Märzheft 1974, Merkur # 310

Sidie und Rainer. Unbekannte Briefe aus der Hinterlassenschaft Rilkes

von Werner Helwig
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Das liest sich wie ein Roman in Briefen, der von Proust nicht fesselnder hätte geschrieben werden können. Das Unerwartete daran gibt dann noch starke Würze dazu. Denn daß der Text heute erst publiziert wurde, läßt vermuten, es bestanden Bedenken seitens der Nachkommen. So darf denn auch gleich gesagt werden, daß Selbstverräterisches, Charakter-Erhellendes in großer Fülle darin aufscheint. Als Partner zeichnen: die Baronesse Sidonie Nädherny von Borutin (1885−1950), eine begüterte Aristokratin mit noch weit über den Untergang der K.u.K.-Monarchie hinaus unangetastet gebliebenem Besitz, und der Habenichts und »Born großer Lyrik« Rainer Maria Rilke (1875−1926). Beider herzliche Verfangenheit reichte von der ersten Begegnung − 1906 im Atelier des französischen Bildhauers Auguste Rodin in Meudon, wo Rilke Sekretärdienste versah − bis zum Todesjahr des Dichters. Sympathie auf den ersten Blick schuf eine so anhaltende Bindung. War es für beide Teile eine ganze Weile lang nicht klar, ob Liebe, ja sogar leidenschaftliche Liebe daraus werden wollte, so entschied sich das − dank der Pagennatur Rilkes − schließlich doch im Sinne einer fast liebenden Freundschaftlichkeit. Wohl die gewichtigste unter den vielen Frauenbeziehungen des Dichters. Denn auch tätige Unterstützung war mit dabei. Sie erstreckte sich sogar bis auf die Familie Rilkes, seine Frau Clara geb. Westhoff, seine Tochter Ruth. Die Besitzerin des schönen böhmischen Schlosses Janovitz, Nutznießerin beträchtlicher Einkünfte aus ihrem Familienerbe, zeigte sich in allen, die Nöte Rilkes betreffenden Angelegenheiten von verständnisvoller Splendidität. Daß sie grande dame war, von untadeliger Gesinnung, fraulichem Verstand, suchenden Wesens, zudem von zarter Schönheit, geht aus Rilkes Briefen so eindeutig hervor, als stünden die ihren daneben. Man kann, was sie jeweils antwortete, aus seinen diplomatischen Wendungen unschwer herauslesen. Der Dichter spielt − so möchte es einem scheinen − den Ball gleichsam gegen eine Wand voller Relief, und die Art, wie er ihn abfängt, wobei er oft die größte Mühe hat, verrät deren wechselnde Struktur. Ein Reiz mehr, der diese Veröffentlichung auszeichnet. Wäre Sidonie Nädherny als Französin zur Welt gekommen, hätte sie wohl, auf damalige gesellschaftliche Verhältnisse umgedacht, einen jener berühmten literaturverbundenen Salons in Paris innegehabt, mit Gästen wie Valery, Comtesse de Noailles, Charles du Bos... Dies möge ihr Format andeuten. Ein weiterer Vorzug dieser 400 Seiten starken Publikation des Insel Verlages ist, daß sie − zum ersten mal meines Wissens − Eingriffe in den Text, Striche, Modifikationen wie sie gelegentlich dem »Mythos« zuliebe üblich waren, strikt vermeidet. Auftakte und Schlußfloskel der einzelnen Briefe, worin sich ja bei Rilke die momentane Stimmungslage zu erkennen gibt, wurden nicht eingespart. Die Rechtschreibung ist in ihrer Bizarrerie belassen: Mai, Juni, Juli mit dem von Rilke bis in seine letzten Jahre beibehaltenen »y«, oder das »th« in ganz gewöhnlichen Worten wie »thun«, die dadurch für das Sichtbild eine altmodische, ihre Bedeutung steigernde Dehnung erfahren. Überhaupt verspürt man in der Art der Redaktion einen neuen Wind. Das ist kein zurechtgemachter Rilke mehr. Auch das Vorwort des Herausgebers, Bernhard Blume, vermittelt uns die genaueste Einsicht in die Geschichte dieser Beziehung: Ein Rilke der, je älter er wird, desto geläufiger um Geldzuwendungen bittet, und wie man aus seinem demütigen Dank erfährt, auch immer wieder erhält. Ein Rilke, der sich aus einem möglichen Liebhaber seiner um zehn Jahre jüngeren Dame zu einem »Sorgensohn« entwickelt, der sie ganz in die Rolle mütterlicher Teilnahme hineinlaviert und darin festhält. Ein Rilke schließlich, der die Freundin durch seine trüben Beichten so sehr an Verzicht auf »Werk« gewöhnt hat, daß er ihr die endlich doch geleisteten »Duineser Elegien« erst ganz zuletzt mit nachlässig entschuldigter Verspätung schickte. Vielleicht, um den Eindruck einer immerwährenden Bedürftigkeit in ihr zu erhalten. Denn darüber, daß die Gebrechlichkeit seiner Physis von jetzt ab nicht mehr abnehmen, eher schlimmer würde, war er sich klar. Sidie − so nannte er sie zuletzt, nachdem er alle Möglichkeiten höfischer und schmeichelnder Anrede erschöpft hatte − Sidie gehört zu den wenigen hochwohlgeborenen Damen seines reichlichen Verehrerinnenflors, die nicht nach seinem Tod zur Rilkefeder griffen, um allzu eifrig die Geschichte ihrer Liaison zu beschreiben, wobei sie sich als die jeweils entscheidende Erlöserin ihres Narziß feierten. Was im Anhang des Buches aus Sidie 100 erhalten gebliebenen Episteln zitiert ist, zeigt sie als einen Menschen, überlegenen, oft auch energischen Wesens, unverkünstelt ihrem Schützling gegenüber, und mahnend bedacht auf »Leistung«, zu der sie ihn oft ermutigt. Gerne – so schreibt sie – würde sie auf Post von ihm verzichten, wenn sie wüsste, daß die in dieser Richtung so vielfältig verschwendete Kraft einer wirklichen Arbeit zugute käme. [WS, 25.09.2019] Denn immer wieder beklagt Rilke dieLast, die ihm durch seine Korrespondenzauferlegt sei. Berge von Briefen, läßter Sidie wissen, türmten sich auf seinemimmer wieder an andern Orten aufge-schlagenen Schreibtisch. Mindestens fünf-zig davon habe er dringend zu erledigen.Trotzdem füllt er acht Seiten mit seinerkalligraphischen Handschrift, um Sidieseine Versäumnisse zu erklären.Überhaupt das Phänomen dieser Tau-sende von taubenblauen Briefbögen, überdie er sich ergoß, um ein ganzes Volk vonGönnern und Verehrern (überwiegendweiblichen) am Zügel zu halten! Machtman sich die Mühe, aus anderen Brief-veröffentlichungen datumsgleiche Schrift-stücke zu vergleichen, erscheint kaumglaublich, was da alles an verschieden-strebigen Dingen mit jeweils dem Emp-fänger angepaßter Abstimmung am sel-ben Tag niedergeschrieben wurde. Noch


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