Juliheft 1980, Merkur # 386

Sisyphos als Schicksal. Zu den Reisetagebüchern von Camus

von Werner Helwig
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Dank Homer, Odyssee XI, 598, erfahren wir von der Strafe, die Sisyphos, den mutmaßlichen Gründer und ersten König von Korinth, im Hades traf. Er war verurteilt, einen schweren Marmorblock einen Berg hinauf zu wälzen. Und wenn er ihn fast oben hatte, entglitt ihm »der tückische Block und rollte mit Donnergepolter die ganze Strecke wieder hinab«. Und warum straften ihn die Götter damit? Weil er, so dürfen wir heute schließen, einer der ersten Intellektuellen der Menschheitsgeschichte war, begabt mit einer so ausgefuchsten Gescheitheit, daß er alle Verfügungen des Olymps zu durchkreuzen, sogar den Tod noch zu überlisten vermochte. Unter dieser Symbolfigur hat sich der französische Dichter und Philosoph Albert Camus (Nobelpreis 1957) verstanden. Sein Bestreben, Geist und Wesen miteinander in Einklang zu zwingen, wuchs sich ihm zu einer Sisyphosarbeit aus, an deren konträren Bedingungen er als Mensch und Denker scheiterte. Und noch sein Tod − ein Autounfall, der den knapp Siebenundvierzigjährigen traf − gibt Zeugnis von dem Widerspruch, zudem sich bei ihm Leben und Wirken verschränkt hatten. Der berühmte Autor der Romane Die Pest (1947) und Der glückliche Tod (1949), Verfasser einer Vielzahl von Dramen und Essays (alle im Sinne seines Grundthemas), war einer jener großen Glücklosen, die sich diesem Jahrhundert und seinen unauflösbaren Verwirrungen stellen mußten. Man mag da an Strindberg, Kafka, Musil erinnern, deren jeder auf seine Weise als sisyphos verbindlich gelten dürfen. Es liegt nicht am Werk von Albert Camus, daß er uns ein wenig abhanden kam.Was sich für uns veränderte, ist die Nomenklatur des Vergleichbaren. Vielleicht ist dieser, eben sich begebende Augenblick der geeignetste, wieder auf Camus zurückzukommen. Erst jetzt, so könnte es scheinen, sind uns die richtigen Schlüssel zu seinem Werk in die Hände gegeben. Und wenn wir den Anfang mit den soeben zum ersten mal deutsch erschienenen Reisetagebüchern machen, wird die Beziehungsmasse, die sich aus ihnen ergibt, die »neue« Neugier auf den Denker Camus unfehlbar in Bewegung setzen. Kommt hinzu, daß wir, je weiter wir im Lesen und Leben fortschreiten, desto mehr jene Momente schätzen lernen, wo wir bei einem bedeutenden (und deutenden) Kopf dem Entstehen einer Anschauung, ihrer Umsetzung ins Wort beiwohnen dürfen. Und das sind allemal die Tagebücher, die wir dann dem geformten (und genormten) Werk vorziehen. [WS, 17.10.2019] So etwa bei Andre Gide, bei LeonBloy — dessen Notiz Ball und Rad, dieGaranten der persönlichen Verödung jaheute erst ihren Sinn erreicht — bei Ro-bert Musil und Ernst Jünger. Nur Wer-fel, von dem man anderes erwartet hät-te, bietet da ein Fiasko. Er gab, was erhatte, im Gedicht. Und dann kam Alma.Voll von ungeahnten Überraschun-gen sind die Reisetagebücher von Ca-mus. Sie lassen sein ganzes Werk in ei-nem anderen, nun völlig bestätigendenLicht erscheinen. Wir erkennen die Be-dingungen, denen sie abgerungen wur-den. Die Lungentuberkulose, mit der erzeitlebens zu kämpfen hatte. Die ganzbesondere Art seiner Empfindsamkeit,die bitteren Nötigungen, in die ihn seineLebensumstände verwickelten und diedadurch verbriefte Redlichkeit seinerdenkerischen Anstrengungen. Er, dereine Zeitlang Kampfgefährte von Sartrewar, sich dann aber mit eigensinnigerKonsequenz von ihm trennte, weil ermeinte, daß es nicht der Marxismus seinkönne, der uns zum Besseren stimmenwürde, er, Camus, fügte dann, ganz ausder wesenseigenen Einsicht schöpfend,das Bild, in welchem auch wir uns heutebegreifen müssen: eben als Sisyphos-Mensch im Bann seiner Zwangsarbeitund ohne weiterführendes Ergebnis.Eine schwer erträgliche Situation, die zudem Schluß führt, daß es nur eines gäbe,woran wir uns halten können: nämlichdie Haltlosigkeit par excellence. Ihr giltdie Forderung Benns »Dennoch dieSchwerter halten / vor die Stunde derWelt«.Das schmale Buch (man hätte es sichgerne fülliger gewünscht) enthält Auf-zeichnungen über die Vortragsreisen,die Camus von März bis Mai 1946 nachden USA und von Juni bis August 1949nach Südamerika führten. Sie zeigenden Autor in gesundheitlich angeschla-genem Zustand, von Melancholie ver-schattet. Sie sind spontan niederge-schrieben und auch nachträglich nie be-arbeitet worden. Wir erleben durch sieden Menschen Camus, wie er sich selbsterfuhr, aber auch sich selbst genau kon-trollierte. Besonders gelungene Passa-1 Albert Camus, Reisetagebücher. Reinbek: Rowohlt 1980.


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