnahmen daraus. Das hätte bei einem Ende des Weimarer Staates zu Missverständnissen Anlass geben können. Nun wurde Goethe regelrechter, steuerzahlender Eigentümer seines Hauses, und damit war auch für den Erbfall vorgesorgt. So tat Goethe in den Tagen und Wochen nach Jena für sich das, was damals in ganz Deutschland begann: Er verwandelte ständische Familien- und Besitzformen in bürgerliche. Goethes ganz persönliche napoleonische Modernisierung war im Januar 1807 abgeschlossen.

Es spricht einiges dafür, dass Goethe den Kaiser der Franzosen zum ersten Mal an jenem 15. Oktober 1806 gesehen hat, als dieser seine Drohungen gegen die Herzogin ausstieß. Goethe war in all diesen Tagen am Hof; warum soll er nicht mit den anderen Kavalieren und Beamten hinter seiner Landesherrin gestanden haben, als diese den Eroberer empfing? Das Tagebuch schließt dies nicht aus; denn Goethe erwähnt im Tagebuch auch sonst keine bloßen Sichtkontakte mit dem Kaiser, wie sich bei anderen Gelegenheiten nachweisen lässt. Sicher ist, dass er am folgenden Tag zu einer Audienz beim Kaiser, dem er als Vertreter des literarischen Weimars hätte aufwarten sollen, nicht erschien. Er meldete sich in letzter Minute krank, auf einem mit Bleistift beschriebenen Stück Papier: »In dem schrecklichen Augenblick ergreift mich mein altes Übel. Entschuldigen Sie mein Außenbleiben. Ich weiß kaum, ob ich das Billet fortbringe.« Der Empfänger, Kollege Geheimrat Voigt, wusste, was mit »Übel« gemeint war: Goethes schmerzhaftes Nierenleiden. Aber auch sonst konnte ein Zusammentreffen mit dem offenkundig erbosten Sieger für Goethe nichts Verlockendes haben. Sein empfindliches Ehrgefühl musste schon die zu erwartende Abkanzelung scheuen. So vergingen noch zwei Jahre, bevor Goethe wieder Gelegenheit bekam, dem Erschütterer seiner Existenz unter die Augen zu treten. Was wusste Goethe über Napoleon, als die französische Kriegsfurie nach Weimar kam? So viel, wie man als aufmerksamer deutscher Zeitgenosse nur wissen konnte; vor allem nichts Gutes. Die 1804 anonym erschienene Schrift Napoleon Bonaparte und das französische Volk unter seinem Consulate des Gustav von Schlabrendorf − heute als »Anti-Napoleon« bekannt − hat er selbst rezensiert. Und die Fragmente aus der neuesten Geschichte des Politischen Gleichgewichts in Europa hatte ihm ihr Verfasser Friedrich von Gentz druckfrisch zugeschickt; Goethe erwähnt sie noch in den späten Tag- und Jahresheften für 1806. Freilich, eine Rezension des brisanten antinapoleonischen Traktats in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung hat der umsichtige, die Weltlage präzise einschätzende Kulturpolitiker Goethe schon nicht mehr zugelassen. Beide Schriften − Gentz hat Schlabrendorf benutzt − boten nicht Charakterbilder, sondern Analysen des politischen Systems. Während Schlabrendorf die totalitären Züge im Inneren herausstrich − reglementierte Erziehung, Militarisierung des Alltags, gelenkte Presse und Personenkult, Spitzelwesen und Sicherheitswahn −, stellte Gentz das Kaiserreich als Gefahrenherd für das europäische Mächtesystem dar. Denn revolutionärer Radikalismus und militärischer Erfolgsdruck machten Napoleons Regime strukturell friedensunfähig. Der Regent Frankreichs sei durch Waffenruhm an die Macht gekommen; also muss er weiter siegen: »So lange er entschlossen ist zu herrschen, bleibt die Aufrechterhaltung seines militärischen Ruhmes seiner Sorgen erste und letzte. So enge, so vielfältig ist keine andere Regierung in Europa mit dem Militärinteresse verbunden.« Solche Diagnosen waren noch nicht aus nationalistischen Emotionen gespeist, sondern stellten für die Gegenwart die alteuropäische Alternative von Gleichgewicht oder Hegemonie. Neu war der Befund, dass die inneren Verhältnisse der Staaten außenpolitische Relevanz besaßen. Das gab der Analyse von Gentz den apokalyptischen Ton: Wenn man Napoleon nicht bekämpfte, drohte ein Zeitalter europäischer Unfreiheit. Trotz solcher Lektüren und trotz seiner eigenen Erfahrungen hat Goethe sich anders entschieden. Schon in den ersten Wochen des Jahres 1807 vollzog er das literarische Manöver, mit dem er der Öffentlichkeit seinen Friedensschluss mit der neuen rheinbündischen Ordnung kundtat. Er schlug sich auf die Seite des Historikers Johannes von Müller, indem er dessen Berliner Akademierede über »Friedrichs Ruhm« rezensierte und übersetzte. Der Schweizer Johannes von Müller, der berühmteste Historiker der Epoche, damals preußischer Hofhistoriograph und vor der Schlacht von Jena martialischer Anhänger der Berliner Kriegspartei, war Ende 1806 auf die Seite Napoleons getreten. Dieser hatte ihn in Berlin einer langen Audienz gewürdigt und in einen welthistorischen Diskurs verwickelt; Müller hatte sich daraufhin entschlossen, die neuen Verhältnisse als endgültig anzuerkennen. Die jährliche Ansprache zum Gedenken an Friedrich den Großen − eine heikle Aufgabe im besetzten Berlin − hielt Müller auf Französisch. Darin stellte er historische Größe als Gemeinbesitz der Völker dar, der ihnen dauernde Achtung sichere; und er appellierte an den lebenden großen Mann Napoleon, das Volk des toten großen Mannes Friedrich zu schonen. Mit seiner Rede machte Müller sich bei den Patrioten unmöglich – nicht zuletzt bei Gentz, der ihm die Freundschaft aufkündigte −, und eine üble Hetze gegen seine Person begann. In dieser Lage sprach Goethe sein Machtwort: »Er hat in einer bedenklichen Lage trefflich gesprochen, so daß sein Wort dem Beglückten Ehrfurcht und Schonung, dem Bedrängten Trost und Hoffnung einflößen muß.