Juliheft 1963, Merkur # 185

Auf- und Abrüstung, moralisch und militärisch

von Jürgen Habermas
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Kürzlich war in Tageszeitungen ein bemerkenswertes Inserat zu lesen: über die ganze Seite erstreckt sich da eine Art Kontoauszug. In der linken Spalte, auf der Sollseite, sind programmatische Ziele verbucht, für deren Verwirklichung der Inserent sich einsetzt; nicht eben konkrete, aber ganz plausible Ziele wie Frieden und Sicherheit, Vollbeschäftigung und Wiedervereinigung, dazu noch eine Reihe Anstandsregeln: Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und Treue in der Ehe − wer wollte das nicht? In der rechten Spalte aber, auf der Habenseite dieser ideologischen Buchführung, sind abschreckende Verhältnisse registriert, gegen die der Inserent sich wendet. Vor allem gegen drei Gruppen zieht er zu Felde: gegen Homosexuelle, gegen Intellektuelle und − gegen Pazifisten. Zwar werden die homosexuellen und die lesbischen Beziehungen, werden pornographische Schriften und gelockerte Ehemoral erst an elfter Stelle genannt und gegen den von »Christusgesetzten Maßstab der absoluten Reinheit« aufgerechnet, aber schon unter die umso eher zu einer fraglosen Identifikation mit den angebotenen Autoritäten beiträgt, je ungehemmter sie sich gegen abweichende Minoritäten entladen dürfen.


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