Augustheft 1958, Merkur # 126

Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus

von Hans Magnus Enzensberger
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Die Sonnenflamme schoß immer näher herauf an die entzündeten Morgenwolken — endlich gingen am Himmel und in den Bächen und in den Teichen und in den lühenden Taukelchen hundert Sonnen miteinander auf, und über die Erde schwammen tausend Farben, und aus dem Himmel brach ein einziges lichtes Weiß.

Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super- Constellation. Ich richtete mich sofort zum Schlafen, es war Nacht. Wir warteten noch weitere vierzig Minuten draußen auf der Piste, Schnee vor den Scheinwerfern, Wirbel über der Piste, ... die Motoren dröhnten, einer nach dem andern auf Vollgasprobe. ... Endlich ging’s los.

In seiner Seele stieg eine überirdische Sonne mit der zweiten am Himmel. In jedem Tal, in jedem Wäldchen, auf jeder Höhe warf er einige pressende Ringe von der engen

Puppe des winterlichen Lebens und Kummers ab und faltete die nassen Ober- und Unterflügel auf und ließ sich von den Mailüften mit vier ausgedehnten Schwingen in

den Himmel unter tiefere Tragschmetterlinge und über höhere Blumen wehen.

Als man die Bouillon gelöffelt hatte, blickte ich zum Fenster hinaus, obschon nichts anderes zu sehen war als das grüne Blinklicht draußen an unsrer nassen Tragfläche, ab und zu Funkenregen wie üblich, das rote Glühen in der Motor-Haube. ... Später [flogen wir] irgendwo über dem Mississippi, in großer Höhe und vollkommen ruhig, unsere Propeller blinkten in der Morgensonne, die üblichen Scheiben, man sieht sie und sieht hindurch, ebenso glänzten die Tragflächen, starr im leeren Raum, nichts von Schwingungen, wir lagen reglos in einem wolkenlosen Himmel, ein Flug wie hundert andere zuvor, die Motoren liefen in Ordnung ... Es war noch früher Morgen, ich kenne die Strecke, ich schloß die Augen, um weiterzuschlafen.

Aber wie kräftig fing das bewegte Leben an, in ihm zu gären und zu brausen, da er aus der Diamantgrube eines Tales voll Schatten und Tropfen herausstieg, einige

Stufen unter dem Himmelstore des Frühlings. Wie aus dem Meere, und noch naß, hatte ein allmächtiges Erdbeben eine unübersehliche neugeschaffne in Blüte stehende

Ebene mit jungen Trieben und Kräften herausgedrängt — das Feuer der Erde loderte unter den Wurzeln des weiten hangenden Gartens, und das Feuer des Himmels flammte herab und brannte den Gipfeln und Blumen seine Farbe ein.

Unser Aufenthalt in der Wüste von Tamaulipas, Mexico, dauerte vier Tage und drei Nächte, total 85 Stunden, worüber es wenig zu berichten gibt — ein grandioses Erlebnis (wie jedermann zu erwarten scheint, wenn ich davon spreche) war es nicht...

Natürlich dachte ich sofort daran, zu filmen, und nahm meine Kamera; aber von Sensation nicht die Spur, ab und zu eine Eidechse, die mich erschreckte, eine Art

von Sandspinnen, das war alles.

Nur das Schoßkind der unendlichen Mutter, der Mensch, stand allein mit hellen frohen Augen auf dem Marktplatz der lebendigen Sonnenstadt voll Glanz und Lärm,

und schauete trunken rund herum in alle unzähligen Gassen. Aber seine ewige Mutter ruhte verhüllt in der Unermeßlichkeit, und nur an der Wärme, die an sein Herz ging, fühlte er, daß er an ihrem liege.

Ich habe mich schon oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind. Ich sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas — klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis?

Als er wieder ins Freie trat, lösete sich der Glanz in Helle auf, die Begeisterung in Heiterkeit. Jedes rote Kirchendach, und jeder schillernde Strom, der Funken und Sterne sprühte, warf fröhliche Lichter und hohe Farben an seine Seele. Wenn er in den laut atmenden und schnaubenden Waldungen das Schreien der Köhler und das Wider-

hallen der Peitschen und das Krachen fallender Bäume vernahm — wenn er dann hinaus trat und die weißen Schlösser anschauete und die weißen Straßen, die wie Stern-

bilder und Miülchstraßen den tiefen Grund aus Grün durchschnitten, und die glänzenden Wolkenflocken im tiefen Blau — so konnte ja wohl kein dunstiger Winkel

seiner Seele, keine umstellte Ecke mehr ohne Sonnenschein und Frühling bleiben, und seine Seele mußte ja in die tausend um ihn fliegenden und sumsenden Singstimmen einfallen und mitsingen: das Leben ist schön, und die Jugend ist noch schöner, und der Frühling ist am allerschönsten.!)