« Darüber hinaus ermunterte Goethe Müller ausdrücklich, sich in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung politisch zu äußern. Dieser publizierte dort bald lange Besprechungen zur neuen rheinbündischen Gesetzgebung, in denen er empfahl, die Reformspielräume der neuen Ordnung zu nutzen. Schon ein halbes Jahr später war Müller leitender Minister im neuen napoleonischen Musterstaat Westphalen. Das Jenaische Literaturblatt blieb fortan so rheinbündisch wie sein Weimarer Oberaufseher. Schon vor der Erfurter Begegnung hatte Goethe sich unmissverständlich − im Übrigen ohne Absprache mit seinem Herzog − auf die Seite der neuen Ordnung geschlagen. Dabei blieb es fortan. Goethes Sohn August studierte das neue französische Recht in Heidelberg; Goethes engster politischer Freund wurde Graf Reinhard, der Mitarbeiter Talleyrands und Napoleons Gesandter beim westphälischen Königshof in Kassel. 1807 begann Goethe sich, wie seine Lektüren zeigen, mit der Möglichkeit einer dauerhaften europäischen Universalmonarchie anzufreunden. Jedenfalls hielt er die Niederlage Preußens für ebenso endgültig wie den Untergang des Alten Reichs. So wurde die Suche nach einer neuen Rahmenordnung für den machtlosen Weimarer Kulturstaat unvermeidlich. Goethes rheinbündische Option hatte zunächst nichts mit persönlicher Faszination durch den Kaiser der Franzosen zu tun; darin unterschied er sich auch von Johannes von Müller, der durch ein Erweckungserlebnis gewonnen worden war. Den deutschen Trotz und Franzosenhass hielt Goethe für Hypochondrie: » Wenn aber die Menschen über ein Ganzes jammern«, schrieb er am 27. Juli 1807 an Zelter, »das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Lebtag gesehen, noch viel weniger sich darum bekümmert hat; so muß ich meine Ungeduld verbergen, um nicht unhöflich zu werden oder als Egoist zu erscheinen.« Im kleinen Kreis gefiel er sich in Zynismen. So sagte er zu Riemer (am 16. Mai 1807): »Die Franzosen hätten keine Imagination, sonst hätten sie statt der zwanzig Häuser in Jena und Weimar, wenn sie nicht zufällig abgebrannt, sondern von ihnen angezündet sind, die Stadt an allen Ecken angezündet und mit Stumpf und Stil abgebrannt. Das hätte dann anders in die Welt geklungen.« Aber natürlich beschäftigte ihn schon damals auch die Person des Kaisers. Wie früh eine Grundlinie seines Urteils gezogen war, verrät eine Aufzeichnung wiederum Riemers aus dem Februar 1807: »Außerordentliche Menschen, wie Napoleon, treten aus der Moralität heraus. Sie wirken zuletzt wie physische Ursachen, wie Feuer und Wasser.« Hinter solchen teils tagespolitischen, teils allgemein typologisierenden Auslassungen stand auch eine kulturelle, ja geschichtstheoretische Reflexion zur Vaterlandsliebe. Schon vier Wochen nach Jena und Auerstedt, am 18. November 1806, erklärte Goethe gegenüber Riemer den Freiheitssinn und die Vaterlandsliebe, die man aus den Alten zu schöpfen meine, zur Fratze. [WS, 14.09.209] Der antikisierende patriotische Republikanismus - die damalige Gestalt derNapoleonfeindschaft - werde in der Gegenwart zu einer ungeschicktenNachahmung, die im Widerspruch zum allgemeinen Gang der neuen Kulturstehe. »Wir leben auf der einen Seite viel freier, ungebundener und nicht soeinseitig beschränkt als die Alten, auf der anderen ohne solche Ansprüche desStaates an uns. Der ganze Gang unserer Kultur, der christlichen Religionselbst führt uns zur Mitteilung, Gemeinmachung, Unterwürfigkeit und zuallen gesellschaftlichen Tugenden, wo man nachgibt, gefällig ist, selbst mitAufopferung der Gefühle und Empfindungen, ja Rechte, die man im rohenNaturzustande haben kann.«Den am Horizont auftauchenden Nationalismus hat Goethe als akademi-sches, pseudoantikes Neuheidentum begriffen, gespeist von zu viel Klassi-kerlektüre: »Sich den Obern zu widersetzen, einem Sieger störrig und wider-spenstig zu begegnen, darum weil uns Griechisch und Latein im Leibesteckt, ist kindisch und abgeschmackt. Das ist Professorenstolz, der seinenInhaber ebenso lächerlich macht, als er ihm schadet.« Der geistesgeschicht-


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