Juniheft 1954, Merkur # 76

Grotten-Sprüche

von Werner Helwig
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Die Brücken sind gebaut. Wo sind die Ströme? Die Sonne begünstigt den Edelsteinbetrug des Tautropfens. Aber sie tilgt ihn auch aus. Die dünngewordene Schuhsohle bedeutet ein Stück abgelaufenes Leben. Die Form des Blattes am Baum bedingt die Melodie seines Gesprächs mit dem Wind. Der Wind aber redet mit allen Bäumen dasselbe. Nämlich über seine Angelegenheiten. Man hört schärfer, wenn man sich die Nase zuhält.

Körperliche Erfahrungen verändern das Gefälle der Visionen. Im Schrei verzehrt sich die Angst wie das Öl in der Flamme. Die Stimme des Hahns ritzt die Blase, darin der kleine Tag schlummert. Das gereinigte Augenlicht, nachdem man von Musik ergriffen war. Weiße Wassermolche im Schilf: die Sprachlosigkeit mitten zwischen den Worten. Wer ist es, der nicht hofft, wenn er geht, der Last zu entgehn, die erträgt? Die in den Gruftbibliotheken gesammelten Schriften über Frieden, Wohlfahrt und Glück haben eifrige Leser gefunden: die gefallenen Söhne des letzten Krieges. Emporgequält, hinabgequält, wieder emporgequält. Man bleibt, was man ist. Nur die Eigenschaften werden schneidend. Liebe legt über alles hinweg die lustigen kleinen geländerlosen Laufplanken. Erfahrung bremst nicht die nächste Heimsuchung. Sie bewerkstelligt sie. Durch die Dachbalken läuft, will das Wetter wechseln, ein Frösteln, das in deinem Herzen nachzittert. Bezeichnet sich jemand als einen unbedeutenden Menschen, so ist er eine Schlange im Tempel. Es gibt eine Gestalt, die unvollendet ist. Solange sie von uns leiht, müssen wir darben. Entwertung der Ereignisse durch Hintersichbringen. Kapitäne altern so schnell, als sie fahren. [WS, 16.09.2019]


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