Wozu hysterisch sein? Gebirge sind Gebirge, auch wenn sie in gewisser Beleuchtung, mag sein, wie irgendetwas anderes aussehen, es ist aber die Sierra Madre Oriental, und wir stehen... in der Wüste von Tamaulipas, Mexico, ungefähr sechzig Meilen von der nächsten Straße entfernt, was peinlich ist, aber wieso ein Erlebnis? Ein Flugzeug ist für mich ein Flugzeug, ich sehe keinen ausgestorbenen Vogel dabei, sondern eine Super-Constellation mit Motor-Defekt, nichts weiter, und da kann der Mond sie bescheinen, wie er will. Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre garnichts, ausgenommen das Rieseln von Sand nach jedem Schritt.?)

wischen der Reise des Armenadvokaten Firmian Siebenkäs von Kuhschnappel nach Bayreuth und derjenigen des Un&sco-Ingenieurs Walter Faber von New York nach Caracas liegen eineinhalb Jahrhunderte. Die zeitliche und phänomenale Differenz zwischen beiden Texten markiert die Entfaltung einer Sache, von der wir kaum wissen, ob wir sie zu der unsern oder ob sie uns zu den Ihrigen gemacht hat: des Tourismus.

ı Jean Paul, Blumen-, Frucht- und Dornenstücke; oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armen-

advokaten F. St. Siebenkäs. Drittes Bändchen. Zwölftes Kapitel. (Zitiert nach der Ausgabe der

Sämmtlichen Werke von 1840 £.)

* Max Frisch, Homo Faber. Ein Bericht. Frankfurt a. M. 1957.

Als Jean Paul den Zenit seines Ruhmes erreicht hatte, kam diese Sache auf, und mit ihr das Wort. Die Wörterbücher melden für das Jahr 1800 das Auftauchen des  Touristen“, für das Jahr 1811 das des „Tourismus“. Diese Neubildungen sind, keineswegs zufällig, wie sich erweisen wird, der englischen Sprache zu verdanken.

Der Roman „Homo Faber“ von Max Frisch ist 1957 geschrieben. In den eineinhalb Jahrhunderten seines Daseins hat der Tourismus die Aufmerksamkeit der Historiker nicht auf sich ziehen können. Seine Geschichte ist immer noch nicht geschrieben. Zwar hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß Historie sich nicht allein zu Hofe, auf dem Schlachtfeld, in Kabinetten und Generalstäben abspielt, doch hat sich der Schematismus der Hofhistoriographie weithin auf die Kultur- und Geistesgeschichte, die seine Durchbrechung im Sinne hatte, übertragen. Voltaire ist neben Friedrich den Großen getreten, aber er fungiert wie dieser als historisches Versatzstück, das vor die Wirklichkeit gestellt wird. Wir haben eine Geschichte von Völkern. Die der Leute ist immer noch nicht geschrieben ; deshalb fehlt es dem Tourismus, der eine Sache der Leute ist, an historischer Verständigung über sich selbst.

Dafür gibt es in unserer Zivilisation wenig Erscheinungen, die so ausgiebig mit Hohn überschüttet, so geflissentlich kritisiert werden. Aber diese Kritik ist blind. Sie ist am blindesten dort, wo sie sich am repräsentativsten gebärdet, wo sie artistisch formuliert und mit dem Federschmuck einer flügellahmen Metaphysik geziert wird: „Der abendländische Tourismus ist eine der großen nihilistischen Bewegungen, eine der großen westlichen Seuchen, die an bösartiger Wirksamkeit kaum hinter den Epidemien der Mitte und des Ostens zurückbleiben, sie aber an lautloser Heimtücke übertreffen. Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim, so daß man schließlich zwischen Kairo und Honolulu, zwischen Taormina und

