Augustheft 1998, Merkur # 593

Strukturveränderungen in der kulturellen Öffentlichkeit. Die neue Ohnmacht des Feuilletons

von Gustav Seibt
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Die achtziger Jahre, das Zeitalter Umberto Ecos und Richard von Weizsäckers, waren die große Stunde des westdeutschen Feuilletons. Noch immer zehrt es von den damals errungenen Erfolgen, die ihm Ansehen und Wirkung über die kulturelle Zirkulation hinaus einbrachten. Eine gewisse intellektuelle Erschöpfung ist allerdings unübersehbar, ablesbar an der mechanischen Repetition eingeführter Rezepte wie der politischen Befragung der üblichen Verdächtigen unter den Schriftstellern und Professoren zu den jeweils aktuellen Themen.

Doch noch immer sind der Ruhm des Feuilletons seine Debatten, Auseinandersetzungen, die sich seit dem Historikerstreit mehr um Geschichte und Politik drehen als um Kunst und ästhetische Fragen. Künstlerisch sind allenfalls die Anlässe, doch der Ehrgeiz des Feuilletons zielt auf Höheres. Es fühlt sich als Macht, und im gesellschaftlichen Spiel um Einfluß und Prestige will es der vornehmste und schlaueste Teilnehmer sein. Die in den achtziger Jahren von der Wissenschaft übernommene Debattenhegemonie hat das Feuilleton vor allem bei der Neukonstitution des deutschen Nationalstaats seit 1989 zur Geltung gebracht. Obwohl außen- und verfassungspolitisch das meiste sehr früh entschieden war, entbrannten zwischen dem kanzlerfreundlichen konservativen Flügel des Feuilletons und dem liberalen Lager letzte Geisterkämpfe zu nationalen Symbolfragen wie der Hauptstadtentscheidung, den Mahnmalproblemen, dem Deutschen Historischen Museum, der Bewältigung der DDR-Vergangenheit, kurz, einer Geschichtspolitik, die der Kanzler, durch die Bitburg-Pleite nicht verunsichert, zunehmend als persönliche Angelegenheit behandelte. Inzwischen verliert das Feuilleton wieder spürbar an Einfluß, sogar auf seinem eigenen Zuständigkeitsgebiet, der Kulturpolitik. So gelingt es dem Feuilleton immer seltener, die Interessen kultureller Institutionen gegen den Spardruck in den öffentlichen Haushalten durchzusetzen.

Die Strukturprobleme der Wirtschaft und des Sozialstaats lassen das feuilletonistische Politikfeld der Nationalsymbolik zwangsläufig in den Hintergrund treten. Die Konstellation, die das Feuilleton zu einer öffentlichen Macht über das Reich der Kultur hinauswerden ließ, könnte sich auflösen. Jedenfalls ist der Zeitpunkt für einen Rückblick günstig. Der Erfolg des Feuilletons − es handelt sich um die relativ geschlossene Welt der aufeinander reagierenden Kulturteile in der überregionalen Tages- und Wochenpresse − seit den achtziger Jahren beruhte auf einer Kombination politischer, ästhetischer und bildungssoziologischer Faktoren. Der politisch-materielle Hintergrund bestand in der neuen Prosperität, die der Konjunkturaufschwung während der ersten Jahre von Kohls Kanzlerschaft hervorbrachte, und in der Aussöhnung der linksliberalen Intelligenz mit dem westdeutschen Staat nach dem Ende des deutschen Herbstes, der sich mehr als Psychodrama denn als ernstzunehmende Bürgerkriegsdrohung herausstellte. Beides entspannte die Stimmung und schuf die relative Sorgenfreiheit, die ein vorwiegend auf Symbolisches gerichtetes Politikinteresse und die leichte Erregbarkeit durch historische Fragen ermöglichte. Mit dem bildungs-bürgerlich auftretenden Bundespräsidenten Weizsäcker eroberte der Feuilletonismus die Staatsspitze. Gerne lauschte vor allem der protestantische Teil der Nation einem Präsidenten, der während des Historikerstreits imstande war, intellektuell ernstzunehmende Signale auszusenden. Sacht rückten schon vor 1989 nationalgeschichtliche Themen in den Vordergrund; Soziologen und Philosophen wurden von Historikern als Debattenführer abgelöst. Bitburg, die Museumspläne des Kanzlers und der Historikerstreit bereiteten das Publikum auf den Geschichtsmoment des Mauerfalls vor; aus den Manövern mit Spielzeugmunition wurde mit einem Mal Ernst. Eine Sekunde lang schien die Weltgeschichte selbst zum Ruhm des Feuilletons beizutragen. Wer mochte da noch Romane rezensieren? Die bildungssoziologische Voraussetzung der neuen Feuilletonmacht war die Krise im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die bürgerlichen Geisteswissenschaften erhoben sich traditionell auf dem breiten Sockel der Bildung. Er aber wurde in den siebziger Jahren abgetragen, teils durch die Schulreformen, vor allem aber durch die Verabschiedung der klassischen Bildungssprache, die von der Wissenschaft gesprochen und vom Publikum verstanden worden war. Auch in den Philologien, der Kunstgeschichte, der Geschichtswissenschaft breiteten sich Fachsprachen aus, immer schneller wechselnde theoretische Terminologien, die das Publikum außerhalb der Seminare zunehmend von der Teilhabe ausschlossen, mindestens abschreckend wirkten.


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