Märzheft 1982, Merkur # 417

Spiegelgänge

von Werner Helwig
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Paradiso: dieses durch und durch textklare, von einer Unterströmung von Heiterkeit getragene Lesewerk, das vom Chaos zum Gedicht führt unter der Devise: Poesie - als Daseinsabsicht und Begründung- ist aller Dinge gutes Enden. - Der Autor: kubanischer Schriftsteller (1910-1976), keine Kummerfigur. Dazu wohlbestallte, konfliktlose Existenz als Anwalt, Redakteur und zuletzt, im Staat Fidel Castros, mit amtlichen Würden bekleidet. Paradiso: ein Buch, das man so langsam lesen muß, wie es geschrieben wurde. Es gehört zu jenen, die man auf eine einsame Insel mitnehmen soll. — Die deutsche Fassung: Man merkt nicht, daß man eine Übertragung liest. Also ist sie gut, auch wenn man abzieht, daß das deutsche Wort bei der Übertragung so schwieriger Werke oft mehr Tiefe gewinnt, als das Original zum Ausdruck bringt. Lezama Limas Roman zerfällt partienweise ins Kaleidoskopische, das heißt in Einzelbilder mit immer wieder anderen Personen, damit er jedes noch nicht angewandte Wort in seiner Beschreibungsverzückung unterbringen kann. Ein Dreigespann von Freunden, Studenten ihres Zeichens, Sprößlinge hochkultivierter kubanischer Familien, wird in den verschiedenen Phasen ihres Werdens, das heißt des Aufeinanderzugehens geschildert, einschließlich der sich dabei herausbildenden Konfliktsituationen, ihren Passionen und ihrem Lebens-Hin-und-Her. (Einer unter ihnen ist identisch mit dem Autor.) Ein ganzes Volk von Figuren ist aufgeboten, um im Zusammenprall mit diesen Dreien Wirkungen zu zeitigen, durch die ihre Charakterverschiedenheiten anschaulich werden.

Was Welt ist oder sein kann, wird dabei durch Worte umzingelt, deren Fülle überbordet und den Leser immer wieder zu Verdauungspausen zwingt. Er möchte gern dahinterkommen, was vor sich geht -und kann’s nicht, weil seine Aufmerksamkeit in immer wieder andere, einander widersprechende Richtungen gezerrt wird. So sind, was beschrieben ist, Vorgängedes Lebens selbst in seiner perfiden Undurchschaubarkeit. Eine Lese-Speise ist aufgetragen, ein Gastmahl der Worte ist anberaumt, die ins Unendliche verführen, ohne jemals an feste Ufer zu stoßen. Im Gegenteil. Jedes Ufer, das in Sicht gerät, zieht sich vor dem forschenden Blick zurück. Man versteht nur so weit, wie die eigenen Möglichkeiten reichen. Nur was man ohnehin »besitzt«, erfährt Ergänzungen, deren man sich in der Rückschau ungefähr zu vergewissern vermag.


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