Colombo nicht mehr recht unterscheiden kann... Man muß begreifen, daß das Venedig der sight-seeing-Hennen in die Kategorie der Plunderhaufen Interlaken und Montreux gehört, im Vergleich zu denen Bochum und Nottingham nicht nur solide, sondern geradezu schön erscheinen ... Am deutlichsten wurde mir die zerstörende Kraft des Tourismus im oberen Engadin, dieser herrlich gelungenen Verschmelzung des Mediterranen und Polaren, diesem in Lärchen-Zartheit geglückten Ausgleich von Schwermut und Heiterkeit, von heroischem Schwung und stolzer Reinheit. Die Luft wird von der Kloake Sankt-Moritz verpestet, und das Auge wird beleidigt durch die nach Maloja sich ohne Unterbrechung hinziehende Kette von Komfort-Fabriken ... (Hier) bricht die europäische Krankheit in einer Kette von Eiterbeulen aus. Ein Land, das touristisch erschlossen wurde, verbirgt sich metaphysisch — es bietet eine Kulisse, aber nicht mehr seine dämonische Kraft dart).“

Diese Äußerung von Gerhard Nebel wird hier nicht zitiert, weil sie originell wäre, sondern im Gegenteil: weil sie für die Kritik am Tourismus, wie sie landläufig geübt wird, nur allzu charakteristisch ist. Bezeichnend ist in erster Linie, daß sie von einem eingefleischten Touristen herrührt. Intellektuell beruht seine Kritik auf einem Mangel an Reflexion, der an Torheit grenzt; moralisch beruht sie auf Einbildung. Die Berufung auf den Nihilismus, von dem keiner recht weiß, was er ist, bringt kein Licht in die Sache; sie ist bloßes modisches Attribut, das auf alles und nichts paßt. Mangel an Historizität, an faktischer Durchdringung des Gegenstandes, soll durch schlechte Metaphysik wettgemacht werden. Der Sachverhalt wird mythologisiert statt geklärt.

Die Denunziation des Tourismus, die sich mit seiner Kritik verwechselt, ist übrigens von ehrwürdigem Alter. Bereits im Jahre 1903 erschien in London ein kleines Buch aus der Feder eines gewissen Shand, der ein besonders passionierter Tourist war, unter dem Titel: „Reisen in der guten alten Zeit. Reminiszenzen aus den sechziger Jahren, verglichen mit den Erfahrungen der Gegenwart.“ Darin heißt es: „Vor vierzig Jahren gab es gemütliche Hotels, aber keine ungemütliche Masse... Touristen waren damals eine Seltenheit, und der billige Reisepöbel von heutzutage fehlte ganz... Im Lauf des letzten halben Jahrhunderts ist eine erschreckende Veränderung eingetreten. Der Tourist von seinerzeit würde sich die Augen reiben, käme er heute nach Basel oder Genf. Eisenbahnen führen kreuz und quer durchs Land; durch das Innere der Alpen werden Tunnels gesprengt; Seilbahnen wurden angelegt, wo immer ein hervorragender Gipfel gute Aussicht bietet; riesige Hotels sind überall hervorgeschossen; schlichte Schutzhütten haben sich in komfortable Gasthöfe verwandelt. Die Spielwiese Europas ist mit sight-seeing-Volk überschwemmt, und die Heiligtümer, über die dereinst die alte Nacht des Chaos allein gebot, sind entweiht und zum Tummelplatz der Masse erniedrigt worden?).“

Was Kritik zu sein vorgibt, erweist sich hier wie dort als Reaktion im doppelten Sinn des Wortes. Gesellschaftlich reagieren beide Stimmen auf die Bedrohung oder Vernichtung ihrer privilegierten Stellung.

Gerhard Nebel, Unter Kreuzrittern und Partisanen. Stuttgart 1950.

» A.I. Shand, Old-Time Travel. Personal Reminiscences of the Continent Forty Years Ago com-

pared with Experiences of the Present Day. London 1903. (Zitat vom Autor übersetzt.)

Implizit verlangen sie, das Reisen solle exklusiv sein, ihnen und ihresgleichen vorbehalten bleiben. Worin sie sich selber von den „sight-seeing-Hennen“, vom „billigen Reisepöbel“ eigentlich unterscheiden, bleibt ungesagt. Der Komfort, den man selbst ohne weiteres in Anspruch nimmt, wird jenem Pöbel wie eine Sünde aufgerechnet. Die technische Entwicklung der Verkehrsmittel, denen der Tourismus seine Existenz verdankt, wird verwünscht; idealisiert dagegen die schlichte Primitivität vor-


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