Novemberheft 1965, Merkur # 212

Unamuno wieder in Sicht

von Werner Helwig
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Der spanische Philosoph, Schriftsteller und Dichter Miguel de Unamuno (geboren 29.9.1984 zu Bilbao, gestorben 31.12.1936 zu Salamanca) ist der Erfinder des tragischen Lebensgefühls. Das tragische Lebensgefühl resultiert aus der Sachlage: der Mensch erstrebt Unsterblichkeit in dem Glauben, aber daß Bestätigung dafür nicht zu erlangen ist, mobilisiert seinen Geist in der Richtung des Zweifels. Somit ist Existenz Fiktion, das Leben ein nebulöser Traum. Wer wen träumt: Gott den Menschen, der Mensch sich selbst, das Selbst die Gesellschaft, ist nicht auszumachen. Dieser Zustand stiftet die »die Unruhe zur Metaphysik«. Dank ihrer wird wahrnehmbar, was geschieht, aber nicht, was ist. Unamuno zog Kierkegaard an Bord der spanischen Sprache – ein Unterfangen an dessen verbaler Widersprüchlichkeit sich die ungeheure, trotzige Kraft und Großartigkeit seines Geistes erprobte. Als Heinrich Mann mit den Schriften Unamunos, vorzugsweise mit dessen Roman »Nebel« bekannt geworden war, schrieb er: »Ich habe nichts so Starkes seit langer Zeit aufgenommen. Hier ist nun endlich einmalwieder die Leidenschaft bis zum Letzten, die Erkenntnis, bis sie tödlich wird. Die berauschende Gefährlichkeit des Lebens wird fühlbar, man weiß, wozu man liest (und lebt) «. Und Reinhold Schneider schrieb: »Unamuno war Existenzialist par excellence − lange, ehe der Existenzialismus bürgerliches Unterhaltungsschema und Inhalt theatralischer Reißer wurde. Das leidenschaftliche Eins von Denken, Leben und Einsatz war seine Natur.« Man kann sagen, Unamuno habe den platonischen Dialog durch das Mittel des Gespräch-Romans wieder in die Philosophie zurückgeholt, aber vermehrt um die spanische National-Eigenschaft eines ganz und gar okkulten Humors, dem wiederum − durch die Herkunft Unamunos bedingt −, eine unüberhörbare baskische Komponente innewohnt. Man kann auch sagen (und konsequent scheint es dem Vorigen zu entspringen), Unamuno habe die Idee der Unsterblichkeit gerettet, indem er sie auf die Phantasiegeschöpfe der Dichter übertrug. Ein nicht geringer Teil seines geistigen Ringens galt dem Beweis, daß Don Quichote stärker sei als sein Erzeuger. Zweifelnd und verzweifelt erhoffte er sich ein ähnliches von seinen Figuren, die er gegen sich selbst meutern ließ, wie die berühmten sechs Personen Pirandellos gegen ihren Autor. [WS, 17.10.2019] Mit feiner List verurteilte Una-muno seine profilierteste Figur, denAugusto Perez aus dem Roman »Ne-bel«, in erbitterter Debatte zum Tode,um ihm (und sich) gerade dadurchdas Überleben im Gedächtnis der le-senden Nachwelt zu sichern.Augusto P£rez aber wehrt sich: »Siewollen also nicht, daß ich Ich bin, ausdem Nebel herauskomme, lebe, lebe,lebe, mich sehe, höre, betaste, michfühle, leide und bin. Sie wollen es


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